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Unterwasserarchäologie:Die Geheimnisse des Walchensees

Der Unterwasserarchäologe und Forschungstaucher Florian Huber hat am Walchensee einen Ein-Mann-Bunker entdeckt

Der Unterwasserarchäologe und Forschungstaucher Florian Huber hat am Walchensee einen Ein-Mann-Bunker entdeckt.

(Foto: Florian Huber/oh)

Der Lenggrieser Unterwasserarchäologe Florian Huber hat nicht nur in den Weltmeeren viel entdeckt. Auch in seinem sagenumwobenen Heimatgewässer, dem Walchensee, stößt er auf kuriose Funde, etwa einen Ein-Mann-Bunker.

Von Marie Heßlinger

Es heißt, im Walchensee lebe ein Waller, ein riesiger Wels also. Mit einem Flossenschlag könne er ganz München überfluten. Um ihn zu besänftigen, warfen die Münchner einmal im Jahr einen goldenen Ring - aus dem Gold der Isar - in den See. So lautet eine der Sagen um den Walchensee. Der Forschungstaucher Florian Huber geht ihnen nach, wenn er zu Besuch in der alten Heimat ist. Vieles hat er dabei schon entdeckt. Das jüngste Objekt seiner Aufmerksamkeit ist ein Ein-Mann-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg.

Huber hatte nicht gewusst, dass es so etwas gibt: Ein-Mann-Bunker. Doch mehrere Zehntausend davon sollen während des Zweiten Weltkrieges in Deutschland existiert haben, weiß der Archäologe heute. Die meisten jedoch wurden zerstört, oder, wie in diesem Fall: im See versenkt.

Es war im Februar 2020, der Walchensee hatte um die vier Grad. "Kalt war's", erinnert sich Huber an jenen, für einen wie ihn doch eher unspektakulären Tag. Der Unterwasserarchäologe lebt in Kiel und untersucht versunkene Städte und Schiffe in den Meeren dieser Erde. Dem Walchensee ist der Lenggrieser dennoch verbunden. Wenn er zu Besuch in der alten Heimat ist, springt er mit Freunden hinein.

So war es auch an jenem sonnigen Wintertag, als er mit dem Tretboot an die Nordspitze des Sees aufbrach. "Ich hatte den Hinweis von einem Kumpel, dass da was im Wasser durchscheint" sagt Huber. Lokale Medien berichteten hinterher, er habe diese Entdeckung mit einem ZDF-Kamerateam gemacht. So spektakulär sei es nicht gewesen, sagt Huber. Und dennoch: Was er und ein Freund im Wasser fanden, fasziniere ihn.

"Wie eine Telefonzelle aus Beton mit einer Eingangstür" lag dort ein Bunker. Ohne Boden und ohne Deckel, aber die Luke noch offen - und so klein, dass nur eine Person hineinpasste. Gewiss seien vor ihm schon andere Taucher daran vorbeigeglitten. Er habe ihn nicht entdeckt. Doch: "Ich bin Archäologe, ich erforsche das Ganze."

Für ein 3-D-Modell machte er Hunderte von Fotos aus allen Perspektiven. "Wir haben den vermessen und dann sind wir wieder abgezischt", sagt der 44-Jährige. Anschließend begann er zu recherchieren. "Es gibt tatsächlich jemanden, der ein Buch über Ein-Mann-Bunker geschrieben hat." Die sogenannten Splitterschutzzellen wurden "überall an strategischen Punkten stationiert", resümiert Huber nun, "auf Kasernen konnte man die finden, an Bahnhöfen, an Konzentrationslagern, an Industrieanlagen."

Unterwasserarchäologe Florian Huber

Der Ein-Mann-Bunker.

(Foto: Dr.FLORIAN HUBER; Florian Huber/oh)

Huber vermutet deshalb, dass der Walchenseebunker - 3,2 Tonnen schwer, 2,36 Meter hoch, hergestellt von der Firma Dywidag bei Dresden - das Einlaufbauwerk des Walchensee-Kraftwerkes schützen sollte. Durch eine Schleuse fließt am Einlaufwerk das Wasser in den Bergstollen, um auf der anderen Seite, 200 Meter tiefer, in den Kochelsee zu stürzen. Wäre das Einlaufbauwerk zerstört worden, hätte das Kraftwerk keinen Strom mehr liefern können, vermutet Huber.

Der Walchensee ist mit 16 Quadratkilometern einer der größten Alpenseen Deutschlands, und er liegt hoch, höher als München, auf 800 Metern. Das ist wohl der Grund, warum die Münchner sich schon vor Jahrhunderten fürchteten, überflutet zu werden.

Im Zentrum der Landeshauptstadt steht eine kleine Barockkirche, um 1715 herum erbaut: die Dreifaltigkeitskirche. Einer Sage nach ist in ihren Gemäuern ein spezieller Stein eingebaut - "keiner weiß natürlich, wo", sagt Huber. Sollte dieser Stein herausgezogen werden, heißt es, "dann würde der Walchensee brechen, an der dünnsten Stelle am Kesselberg, und dann würden München und das Oberland überflutet werden". Huber fügt mit einem Schmunzeln hinzu: "Im Zweiten Weltkrieg wurden alle Kirchen in München zerstört. Die einzige, die nicht zerstört wurde, ist - komischerweise, oder interessanterweise - die Dreifaltigkeitskirche."

