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Wiesen für Insekten:Aufruf zur "Blumenwurzel-Revolution"

Nahrung für Bienen und andere Arten: Das erhoffen sich der Landesbund für Vogelschutz und die Kommunen von dem Projekt "Blühender Landkreis".

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Naturschützer und Kommunen setzen sich einen blühenden Landkreis zum Ziel. In der Pilotgemeinde Benediktbeuern legen sie gemeinsam Hand an.

Wer am Mittwochvormittag am Spielplatz in der Prälatenstraße in Benediktbeuern vorbeigekommen ist, hat dort nicht wie erwartet Kinder im Sandkasten mit Eimer und Schaufel beim Spielen gesehen. Stattdessen 15 Erwachsene - ausgerüstet mit Rechen, Schubkarren voller Erde und Sonnenhüten -, die auf dem Kiesberg des Spielplatzes mit energischen Mienen Erde umgruben und jäteten. Die Gemeinde Benediktbeuern wandelt, angefangen mit dem Spielplatz, einige öffentliche Flächen wie Verkehrsinseln und Begrenzungsstreifen, in naturnahe Blumenwiesen um.

Unter der Anleitung des Wildpflanzenspezialisten Reinhard Witt, haben Mitarbeiter der Bauhöfe aus Benediktbeuern, Wolfratshausen und Geretsried mit der Bepflanzung von ausgewählten Flächen in Benediktbeuern begonnen. Die Kommune wurde als Pilotgemeinde der Aktion "Blühender Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen" ausgewählt, und wird während des Projekts von Witt beraten. Bad Tölz hat mit der Gestaltung naturnaher Flächen schon begonnen, Wolfratshausen und Geretsried fangen in den nächsten Wochen damit an.

Bienensterben Insekten müssen verhungern, weil die Wiesen verschwinden
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Insekten müssen verhungern, weil die Wiesen verschwinden

Unter dem Insektenschwund leiden auch Vögel und andere Tiere, die Insekten fressen. Das wollen Naturschützer in Bad Tölz jetzt ändern.   Von Ingrid Hügenell

Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) hat die Aktion zusammen mit Gartenbauvereinen und Imkern vergangenes Jahr ins Leben gerufen. Walter Wintersberger, Vorsitzender der LBV-Kreisgruppe Bad Tölz-Wolfratshausen, sagt, er sehe in dem Projekt eine Win-win-Situation, da die Bauhöfe mit der Pflege von Wildblumenwiesen weniger Arbeit hätten, es weniger Geld koste und es einen positiven Nebeneffekt auf die Natur gebe. Witt sagt, Blumenwiesen sorgten für tierisches Leben im Siedlungsraum. Während sich Insekten von exotischen Blumen nicht ernähren könnten, da sie an heimische Pflanzen und Blüten angepasst seien, lebten zehn Tierarten von einer heimischen Wildpflanze. In Deutschland gebe es 560 Wildbienenarten, darunter solche, die sich nur von einer bestimmten Blütenart ernähren. So wie eine bestimmte Scherenbiene, die sich auf die Glockenblume spezialisiert hat.

Die beliebten einjährigen exotischen Blumenmischungen, die man in jedem Gartencenter kaufen kann, sind für die Mitarbeiter der Bauhöfe mit einem vergleichsweise großen Arbeitsaufwand verbunden. Jedes Jahr müssen die Samen erneut gesät werden und das Unkraut wächst oft schneller als die Blumen und verdrängt diese. Glatte Rasenflächen sehen auf Seitenstreifen zwar gepflegt aus, müssen jedoch bis zu zehn Mal im Jahr gemäht werden. Die Bauhöfe seien überlastet und der geringe Aufwand bei Wildblumenwiesen komme ihnen entgegen, sagte Witt. Eine Magerwiese müsse nur einmal im Jahr gemäht werden - vor dem Wintereinbruch. Unkraut jäten müssten die Bauhofangestellten in der Regel auf einer Wildblumenwiese auch nicht, da diese auf Kies oder Sand mit einer dünnen Kompostschicht wachse und Unkraut darauf weniger gut gedeihe. Die Wildblumen fangen dann auch schon im März an zu blühen, exotische Pflanzen dagegen erst im Mai. Der Nachteil einer Wildblumenwiese sei, dass sie Zeit brauche und im ersten Jahr noch nicht berauschend aussehe.

LBV blühender Landkreis

Naturschützer setzen sich für einen blühenden Landkreis ein.

(Foto: Manfred Neubauer)

Witt sagte zum Benediktbeurer Bürgermeister Hans Kiefersauer: "Im ersten Jahr sieht man nichts, da kapiert kein Mensch, was Sie da machen." Die Leute kämen vermutlich, um sich zu beschweren: "Da können Sie sich schon mal vorbereiten, Herr Bürgermeister." Um das zu verhindern und die Bevölkerung zu informieren, sollen Schautafeln des LBV mit Erklärungen zu dem Projekt an den Flächen angebracht werden. Die einheitlich gestalteten Schilder sollen im gesamten Landkreis die Bürger über die neuen Anpflanzungen aufklären.

Im zweiten Jahr wird das Warten dann auch belohnt, die Blumenwiese lockt mit Moschusmalven, Flocken-und Glockenblumen Zitronenfalter, Bläulinge, Schwalbenschwänze, Distelfinken und Bienen an und sieht in jedem Jahr anders aus - artenreicher und bunter. Die Kostenvorteile zeigte Witt anhand von Zahlen der Gemeinde Haar auf, in der 77 Prozent der öffentlichen Grünflächen Blumenwiesen sind. Blumenrabatten kosteten die Gemeinde 168 Euro pro Quadratkilometer, Blumenwiesen dagegen nur 0,77 Cent.

LBV blühender Landkreis

Am Blomberg gibt es einen Blühstreifen.

(Foto: Manfred Neubauer)

Matthias Schmiedberger, Meister des Baubetriebshofs der Stadtwerke Wolfratshausen, nahm an der Bepflanzung in Benediktbeuern teil, um die Techniken und Methoden kennenzulernen und sie dann auch in Wolfratshausen umzusetzen. Auf der Stadteinfahrtsfläche von Beuerberg aus kommend, gegenüber dem Seniorenzentrum sollen Wildblumenwiesen entstehen. "Die Blumenwurzel-Revolution hat begonnen", sagt Reinhard Witt am Ende seines Vortrags.