Süddeutsche Zeitung

Advent in Waldram:"Wir sind alle im Backwahn"

Vom Nugat-Türmchen bis zum Engelsflügel: Andrea Poloczek hat mit drei Freundinnen 60 verschiedene Plätzchen-Sorten gebacken. Am Wochenende findet man sie wieder im "Platzerlhimmel". Es geht um einen kleinen Beitrag zu einem großen Gemeinschaftsprojekt.

Interview von Stephanie Schwaderer, Wolfratshausen

Vanillekipferl, Misteln, gute Gespräche - der Waldramer Adventsmarkt sei so, "wie er sein sollte", sagt Andrea Poloczek. Seit mehr als 30 Jahren lädt sie zusammen mit anderen engagierten Frauen und Männern am zweiten Adventswochenende auf den Waldramer Kirchplatz ein, wo es Handgemachtes, Kulinarisches, Musik und eine lebende Krippe gibt. Ein Teil des Erlöses wird für soziale Zwecke gespendet. Die langjährige Leiterin der Wolfratshauser Stadtbibliothek findet man auch heuer wieder im "Platzerlhimmel".

SZ: Frau Poloczek, Sie kommen gerade aus Ihrer Backstube. Was gibt es heuer im "Platzerlhimmel"?

Andrea Poloczek: Alles! Einfach alles! Ich weiß gar nicht, wie viele Sorten wir diesmal haben. Voriges Jahr waren es 56, heuer dürften es noch ein paar mehr sein. Wir backen ja zu viert. Ich habe diesmal 20 Sorten gemacht, zum Beispiel Florentiner und Lime-Curd-Tropfen - die sind auch sehr begehrt bei meinen Enkelkindern, Ingwer-Cranberry-Makronen, Nugat-Türmchen oder Aperol-Plätzchen.

Wann haben Sie damit begonnen?

Anfang November. Ich mache das mit drei Freundinnen: Birgit Jordan, ihrer Schwester Anne Mayrhofer und Martina Steuer vom "Ohnverpackt"-Laden in Wolfratshausen. Wir sind alle im Backwahn. Unsere Keller sind voll. Ich habe etwa 40 Kilo gebacken. Jetzt geht es ans Verpacken. Es gibt Mischungen in einer kleinen Pappbox und sortenreine Tabletts, die wir mit kompostierbarer Biofolie verpacken.

Sie haben 40 Kilo gebacken, wie viel haben Sie zugenommen?

Gar nichts. Ich nasche nicht so viel, nur dann, wenn mal etwas zerbricht.

Es gibt wenig in der Küche, was so aufwendig ist wie ein Plätzchen. Wie oft nimmt man es in die Hand, bevor es fertig ist?

Sehr oft! Vor allem, wenn es ein doppeltes ist, das erst gefüllt und dann noch in Schokolade getaucht wird. Die Küche muss natürlich immer blitzsauber sein. Manche Sorten sind besonders aufwendig. Man macht den Teig am Vortag, damit er kühlen kann, dann wird ausgerollt, ausgestochen, gebacken. Nach dem Auskühlen wird glasiert. Ich habe jetzt Engelsflügel gemacht, deren Glasur noch mit Goldpuder bestäubt wird. Danach müssen sie trocknen und kühlen. Für die Aufbewahrung müssen Zwischenblätter aus Backpapier geschnitten werden. Da steckt schon Liebe drin. Wir backen natürlich nur mit guten Zutaten, Butter, Mandeln, Nüssen. Das ist der Grund, warum die Leute alle Jahre wieder zu uns kommen. Wir waren auch schon mal an einem Sonntagmittag komplett ausverkauft.

Bei wem haben Sie das Backen gelernt?

Bei meiner Mama. In mein Backbuch mit all den über die Jahre gesammelten Rezepten habe ich vorn ein Schwarz-Weiß-Foto von 1958 eingeklebt, da stehe ich in der Küche mit einem Schürzchen und steche meine ersten Plätzchen aus. Ich denke beim Backen gerne an diese Zeit zurück.

Und hören dazu Weihnachtslieder?

Eher Literatur-Podcasts. Und wenn es flott von der Hand gehen soll, auch gerne mal die Rolling Stones. Oder Jazz.

Den Waldramer Adventsmarkt gibt es seit 33 Jahren. Haben Sie von Anfang an gebacken?

Nein, in den ersten Jahren habe ich die Organisation übernommen. Die Idee entstand damals im Elternbeirat des Kindergartens Sankt Josef. Wir dachten, es wäre doch schön, den Waldramern etwas Besonderes im Advent zu bieten. Viele haben gesagt: Das wird ja doch nichts. Aber wir haben es trotzdem probiert. Und daraus ist dieses große Gemeinschaftsprojekt geworden.

Wer ist noch dabei?

Die Elternbeiräte von Kindergarten und Kinderhort haben wie immer Stände mit Handgemachtem, ebenso der Sozialkreis, Kolping Waldram wirft den Brotbackofen an, der Missionskreis Sankt Matthias kocht Suppe, die Grundschule führt ein Theaterstück auf, die Schützen verkaufen Bratwürste, und dann gibt es noch viele Leute, die sich privat engagieren.

Kein Schnaps? Kein Döner?

Unser Adventsmarkt ist fernab von jeglichem Kommerz. Wir wollen keine Fressbudenstraße, sondern eine gemütliche Atmosphäre. Bei uns gibt es einen Hirtenpunsch und eine alkoholfreie Variante für Kinder, auch Waffeln und Raclette. Im Vordergrund steht die Begegnung. Das Schöne an Waldram ist ja, dass es noch immer einen dörflichen Charakter hat. Man kennt sich. Der Markt ist ein Treffpunkt für Jung und Alt. Viele Gäste kommen mittlerweile bis aus Augsburg und München. Es hat sich herumgesprochen, dass es hier einen besonderen kleinen Markt mit einem schönen Rahmenprogramm gibt.

Und gute Plätzchen!

Auch das. Wir haben schon wieder viele Vorbestellungen, bei mir allein sind es 20 Kilo. Die Leute bringen seit Wochen ihre Plätzchen-Dosen vorbei. Die Erste hing heuer schon an Ostern an meiner Tür.

Handwerklicher Adventsmarkt Waldram, Kirchplatz, Samstag, 9. Dezember, 14 bis 20 Uhr, Sonntag, 10. Dezember, 11 bis 19 Uhr

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