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Waldram:Ergreifende Erinnerungen

"LebensBilder": Badehaus-Verein gibt Zeitzeugen-Buch heraus

Von Felix Haselsteiner, Wolfratshausen

"Versteckt zwischen Dachbalken, halb nackt, voll entsetzlicher Angst, hört Lusia Rosenzweig die Schreie der Dorfbewohner." Mit diesen Worten beschreibt Birgit Brantl-Schwaiger, eine der Autorinnen und Autoren des Bildbandes "LebensBilder - Porträts aus dem jüdischen DP-Lager Föhrenwald", die letzten Momente, die Lusia mit ihrer Familie erlebte. "Als sie am nächsten Morgen ihr Versteck verlässt, ist ihre gesamte Familie und Verwandtschaft tot."

Das Schicksal von Lusia Rosenzweig, die in Ostpolen 1944 eine der letzten Aktionen der Deutschen gegen die Juden erlebte, steht exemplarisch für das einer Flüchtenden in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Sie überlebt, flüchtet und wird schließlich von einer zionistischen Untergrundbewegung in die amerikanische Zone geschmuggelt. Eine vorübergehende Heimat findet die junge Frau wie viele der 50 000 bis 70 000 jüdischen "Displaced Persons" im Lager Föhrenwald, wo im Nachkriegsdeutschland ein zentraler Fluchtpunkt entsteht.

Der 173 Seiten lange Bildband "LebensBilder".

(Foto: Hartmut Pöstges)

Mehr als zehntausend Menschen lebten zwischen 1945 und 1957 in der Siedlung bei Wolfratshausen, die mittlerweile Waldram heißt. Seit 2012 arbeitet das Erinnerungsprojekt Badehaus die Geschichten der Geflüchteten auf. Der Verein Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald hat vor kurzem sein 500. Mitglied begrüßt. In der Dokumentationsstätte erinnern seit 2018 eine Dauerausstellung und Wechselausstellungen an die Schicksale der Geflüchteten. Nun ist auch ein Buch erhältlich, in dem neben Lusia Rosenzweig, die mittlerweile Lusia Milch heißt, weitere 33 Frauen und Männer ihre Schicksale erzählen.

Mit dem Buch ist den Aktiven um die Historikerin Sybille Krafft ein beeindruckendes Werk gelungen. Die Porträts sind nahbar und geben einen eindrücklichen Einblick in die schockierenden Lebensumstände der Geflüchteten. Es ist ein zum Geschichtsbewusstsein mahnendes Buch, das durch die Stärke der Erzählungen wirkt. Das Leid und der Schmerz, den die Nationalsozialisten über die jüdische Bevölkerung brachten, wird immer wieder dargelegt. Die Zeitzeugen, die zu Wort kommen, haben die letzten Kriegsjahre und die ersten Nachkriegsjahre als Kinder erlebt. Während die Generation der Kriegszeugen ausstirbt, sind sie die letzten, die diese Erinnerungen weiter tragen können - auch wenn viele von ihnen längst in den USA oder in Israel leben.

Lusia Milch

Auch Lusia Milch erzählt in dem Buch ihre Lebensgeschichte.

(Foto: Justine Bittner/oh)

Einen entsprechend großen Aufwand hat die bunt gemischte Gruppe von Autorinnen und Autoren des Buches betrieben. "Von 18 bis 97 haben wir alle Altersklassen dabei", erzählt Krafft über ihr Team aus Schreibenden und Übersetzern. Das Buch ist nämlich zweisprachig erschienen - den Aufwand dadurch "hätte ich fast unterschätzt", sagt Krafft rückblickend. Begonnen habe das Buchprojekt im Frühjahr, als auch das Badehaus vorübergehend schließen musste.

Der 173 Seiten lange Bildband lebt auch von den Porträts, die Justine Bittner angefertigt hat und die bei der Wiedereröffnung auch bei einer Ausstellung im Badehaus zu sehen sein werden. Seit 2018 hat sie immer wieder Zeitzeugen fotografiert, es seien "ergreifende und prägende" Momente im Umgang mit den Protagonisten gewesen, sagt sie heute. Es sind derlei Momente, die man auch beim Durchblättern des Buchs hat.

Das Buch "LebensBilder" kostet 24,90 Euro und ist erhältlich unter www.erinnerungsort-badehaus.de

© SZ vom 10.12.2020
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