Die grafische Darstellung, die Robert Nörr mitgebracht hat, ist so einprägsam wie eindeutig. In der Zeit zwischen 1881 und 2021 werden die roten Balken immer mehr und gleichzeitig höher, die gegenläufigen blauen Balken dagegen immer spärlicher. So sieht es aus, wenn der Deutsche Wetterdienst die Temperaturabweichungen von den Durchschnittswerten darstellt. Deutschlandweit übertraf die Temperatur nach 201o bereits vier Mal die Zwei-Grad-Marke: Um mindestens so viel Grad war es also wärmer als im vorindustriellen Zeitalter.
Der Klimawandel bedroht die in der Region noch weit verbreitete Fichte
Für den heimischen Wald im Alpenvorland sind das schlechte Nachrichten. Weil Hitzeperioden zunehmen und die Trockenzeiten tendenziell länger ausfallen, wird es für die noch immer weit verbreitete Fichte kritisch. Die flachwurzelnde Baumart ist an solche Wetterbedingungen kaum angepasst und könnte zugrunde gehen.
Genau deshalb führt Nörr an einem föhnig-warmen Tag zu einem Waldstück unterhalb von Schloss Harmating. „Die Schlossherren haben viel mit verschiedenen Baumarten experimentiert“, sagt der Förster der Bayerischen Forstverwaltung, der für die Kommunen Wolfratshausen, Icking und Egling zuständig ist. Dies dürfte seiner Ansicht nach das richtige Rezept für den notwendigen Umbau sein, um die Wälder klimaresilienter zu machen. Dafür eigneten sich Mischwälder mit verschiedenen Nadel- und Laubbaumarten am besten, sagt er.

Beispielhaft dafür ist die Roteiche. Im Wald bei Harmating stehen mehrere eindrucksvolle Exemplare, die bereits Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts gepflanzt worden sein dürften - ein Baum mit einem äußerst geraden Stamm, einer mit vier dicht nebeneinander stehenden Ablegern. Für das Jahr 2025 hat die Dr.-Silvius-Wodarz-Stiftung die Roteiche zum Baum des Jahres gekürt. „Die Roteiche könnte ein Mosaikstein für den Waldumbau im Zeichen des Klimawandels sein“, sagt Nörr.
Die Roteiche kommt auf trockeneren Böden gut zurecht, wächst schnell und ist daher wirtschaftlich interessant
Dies liegt daran, dass die ursprünglich aus Nordamerika stammende Baumart auf trockeneren Böden gut zurecht kommt. Gleichzeitig wächst die Roteiche laut Nörr deutlich schneller als die heimische Stieleiche. „In 60 Jahren kommt ein Exemplar auf einen Durchmesser von 50 Zentimetern“, sagt der Förster. Dafür brauche eine heimische Eiche im Vergleich circa hundert Jahre. Das mache den Baum des Jahres auch wirtschaftlich interessant, was für Besitzer wichtig sei, um für den nötigen Waldumbau auch Geld auszugeben. Das Holz eignet sich für Möbel, Decken, Böden und Wände.
Wegen des schnellen Wachstums sei das Holz der Roteiche bereits von 1880 an zum Verkaufsschlager in Deutschland geworden, so Nörr. Eingeführt hatte die Baumart aber zuerst der Adel im 18. Jahrhundert als Zierexemplar für seine Privatgärten, die aus dem sogenannten „Indian Summer“ bekannte gold-rötliche Laubfärbung dürfte es vielen angetan haben. Trotzdem führt die Roteiche bundesweit heutzutage ein Nischendasein, sie macht Nörr zufolge nur 0,5 Prozent des gesamten Waldbestands aus.
Die Niedersächsischen Landesforsten wollen den Anteil der Roteiche bis 2055 auf ein Prozent erhöhen
Bis 2055 wollen die Niedersächsischen Landesforsten den Anteil auf ein Prozent steigern. So steht es in den Zielen für eine klimaangepasste Baumartenwahl der nordwestlichen Forstlichen Versuchsanstalt von 2019. Weil die Roteiche gut Brände überstehen kann, die wegen der zunehmenden Hitze- und Trockenperioden häufiger ausbrechen dürften, werden Exemplare auch ganz bewusst entlang von Feuerabwehrschneisen gepflanzt.
Nörr plädiert dafür, auch im Alpenvorland vermehrt auf diese Baumart zu setzen. Seltene heimische Arten wie Eibe oder Zirbelkiefer, Elsbeeren oder Feld- wie Spitzahorne sind ebenso gefragt. „Wer streut, rutscht nicht“, zitiert Nörr einen in der Forstwirtschaft verbreiteten Spruch. „Es geht darum, so viele Baumarten wie möglich zu mischen.“
Das Unterfangen ist allerdings komplex. Bei künftig wärmeren Temperaturen und zunehmender Trockenheit in Zukunft einfach Baumarten aus südlicheren Regionen Europas zu importieren, ist manchmal wenig erfolgversprechend. Die in Italien und Spanien verbreitete Zierreiche halte zum Beispiel die im Winter zwar seltener, aber immer noch auftretenden Frosttemperaturen nicht aus, berichtet Nörr. Zudem sei die Beschaffenheit des Bodens entscheidend, an welchen Standorten welche Baumart gut wachse. Die Roteiche gedeihe etwa auf sehr kalkhaltigen und nassen Böden überhaupt nicht. Einen Bergahorn ins niedrigere Alpenvorland zu verpflanzen, funktioniere ebenfalls nicht.

Unter Naturschützern ist die Roteiche allerdings umstritten, weil sie eben nicht heimisch ist und ökologisch für weniger Arten als interessant gilt. Laut Nörr sei deutschlandweit aber nur ein einziger Fall aus den Felswäldern der Sächsischen Schweiz bekannt, wo die Roteiche heimische Eichen verdrängt habe. Die Nationalparkverwaltung ließ dort Roteichen fällen. Für Nörr stimmt der Vorwurf nicht, dass diese Baumart so wenig Lebensraum für Insekten biete. „Die Roteiche hat eine höhere Vielfalt als die Buche.“
Geologisch ist der Boden Bayerns inzwischen vollständig kartiert. So wüssten die Förster genau, welche Standorte für welche Baumarten infrage kämen, so Nörr. Temperaturtechnisch könnte das Alpenvorland im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter vier Grad wärmer werden. Was solche Unterschiede ausmachen könnten, beschreibt der Förster beispielhaft an der Eiszeit. Damals sei es sechs bis acht Grad kälter gewesen, die Landschaft unter einem 400 Meter dicken Eispanzer verschwunden.
Nur vielfältige Mischwälder sind im Klimawandel resilient genug
Künftig wird es darauf ankommen, besonders vielfältige Mischwälder zu schaffen. Schon deshalb, weil sich infolge der Globalisierung Pilze und Schädlinge weltweit durch Waren- und Personenverkehr leicht ausbreiten. Nörr nennt etwa das Eschentriebsterben. Nadelbäume werden nach seinen Angaben auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Sie verdunsteten viel mehr Wasser als Laubbäume, etwa dadurch, dass Schnee auf den Nadeln erst schmilzt, ehe er sich ansammelt, auf Laubbäumen im Winter erst gar nicht groß liegen bleibt.
Keine Baumart alleine werde das Wundermittel gegen den Klimawandel sein, sagt Nörr. Aber jede könne ein wichtiger Baustein sein, um gesunde und zugleich wirtschaftlich auskömmliche Wälder zu erhalten.

