Wer im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen vom Kesselberg hinab zum Walchensee fährt, passiert am Urfelder Ortseingang ein Museum, das so einzigartig ist wie seine Lage. Neben einer schier überbordenden heimatkundlichen Sammlung, die von der dreitürigen Mausefalle bis zum 100 Jahre alten Schuldschein reicht, beherbergt das Walchensee-Museum mehr als 200 Grafiken des großen Impressionisten Lovis Corinth und das Werk der frühexpressionistischen Malerin Charlotte von Maltzahn. Verantwortlich für Haus und Sammlung sind Inge und Friedhelm Oriwol, die für ihren „Einsatz für Kunst, Kultur und Heimatkunde“ nun mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurden.

„Sie haben etwas Seltenes geschaffen – aus privater Leidenschaft, mit eigenen Mitteln, gegen alle Widrigkeiten: einen Ort der Erinnerung, der Schönheit und der Bildung“, sagte der bayerische Kunstminister Markus Blume (CSU) bei einer Feierstunde in München. Das Walchensee-Museum sei „ein kulturelles Juwel mit Seele“. Es erzähle nicht nur Geschichte, sondern bewahre ein Stück bayerischer Identität – „es berührt, es bleibt“. Was er nicht sagte: Seit Jahresbeginn ist das Walchensee-Museum geschlossen. Es fehlt an Nachfolgern und an Geld.
1975 hatte Friedhelm Oriwol, Jahrgang 1932, zusammen mit seiner Frau Inge, einer leidenschaftlichen Sportlerin, eine Ferienwohnung in Urfeld gekauft. Begeistert von der Schönheit der Landschaft begann der Bauingenieur, Ansichtskarten vom Walchensee zu sammeln. Bald folgten Stiche und Lithografien, Bücher, Briefe und Urkunden, Aquarelle, Landkarten, Zeitungsausschnitte und Werbeprospekte. Er sammelte alles, was mit dem Walchensee und dem Kochelsee oder der Jachenau zu tun hatte – Banales, Skurriles, Hochkarätiges. Seine Frau Inge strukturierte und inventarisierte das kontinuierlich wachsende Sammelsurium. 2003 gründeten die beiden die Friedhelm-Oriwol-Stiftung, fünf Jahre später eröffneten sie ihr Museum im ehemaligen Hotel „Zur Post“.


17 Jahre später nun also das Bundesverdienstkreuz: Beim Festakt in München sprach Kunstminister Blume von einem „Lebenswerk mit Strahlkraft weit über den Walchensee hinaus“. In „Zeiten, in denen Kultur oft um Aufmerksamkeit ringen muss“, zeigten Inge und Friedhelm Oriwol, „wie bürgerschaftliches Engagement neue Räume öffnet für Bildung, Erinnerung und Zusammenhalt“. Ihr Engagement sei „Maßstab für modernes Mäzenatentum“. Kultur lebe von Menschen, „die nicht fragen, wer zuständig ist, sondern einfach anfangen“. Engagement, so Blume weiter, halte offensichtlich auch jung. Die Preisträger seien „hochbetagt und gleichwohl ungebrochen tatkräftig“.
Inge Oriwol: „So hatten wir uns das nicht vorgestellt.“
Ein Anruf bei Inge Oriwol in München. „Herr Blume war entzückend“, sagt sie. „Mein Mann hat sich wahnsinnig über die Auszeichnung gefreut.“ Das Museum jedoch bereite ihnen Sorgen. „Mein Mann ist fast 93. Der schafft das nicht mehr.“ Sie selbst werde zwar erst 88 und mache noch jedes Jahr ihr Sportabzeichen. Aber das Autofahren habe sie aufgegeben. Nicht nur die Fahrt zum Walchensee, auch der Museumsbetrieb übersteige ihre Kräfte. Seit Jahresbeginn sei das Haus daher geschlossen.
„Wir waren immer nur zu zweit“, sagt Inge Oriwol, im Museum wie in der Stiftung. „Wenn man genug Geld hat, geht das. Wenn es knapp wird, dann steht man im Hemd da.“ Das große Gebäude koste Unterhalt. Im Winter müsse es beheizt werden. Mit den Eintrittsgeldern – eine Karte kostet fünf Euro – kämen sie nicht weit. „So hatten wir uns das nicht vorgestellt.“ Ihr Plan sei es nun, einen Stiftungsbeirat zu gründen, der sie unterstütze. Zwei Interessenten gebe es, einen Berliner Arzt und einen Verein in Hamburg. „Die werden das hoffentlich hinbekommen“, sagt Inge Oriwol.
Bis auf Weiteres werden Lovis Corinth und Charlotte von Maltzahn am Walchensee unter sich bleiben.
Weitere Informationen unter walchenseemuseum.de