Mit den Walchenseesagen kam Huber bereits in seiner Kindheit in Berührung. "Man durfte keine Steine ins Wasser werfen, weil man sonst den Waller aufschreckt", erinnert er sich. Diese Geschichten seien es, "warum ich immer mal wieder schaue, was da unten so wirklich liegt".

Unterwasserarchäologe Florian Huber

Unterwasserarchäologe Florian Huber.

(Foto: Nanje Teuscher)

Die gewaltigen Goldringe zu finden, die im 18. Jahrhundert jedes Jahr in der Mitte des Sees geopfert worden sein sollen, hält Huber jedoch für unwahrscheinlich. Zwar hätten viele Mythen einen wahren Kern. Doch selbst wenn es die Ringe gäbe - sie würden unter Sediment vergraben liegen. "Man müsste an die tiefste Stelle des Sees tauchen und schauen, ob da unten ein Goldring ist", sagt er. Und der Walchensee sei tief. "Einer der tiefsten Seen Deutschlands." 190 Meter.

"Wir tauchen so 80, 90 Meter, was ungefähr das Doppelte ist, was ein Sporttaucher taucht", sagt der Unterwasserarchäologe. Vor fünf Jahren war er im Jago, Deutschlands einzigem bemannten Forschungs-U-Boot, im heimatlichen Walchensee unterwegs. "Da haben wir nichts gefunden", sagt Huber. Das jedoch habe nichts zu bedeuten. "Der See ist halt groß." Und einiges wurde in ihm bereits entdeckt.

Da sind zum Beispiel die Autos aus den 50er- und 60er-Jahren, darunter ein VW- Cabriolet und ein Ford Taunus. Vielleicht wurden sie heimlich im See entsorgt, vielleicht waren es Unfälle. Im östlichen Teil des Sees liegen Flugzeugteile eines britischen Lancaster-Bombers aus dem Zweiten Weltkrieg. Huber hat seine Geschichte erforscht.

Sie ist tragisch. Seine Besatzung, sieben Mann, bombardierte München im Zweiten Weltkrieg. Als ihr Flieger getroffen wurde, drehten sie ab in Richtung Süden. Auf der glatten Oberfläche des Walchensees wollten sie vermutlich notlanden und scheiterten. Die brennende Maschine, die Aufregung des Krieges, "das waren junge Männer, 20, 21 Jahre", rekonstruiert Huber. Große Teile des Flugzeugs wurden geborgen, "weil der Metallwert hoch war", doch ein Teil liege noch immer im See.

Die ältesten Funde des Walchensees sind Holzpfähle, die vermutlich zur Fischereianlage des Klosters Benediktbeuern gehörten. Sie sind 500 Jahre alt. Im Winter, wenn der Wasserspiegel um einige Meter abgelassen werde, ragten sie aus dem See, sagt Huber. "So kommen da halt spannende Dinge zutage", sagt der Lenggrieser, kleine Funde.

"Aber es ist halt lokalgeschichtlich interessant, und da ich mich für unsere Geschichte interessiere..." Als er 13 war, tauchte Huber zum ersten Mal, das war im Urlaub auf Mauritius. "Es ist wie eine Zeitkapsel", sagt er über das Tauchen. "Es ist kalt, man hat wenig Zeit, es ist unbequem - aber man wird entlohnt." Die Geschichten aus den Tiefen nach oben zu bringen, das sei das Schöne daran.

Huber vergleicht seine Arbeit gerne mit der eines "Tatort"-Kommissars. "Nur unser Tatort ist 100, 500 oder 5000 Jahre alt." Was seinen jüngsten Walchensee-Tatort betrifft, bekam Huber tatsächlich einen Hinweis, der für seine Bunkertheorie spricht: Auch am Kochelsee gab es ähnliche Schutzbauten. Das belegen zwei Fotos, die Huber zugeschickt wurden. "Deswegen kann ich mir vorstellen, auch wenn ich es noch nicht beweisen kann, dass dieses Ding eben oben bei dem Einlaufwerk stand." Beweisen könne er das wohl erst, wenn sich Fotos aus dieser Zeit vom Kraftwerk finden ließen, oder ein Zeitzeuge.

Auch wie der Bunker dann im See verschwand, ist bislang ungeklärt. Huber hörte, er sei erst nach dem Krieg im Wasser verschwunden. "Das kann ein dummer Jungenstreich gewesen sein", spekuliert der Forscher, die Antwort sei sicherlich nicht weltbewegend.

Spannend aber sei die Summe der Kuriositäten, die sich im Walchensee sammelten. "Egal, wo wir Archäologen abtauchen, findet man Dinge", sagt Huber. Und fügt hinzu: "Jetzt war es ein Einmannbunker. Und wenn ich im Herbst abtauche, finde ich vielleicht doch noch ein 500 Jahre altes Boot." Über den Walchensee hat er angefangen, ein Buch zu schreiben. 2022 soll es fertig sein.

Link zum 3-D-Modell online unter www.sz.de/wor

© SZ vom 13.05.2020

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