Vortragsreihe in Benediktbeuern Nur die Spitze des Eisbergs

Studenten der Katholischen Stiftungshochschule Benediktbeuern diskutieren mit Heiner Keupp von der Aufarbeitungskommission über Missbrauch in der Kirche

Von Nils Hannes Klotz, Benediktbeuern

Das Thema Missbrauch erschüttert die katholische Kirche.

Entsprechend groß war das Interesse, als jüngst die Katholische Stiftungshochschule (KSH) in Benediktbeuern zu einer Podiumsdiskussion mit dem Sozialpsychologen Heiner Keupp und der Sozialpädagogin Agnes Wich zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche ins Audimax am Campus eingeladen hat. Für die anwesenden Studenten der Religionspädagogik und Sozialen Arbeit bot die Veranstaltung einen Einblick in mögliche Ursachen sexualisierter Gewalt. Als angehende Sozialarbeiter könnten sie in ihrer beruflichen Laufbahn unter Umständen mit diesem Thema konfrontiert werden, so die Pressesprecherin der KSH, Alexandra Hessler.

Gut besucht war das Audimax der Katholischen Stiftungshochschule Benediktbeuern, als es bei einer Podiumsdiskussion um Missbrauch ging. Der Leiter der Hochschule, Hermann Sollfrank (r.), eröffnete den Gesprächsreigen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

In seinem Vortrag ging Keupp auf die Hintergründe des derzeitigen Missbrauchsskandals ein und präsentierte den aktuellen Forschungsstand. Die täterstützenden Strukturen müssten überwunden werden, sagte er. Keupp verwies dabei auf die von den katholischen Bischöfen in Auftrag gegebene MHG-Studie, der zufolge zwischen 1946 und 2014 in Deutschland mindestens 3677 Minderjährige Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. 1670 beschuldigte Kleriker konnten in dieser Studie Betroffenen zugeordnet werden. Was die Zahlen betreffe, bilde die Studie aber wohl nur die Spitze des Eisberges ab, so Keupp. Die eigentliche Zahl könnte deutlich höher sein. Eine sogenannte Dunkelfeldhochrechnung des Ulmer Kinderpsychiaters Jörg Fegert geht in diesem Zusammenhang von 114 000 Betroffenen aus.

Forschungsarbeit

An der Katholischen Stiftungshochschule in Benediktbeuern lernen die Studenten, welche Konzepte es für die Partizipation von Kindern gibt und wie Kontrollinstanzen und Beschwerderecht in Einrichtungen funktionieren, um Missbrauch vorzubeugen. Im Rahmen einer Forschungsarbeit von Dekanin Annette Eberle führen die Benediktbeurer Studenten zudem seit einem Jahr Interviews mit ehemaligen Heimkindern, die Opfer von Gewalt und Missbrauch wurden. Die Erfahrungen, welche sie in ihren Interviews teilen, könnten auch ambivalent sein, so die Dekanin. Bedingt durch die repressiven Erziehungsstrukturen und ungleichen Machtverhältnisse habe es in Heimen bis in die 2000er- Jahre eine strukturelle Bedingtheit von Unrecht gegeben.NHK

Die Täter seien oft "Lichtgestalten des Vertrauens", welche Jugendliche an sich binden, erklärte Keupp. Dabei seien drei Tätertypen zu unterscheiden: Der "fixierte Typus" habe eine pädophile Präferenzstörung. Der "narzistisch-soziopathische Typus" nutze den sexuellen Missbrauch als Machtausübung. Die größte Gruppe der Täter bilde aber der "regressiv-unreife Typus". Diese Täter wiesen eine defizitäre persönliche und sexuelle Entwicklung auf.

Als Mitglied der Aufarbeitungskommission fordert Keupp eine verbindliche Beteiligung der Betroffenen an den Aufarbeitungsprozessen, eine selbstkritische Auseinandersetzung der katholischen Kirche samt der Initiierung weiterer Aufarbeitungsprozesse, sowie die Einbeziehung von Frauen als mögliche Täterinnen.

Sexueller Missbrauch in der Kirche hinterlasse bei den Betroffenen ein "spirituelles Trauma", sagte Agnes Wich, die in ihrer Kindheit selbst Opfer von Missbrauch wurde. Der Glaube werde tief erschüttert und jeglicher Bezug zu Gott gehe verloren. Wich kritisierte, dass die Betroffenen auf den kürzlichen "Missbrauchsgipfeln" in Rom und Lingen weitestgehend ausgeschlossen worden seien. Die Kirche reagiere nur auf Druck. Unterlagen blieben seit vielen Jahren versperrt. Eine Neuformulierung des Kirchenrechts sei nötig, um das Beichtgeheimnis in derartigen Fällen brechen zu können, schloss die Sozialpädagogin.