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Walchensee:Das tauchende Auge

Walchensee Tauchboot Jago

Feinarbeit mit schwerem Gerät: Mit einem Kran wurde das Forschungsboot "Jago" in den Walchensee gehievt.

(Foto: Manfred Neubauer)

Das Forschungsboot "Jago" ist sonst in allen Weltmeeren unterwegs. Am Walchensee zwängt es sich zur Inspektion durch den 1200 Meter langen Stollen des Kraftwerks. Danach soll es dort noch eine Woche tiefe Geheimnisse lüften.

Jürgen Schauer ist nicht bange. Norddeutsche Gelassenheit in Person, steht der Pilot der "Jago" mit Sonnenbrille am Ufer des Walchensees und schaut zu, wie ein Kran das einzige bemannte Forschungstauchboot in Deutschland im Zeitlupentempo über die Bäume am Straßenrand hinweg vorsichtig ins Wasser setzt. Mit dem Gefährt, das aussieht wie aus einem Jules-Verne-Roman, wird Schauer durch den engen Kesselbergstollen am Walchensee fahren, eine 1,2 Kilometer lange Röhre, die zum Wasserschloss führt und einen Durchmesser von nur 4,6 Metern hat. Außergewöhnlich sei das schon, sagt er. Auch anspruchsvoll. Aber eine so große Herausforderung nun auch wieder nicht.

Der Grund für die Unterwasserfahrt ist eine Inspektion der Wände in dem Stollen, der 1919 bis 1923 durch den Kesselberg getrieben wurde und zumeist mit Spritzbeton ausgekleidet ist. Alle zehn Jahre lässt die Eon Kraftwerke GmbH, die das Walchenseekraftwerk betreibt, den im Wasser liegenden Tunnel überprüfen. "Wir schauen, ob es Auffälligkeiten im Stollen gibt, ob da Ablagerungen oder Einbrüche sind, Risse oder Abplatzungen", sagt Pressesprecher Theodoros Reumschüssel. Damit will das Unternehmen sicherstellen, dass die Strömungsgeschwindigkeit von maximal 84 Kubikmeter pro Sekunde gewährleistet bleibt, um auf der anderen Bergseite die acht Turbinen im 200 Meter tiefer liegenden Kraftwerk anzutreiben. "Im Jahr werden so rund 300 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugt, ohne CO₂ freizusetzen", sagt Reumschüssel.

Zwei Tage hat es gedauert, das kleine Boot auf einem Anhänger nach Urfeld zu transportieren. Normalerweise liegt es gut 1000 Kilometer entfernt an der Kieler Förde, wo es dem Geomar-Helmholtz-Zentrum zur Ozeanforschung dient. In einem Tempo wie dem eines betagten Spaziergängers wird die "Jago" durch den Kesselbergstollen fahren, ausgestattet unter anderem mit neun LED-Scheinwerfern mit 50 Watt, zwei Elektronenblitzgeräten und HD-Kameras. Solche Touren sind für Schauer nichts Neues. Der Pilot, der bei 5000 Tauchstunden reichlich Erfahrung im Umgang mit Minibooten gesammelt hat, war damit nicht bloß in der eher seichten Ostsee, sondern mehrmals auch in Unterwasserhöhlen unterwegs. Und wenn im Stollen irgendetwas Unvorhergesehenes passiert? "Wir haben einen Rettungsplan aufgestellt, ein Worst-Case-Szenario", sagt Schauer. Fielen etwa die Batterien aus, zögen Taucher die "Jago" aus dem Stollen heraus. Und überhaupt: Das Fahrzeug habe "einen Life Support von 96 Stunden". Alles paletti, kein Grund zur Sorge.

