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Wildtiere im Landkreis:Die Pflicht zur Hege

Wolf im Landkreis

Anton Krinner ist Experte für Rotwild.

(Foto: Manfred Neubauer)

Im Winter wird das Rotwild gefüttert. Das gibt den Tieren die nötige Energie in der kargen Zeit, hält aber auch Schäden vom Bergwald ab

Wie viel Rotwild es im Landkreis genau gibt, ist schwer zu sagen. In der Hochwildhegegemeinschaft Isarwinkel, die sich auf einer Fläche von 63 000 Hektar südlich der B 472 bis zur Landesgrenze nach Tirol, den Lenggrieser und Gaißacher Bergen über Benediktbeuern, Kochel- und Walchensee und Herzogstand bis Vorderriß erstreckt, leben etwa 2400 der imposanten Wildtiere. Diese Zahl nennt Anton Krinner, Vorsitzender der Hegegemeinschaft und ausgewiesener Rotwildexperte. Der Bestand betrage in etwa das Dreifache der jährlichen Strecke, erklärt er. In den insgesamt 33 weiträumigen Revieren, die zur Hegegemeinschaft gehören, müssen pro Jahr etwa 800 bis 900 Stück Rotwild erlegt werden. "Der Fokus ist, dass der Bestand nicht ansteigt und besser leicht gesenkt wird", sagt Anton Krinner.

Denn die größte frei lebende Wildart in Deutschland - ausgewachsene Hirsche bringen mehr als 200 Kilogramm auf die Waage - kann dem Wald auch großen Schaden zufügen. Rotwild grast großflächig die Wiesen ab. Dazu aber frisst es nicht nur Triebe von Laub- und Nadelgehölzen, sondern kann auch die Rinde der Bäume abschälen. So können etwa Pilze in die Stämme dringen, deren Holz dann nicht mehr verwertbar ist. Um den Bestand niedrig zu halten, gibt es beim Rotwild einen jährlichen verbindlichen Abschussplan, der aufgrund der Wildschäden festgelegt wird. 40 Prozent der erlegten Tiere müssen Zuwachsträger, also weibliche Stücke, sein. Damit die Quote eingehalten wird, gibt es beim Tölzer Landratsamt sogar einen körperlichen Nachweis für weibliches Rotwild: Jäger müssen die erlegten Stücke vorzeigen.

Wo Rotwild vorkommen darf, ist im bayerischen Jagdgesetz streng geregelt - nämlich nur in ausgewiesenen Rotwildgebieten. Im Umkehrschluss heißt das: Rotwildfreie Gebiete sind rotwildfrei zu halten. Jäger müssen dort in der Jagdzeit also Hirsche, Tiere und Kälber erlegen. Dabei kommt es vor allem um den Wintereinbruch herum vor, dass die Tiere weite Strecken zurücklegen. Ihrem ursprünglichen Verhalten nach ziehen die Rudel nämlich im Winter von den Bergen in die milderen Auwälder. Doch wie Krinner erklärt, stehen die alten Wintereinstände an Isar, Loisach und Donau dem Wild heute nicht mehr zur Verfügung. Die Rotwildgebiete seien dennoch eine "rein politische Entscheidung", sagt der Jäger. "Das hat mit Wildbiologie überhaupt nichts zu tun."

Krinner hält die Regelung dennoch für richtig. Schließlich seien die Wanderungen der Tiere schon durch natürliche Sperren wie etwa die B 472 nicht mehr möglich. Der Immobilienunternehmer, der auch Naturschutzreferent im Kreisjagdverband ist, geht schon seit mehr als 40 Jahren auf die Jagd und erinnert sich noch an andere Zeiten. "Früher sind Rudel von 40, 50 Stück bis nach Bairawies und Wolfratshausen gezogen und standen dort auf den Auwäldern und Kiesbänken", erzählt er.

Im Winter braucht das Rotwild mehr Energie, um den Körper aufzuheizen. Weil es dann aber weniger und nährstoffärmere Nahrung gibt, hat sich die Biologie der Tiere angepasst: Der Pansen schrumpft - um rund 15 Prozent, wie Krinner schätzt. Zudem reduziert sich die Körpertemperatur um ein bis zwei Grad. Der Energieverbrauch sinkt. Dennoch brauchen die Tiere Nahrung. Etwa fünf Kilogramm Biomasse vertilge ein ausgewachsener Hirsch am Tag, erklärt Krinner. Deshalb sei die Winterfütterung unabdingbar. "Neulich wurde im Fernsehen gesagt, Füttern von Wildtieren wäre verboten", sagt der Rotwildexperte. "Dabei gibt es im bayerischen Jagdgesetz ausdrücklich eine Fütterungsverpflichtung." Auch im Bundesjagdgesetz ist das Jagdrecht explizit mit der Pflicht zur Hege verbunden.

In der Hegegemeinschaft Isarwinkel gibt es 30 freie Fütterungsplätze und ein Wintergatter in Vorderriß. Im Hochwinter kommen laut Krinner bis zu 1800 Tiere im ganzen Gebiet an die Fütterungen. Sie bekommen nach einem behördlich genehmigten Fütterungskonzept eine Mischung aus Heu, Grummet und Silage. "Das hat zum einen den Zweck, dass es den Tieren gut geht", sagt Krinner. Die Praxis nutze aber vor allem dem Wald. "Ohne Fütterung kann man Rotwild im Bergwald nicht halten", sagt der Jäger. "Da sind sich alle Experten einig." Schließlich müssten die Tiere bei gefrorenem Boden das nehmen, was noch zur Verfügung steht - also Triebe und Rinde von Bäumen. "Verhungern tun die nicht so schnell. Aber sie fressen ganz klar den Wald auf." Wann die Fütterung beginnt, hängt von Wetter und Topografie ab. In seinem Revier in Bad Heilbrunn habe er Mitte November begonnen, in höheren Lagen gehe es deutlich früher los, sagt Krinner. Überall, wo gefüttert werde, gelte aber absolute Ruhe. "Wichtig ist, dass es keine Störungen gibt. Wenn dort Leute nachts mit Hunden vorbeigehen, dann kommen 50 Stück Rotwild tagelang nicht an die Fütterung. Das gibt einen immensen Schaden."

© SZ vom 23.12.2017
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