Süddeutsche Zeitung

Wie der Nachwuchs arbeitet:Mit Omas Wissen und der Wetter-App

Susanne Schwaighofer und Stephan Weinbuchner sind Jahrgangsbeste der Landwirtschaftsschule. Dass sie auch die Praxis beherrschen, beweisen beide täglich auf den elterlichen Höfen.

Um sechs Uhr morgens steht Susanne Schwaighofer im Kuhstall - jeden Tag, auch am Wochenende. Während andere in ihrem Alter noch mindestens fünf Mal die Schlummertaste am Wecker drücken, versorgt die 22-Jährige 30 Kühe. Eine Stunde braucht sie dafür. Alle zwei Tage um sieben Uhr kommt der Milchwagen und holt 1200 Liter frische Kuhmilch auf dem Hof der Schwaighofers ab.

Seit knapp vier Jahrhunderten ist der landwirtschaftliche Betrieb, der etwas außerhalb von Königsdorf liegt, im Familienbesitz. Und das soll auch so bleiben, findet Susanne Schwaighofer. Die junge Frau hat sich entschlossen, Landwirtin zu werden und damit die lange Familientradition weiterzuführen. Die Älteste von drei Geschwistern erträgt den Gedanken nicht, den Hof in fremde Hände zu geben: "Ich will mir nicht vorstellen, dass jemand anderes den Hof führt und die Kühe vielleicht unter schlechten Bedingungen hält."

Bevor sie sich ganz der Landwirtschaft widmete, machte sie zunächst eine Ausbildung zur Zimmerin, danach eine verkürzte zweijährige Landwirtschaftsausbildung in Mühldorf und Wackersberg. Letztere ist Voraussetzung, um die Landwirtschaftsschule in Holzkirchen besuchen zu können. Dort lernen junge Landwirte in drei Semestern, was auf sie zukommt, wenn sie eines Tages den elterlichen Betrieb übernehmen und betriebswirtschaftlich leiten. Vor einigen Tagen ging das Sommersemester für Susanne Schwaighofer und ihren Jahrgang zu Ende. Die Königsdorferin erreichte einen Notendurchschnitt von 1,75 und hat das Schuljahr damit als Jahrgangsbeste abgeschlossen.

In einer Semesterarbeit muss der Hof analysiert werden

Auch Stephan Weinbuchner hat sich für die Landwirtschaftsschule Holzkirchen entschieden. Er erreichte mit einem Notendurchschnitt von 1,94 ein hervorragendes Ergebnis. Und auch er ist früh auf den Beinen. Um halb sechs steht Stallarbeit auf dem Tagesplan - noch vor dem Frühstück. Das ist manchmal hart für den 27-Jährigen, der gerne etwas länger schlafen würde. In den Achtzigerjahren übernahm sein Vater den Hof in Rimslrain bei Wackersberg von einer Großtante. Von Klein auf war Stephan interessiert und begeistert dabei, wenn es galt, Tiere zu füttern, Weiden zu pflegen und Holz zu machen.

Heute bewirtschaftet er gemeinsam mit seinem Vater und seiner Mutter 30 Hektar Grünland und versorgt 22 Milchkühe. Irgendwann wird er den Hof der Eltern ganz übernehmen. Genau wie seine Mitschülerin Susanne absolvierte er zunächst eine Ausbildung abseits der Landwirtschaft. Der Vater gab ihm diesen Rat. Also wurde Stephan Industriemechatroniker, bevor er 2013 als Quereinsteiger die Alm-Akademie in Holzkirchen absolvierte. Auch über diesen Weg erfüllt man die Eingangsvoraussetzungen für die Landwirtschaftsschule und kann staatlich geprüfter Wirtschafter für Landbau werden.

Um diesen Abschluss zu erreichen, müssen die jungen Landwirte unter anderem eine Semesterarbeit abliefern, in der sie den elterlichen Hof analysieren, genaue Zahlen zusammentragen und Arbeitsabläufe optimieren. Schwerpunkt ist dann die Planung eines Zielbetriebs. Für Stephan und Susanne bedeutet das die Kalkulation eines neuen Kuhstalls. Beide wollen dieses Projekt nicht nur in der Theorie durchdenken, sondern, wenn möglich, jeweils auf ihrem Hof praktisch umsetzten. "Wir brauchen Platz für 20 weitere Kühe", sagt Susanne. 50 Tiere und die rund 40 Hektar Grünland können Vater und Tochter zu zweit gut versorgen. Mehr würde schwierig werden. "Wir leben ja nebenher auch noch!" Das Heu als Futter für die Kühe produzieren die beiden überwiegend selbst.

"Wenn die Berge trüb sind, bleibt das Wetter schön"

Anfang August veröffentlichte das Landesamt für Statistik die aktuellen Zahlen zu den bayerischen Landwirtschaftsbetrieben. Die machen deutlich, dass der Strukturwandel in der Branche weiter anhält: Immer weniger kleine Betriebe können allein von der Landwirtschaft leben. "Klar, macht man sich Gedanken über die Zukunft", sagt Stephan. Er weiß, wenn der Hof wirtschaftlich bleiben soll, muss er umstrukturieren. "Das ist ein Grund, wieso ich mich für die Landwirtschaftsschule entscheiden habe", sagt er. "Hier lerne ich, Investitionen zu kalkulieren, und weiß damit, was sich rentiert." Und noch etwas ist dem 27-Jährigen ein Anliegen: "Die Landwirtschaft steht in vielen Punkten, zum Beispiel bei der Tierhaltung, in der Kritik. Ich möchte meinen Beruf vernünftig und mit dem nötigen Fachwissen repräsentieren."

Susanne steht am Feld gleich neben dem Hof und schaut etwas besorgt auf die Fläche, die ihr Vater gerade mäht. Prüfend nimmt sie ein Büschel Grün in die Hand und zerreibt das Gras zwischen den Fingern. "Eigentlich ist es ein bisschen zu feucht zum Mähen", sagt sie. "Jetzt müssen wir hoffen, dass es die nächsten drei Tage keinen Regen gibt." Denn so lange braucht das Gras, um zu trocknen. Dann kann es eingelagert und später verfüttert werden. "Meine Oma hat immer gesagt: Wenn die Berge trüb sind, bleibt das Wetter schön", sagt die 22-Jährige und checkt sicherheitshalber doch die Wetter-App.

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SZ vom 24.08.2017/aip
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