Nach Schäden im Stollen sucht nicht Schauer selbst, sondern ein von Eon bestellter Gutachter, der in der "Jago" mitfährt. Kaum vorstellbar, dass sich zwei Personen in dieses drei Meter lange und zwei Meter breite Gefährt hineinzwängen können. Für Pilotin Karen Hissmann täuscht der äußere Eindruck ein wenig. Ein Kleinauto wie der Smart sei "vom Volumen her nicht viel größer", sagt sie. Eine Herausforderung sei die zweieinhalbstündige Fahrt allerdings schon, weil das Miniboot nirgends auftauchen könne, auch nicht im Wasserschloss. Und viel Platz zum Navigieren ist in der Röhre ebenfalls nicht. "Wir können aber zentimetergenau manövrieren, wir haben Antriebe in alle Richtungen", sagt Schauer. Findet die Crew auffällige Stellen an der Stollenwand, werden sie mit einer eigenen Kamera geprüft, die an einem Greifarm der "Jago" befestigt ist.

Trotz aller hochmodernen Technik in dem Unterwassergefährt gibt es doch ein Problem: Der Pilot weiß im Kesselbergstollen nicht, an welcher Stelle er sich gerade befindet. Deshalb müssen Forschungstaucher der Firma "Submaris" mit auf jeweils 25 Meter skalierten Leinen vor der "Jago" am Einlaufbauwerk in Urfeld ins Wasser. So lässt sich später dokumentieren, wo genau sich ein Riss oder eine Ablagerung befindet. Florian Huber, der in Lenggries aufgewachsen ist und für die Kieler Firma arbeitet, ist einer der Taucher. "Das wird richtig kalt", sagt er. Schließlich beträgt die Wassertemperatur im Stollen kaum mehr als drei, vier Grad. "Aber wir haben gute Anzüge und Heizwesten." Dennoch weiß er schon jetzt, dass er am Abend dann müde und "richtig fertig" sein wird.

Dafür gibt es für den Tauchprofi und promovierten Unterwasserarchäologen jedoch eine Belohnung. Die "Jago" wurde nicht bloß an den Walchensee gebracht, um einmal durch den Stollen und zurück zu fahren. Das Miniboot bleibt eine Woche lang im Wasser und taucht den Steilhang am Westufer, die sogenannte Galerie, hinab, ebenso den Hang des Urfelder Bergs im Norden des Sees. Außerdem geht es noch 197 Meter hinunter in das Tiefenbecken. Für Huber ist dies der spannendere Teil der Rückkehr in seine Heimat. Er sucht in den Tiefen des Walchensees nichts Bestimmtes, schon gar nicht den sagenumwobenen Goldschatz, den die Nazis dort angeblich versenkt haben sollen. "Wenn wir über etwas stolpern, melden wir das natürlich", sagt Huber und lächelt. Er hofft darauf, vielleicht ein altes Einbaum-Kanu zu entdecken, das ihm etwas über die Siedlungsgeschichte am See verrät. Zudem liegen auf dem Grund des Sees die Wracks von Autos und Flugzeugen, eines davon soll aus dem Zweiten Weltkrieg stammen. Neugierig ist er auch darauf, "wie in den tiefen Gebieten die Flora und Fauna ausschaut - da unten ist jede Minute spannend."

Karl Hasenstorfer könnte ihm einiges darüber berichten. Der Urfelder half Schauer und dem Biologen Hans Fricke vor 27 Jahren dabei, die Gebühren für den Kran zu finanzieren, um das Forschungsboot "Geo" in den Walchensee zu hieven. Zum Dank durfte Hasenstorfer, der selbst ein begeisterter Taucher ist, damals in dem Tauchboot mitfahren. "Das war ein Riesendusel", sagt er. Rund 170 Meter ging es hinunter in den Kirchlgrund, er sah den Gletscherschliff an der Felswand und einen Riesenhecht vorbeischwimmen. "Das war eine tolle Sache." Gewundert hat er sich, dass tief unten am Seegrund so viele Fische leben, vor allem Saiblinge. Aber Fricke habe ihm dann erklärt, das sei ganz unspektakulär und liege einfach an der hervorragenden Wasserqualität des Walchensees. Für Hasenstorfer, der diese Woche die Taucher bei sich zu Hause beherbergt, wurde mit der Fahrt in dem Mini-U-Boot seinerzeit ein Kindertraum wahr, wie er sagt. "Als Bub denkst immer, dass du mal den Stöpsel ziehen und das Wasser rauslassen willst, um zu sehen, was da alles im Walchensee ist."

© SZ vom 23.03.2015
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