Kinder reagieren häufig viel direkter und unverkrampfter, wenn ein Erwachsener fragt oder etwas erklärt. An diesem Apriltag führt Förster Robert Nörr die Erst- und Zweitklässler der Kombiklasse an der Ickinger Grundschule durch den Isarleitenwald, als die Gruppe auf Rehspuren im weichen Boden stößt. Die Wildtiere, sagt er, ernährten sich während der Wintermonate von grünen Knospen. Die der stacheligen Fichte schmeckten dem Reh kaum, dafür aber die der Tanne. „Die ist für die Rehe wie eine Praline.“ Die Wildtiere seien eben „absolute Feinschmecker“, sagt Nörr. Die Antwort eines der Kinder: „Feinschmecker? Da bin ich dabei!“ Ein prompter Selbstversuch führt zum Ergebnis, dass Tanne tatsächlich intensiver schmeckt als Fichte.
Die Fichte soll durch andere Baumarten ergänzt werden
Der Hintergrund ist allerdings ernst: Fichten vertragen längere Hitze- und Trockenperioden, die durch den Klimawandel vermehrt zu erwarten sind, nur schlecht. Der Wald soll daher vielfältiger werden, möglichst unterschiedliche Arten sollen den bislang wichtigsten Wirtschaftsbaum ergänzen. Das ist beispielweise die Tanne, von der einige hüfthohe Setzlinge an einer Stelle im Isarleitenwald mit Drahtgeflecht ummantelt sind. Das soll vor Wildverbiss schützen, damit die Exemplare wachsen können. Für Nörr ist es daher zugleich nötig, Rehe zu jagen, damit der Bestand nicht überhand nehme und die Waldverjüngung erschwere. Ein durchaus kontroverses Thema.
Der Wald ist eines der wichtigen Ökosysteme, seine Zusammenhänge weiß Nörr so zu vermitteln, dass die Kinder fast zwei Stunden lang aufmerksam bleiben. „Im Wald ist alles ein Kampf ums Licht“, sagt der Förster und nennt damit eines der zentrale Elemente, die zum Wachsen nötig sind. Das schließt die Frühblüher am Boden mit ein. Pflanzen wie die Schlüsselblume oder das Buschwindröschen können im Frühjahr nur blühen, weil die Bäume noch keine Blätter ausgetrieben haben, so kann genügend Licht bis zum Untergrund gelangen.

Das geht den Bäumen kaum anders. An einer Stelle mit dichteren, viel Schatten werfenden Exemplaren verteilt Nörr an die Kinder rote Bändchen, um junge Triebe zu markieren. Doch was die Erst- und Zweitklässler finden, ist oft nur wenige Zentimeter hoch. An anderer Stelle steht ein mannshoher Ahorn, kaum älter wie die gerade eben markierten kleinen Bäumchen. Der Grund: „Hier ist einmal eine große Fichte gestanden“, so der Förster. „Den Baum habe ich fällen lassen, weil ich wollte, dass kleine Bäumchen wachsen.“ Der Effekt: So kommt viel Licht auf den Waldboden, was das Wachstum anregt.
Warum Totholz für den Lebensraum Wald so wichtig ist
„Jede Sekunde wächst ein Kubikmeter Holz in Bayern nach“, erklärt Nörr. Das ist auch nötig, um genügend Nachschub für Baumaterial, Möbel oder Papier zu bekommen. Lernen können die Kinder auch, warum es sinnvoll sein kann, abgestorbene Bäume im Wald stehen zu lassen. Das zeigt der Förster an einem Baum, der umgefallen ist, weil Wasser durch einen Spalt eindrang, das harte Stammholz faul und porös machte. Dies löste Pilzbefall aus, was das Holz weiter angriff, bis der Baum umfiel. „Das tote Holz ist wichtig, weil sich darin ganz viele seltene Käfer entwickeln können“, sagt Nörr. Schließlich zersetzt sich das Holz mit der Zeit zu Humus, aus dem die Pflanzen wichtige Nährstoffe ziehen können. Faktoren für den naturverträglichen Lebensraum Wald.
Der ist laut Nörr der beste Garant dafür, das Trinkwasser zu schützen. Wenn es regnet, saugt sich der Waldboden wie ein Schwamm voll. Der Niederschlag sickert durch Gesteinsschichten immer tiefer in den Untergrund, was wie ein großer Filter wirkt. „In 40 bis 50 Metern ist das Wasser total sauber“, so Nörr. Das passt, da Teile des Isarleitenwalds ein Wasserschutzgebiet sind.
Dass Bäume Wasser, Nährstoffe aus dem Boden und Licht brauchen, um zu wachsen, betrifft das große Ganze. Ein Detail ist, dass Fichtensetzlinge beispielsweise gerne direkt aus einem alten, bemoosten Baumstumpf wachsen. Weil sich im Holz viel Wasser speichert, sind die Bäumchen laut Nörr gut versorgt, durch den erhöhten Stand näher am Licht und im Gebirge zudem vor abrutschendem Schnee geschützt, der die zarten Triebe mitreißen könnte.
Weil die Bäume zudem noch Kohlendioxid in Sauerstoff umwandeln, was Mensch und Tiere zum Atmen brauchten, wird klar, was für ein faszinierender Gesamtkosmos der Wald ist. Zudem lässt sich Holz für unterschiedlichste Gebrauchsartikel verarbeiten - von der Kleidung aus Viskose, wofür laut Nörr etwa Buchenfasern verwendet werden, bis zum Gehäuse eines Kugelschreibers oder dem Holzkreisel, den jedes Kind nach der Führung bekommt. „Wir sind gerade dabei zu kapieren, was man mit Holz alles machen kann“, sagt Nörr. „Inzwischen gibt es erste Versuche, Teile von Computerchips durch Holzelemente zu ersetzen.“
Waldpädagogik
Robert Nörr ist als Revierförster der Staatsverwaltung für das Gebiet der Gemeinden Wolfratshausen, Icking und Egling zuständig. In dieser Funktion berät er auch private Waldbesitzer, zum ökologischen und zum ökonomischen Waldumbau. Seinen Angaben nach organisiert er etwa 20 bis 25 Führungen pro Jahr mit etwa 500 Kindern und Jugendlichen aus den Schulen in seinem Zuständigkeitsbereich. Circa hundert Stunden wendet er dafür auf. „Jede Klasse ist anders“, sagt er. Mit älteren Schülern steige er dann auch intensiv in Themen wie Ressourcenschonung oder Verteilungsgerechtigkeit ein. So sei er etwa an einem Projekt beteiligt gewesen, bei dem Ickinger Gymnasiasten verschiedene Wälder nach Aspekten der Erholungs-, Rohstoff- oder Trinkwasserfunktion miteinander verglichen hätten. An Grundschulen ist der Wald normalerweise in der dritten Klasse Thema. Die Lehrerin der Kombiklasse, Susanne Müller, hat mit ihren Schülern der ersten und zweiten Jahrgangstufe gerade in Heimat- und Sachkunde die Isar durchgenommen. Dafür fand sie die Exkursion in den Isarleitenwald am Hang obetrhalb gut geeignet.
