Vor zwei Wochen hat sich um Richard Dimbath als Ideengeber der "Burgenverein Wolfratshausen" gegründet, der als Fernziel die 1734 bei einem Blitzschlag in den Pulverturm explodierte Wolfratshauser Burg wieder aufbauen will. Einige Menschen betrachten diese Pläne mit Skepsis. Zu ihnen gehört die Vorsitzende des Historischen Vereins Wolfratshausen, die promovierte Historikerin Sybille Krafft, mit der Matthias Köpf über die Burgpläne gesprochen hat.

SZ: Frau Krafft, hätten Sie auch gerne eine Burg in Wolfratshausen?
Sybille Krafft: Natürlich, aber nur die echte. Also im Ernst, es gibt wichtigere Aufgaben, in die man Zeit, Geld und Kraft investieren sollte, als den Wiederaufbau einer vor 300 Jahren abgebrannten Burg. Eine Rekonstruktion nach so langer Zeit widerspricht außerdem allen Prinzipien des Denkmalschutzes. Unser Ziel als Historischer Verein ist es, Denkmäler zu erhalten, nicht historisierende Nachbildungen zu schaffen. Eine genau Rekonstruktion ist ohnehin nicht möglich.
SZ: Wie original müsste die Burg Ihrer Ansicht nach denn mindestens werden?
Krafft: Es gibt keine Mauern mehr, kein Mobiliar, keine Baupläne. Das kann nur ein Disneyland am Loisachufer werden.
SZ: Ein Disneyland wäre immerhin eine Touristenattraktion. Genau darum geht es dem Burgenverein ja in erster Linie.
Krafft: Wir als Historischer Verein verstehen uns aber weder als Eventagentur noch als Tourismusmanager und auch nicht als Nostalgiker oder Geschichtsromantiker. Wir wollen keine Maskerade und kein Spektakel, sondern bemühen uns um eine moderne und kritische Geschichtsauffassung.
SZ: Und mit der ist eine Rekonstruktion der Burg nicht vereinbar?
Krafft: So ist es. Es wird sich überhaupt kein wirklich ernsthafter Geschichtsfreund oder Denkmalpfleger finden, der die Errichtung einer solchen potemkinschen Burg befürwortet. Wir bemühen uns, Geschichte zu erforschen statt Mittelalter zu spielen.
SZ: Das große Vorbild der Wolfratshauser Burgfreunde im französischen Guédelon zieht pro Jahr viele tausend Besucher an. Immerhin werden so viele Menschen für die Geschichte begeistert.
Krafft: Es gibt trotzdem historisch viel Sinnvolleres als das Schaffen eines Traumbilds. Man muss auch als Verein Prioritäten setzen, und die Rekonstruktion der Wolfratshauser Burg käme da für uns eben ganz zum Schluss. Gerade in Wolfratshausen, wo echte historische Bausubstanz immer gefährdet ist, wo die Stadt ein Denkmal wie das Vier-Jahreszeiten-Haus abgerissen hat und wo derzeit zum Beispiel das alte Krankenhaus in Gefahr ist, da gilt es alle Kraft aufzuwenden, die bestehende historische Substanz zu erhalten und auch eine sinnvolle und verträgliche Nutzung für sie zu finden.
SZ: Die Burgrekonstrukteure in Frankreich oder im österreichischen Friesach sehen sich mit ihren alten Techniken als "experimentelle Archäologen". Könnte nicht auf diese Weise historisches Wissen gewonnen werden?
Krafft: Man kann natürlich immer versuchen, so ein Projekt schönzureden. Aber es kann in Wolfratshausen einfach nichts Gescheites dabei herauskommen, weil die Grundvoraussetzungen für die Rekonstruktion einer vor 300 Jahren vollkommen zerstörten Burg nicht gegeben sind.
SZ: Sind Sie ganz grundsätzlich gegen Rekonstruktionen, zum Beispiel auch der Dresdner Frauenkirche oder des Berliner Stadtschlosses?
Krafft: Einen Wiederaufbau der Wolfratshauser Burg kann man in seiner politischen Symbolik und städtebaulichen Bedeutung ja nicht mit der Dresdner Frauenkirche oder dem Berliner Stadtschloss vergleichen. Da sollte man doch die Burg im Dorf lassen, sozusagen. Aber so lange die bestehende historische Substanz gefährdet ist, ist eine Rekonstruktion immer nachrangig.
SZ: Wenn die Rekonstruktion historisch nicht seriös zu machen ist, dann könnte man die Burg doch einfach gleich als Neubau ansehen und sie auch an einem anderen Ort errichten, um die Denkmalschützer zu besänftigen.
Krafft: Wenn nicht einmal der Ort mehr authentisch wäre, dann hätte das Ganze ja überhaupt keinen historischen Sinn. Aber jeder Verein kann natürlich tun und lassen, was er will. Der Historische Verein wird sich dieses Projekt jedenfalls nicht zu eigen machen. Das haben wir Herrn Dimbath auch schon vor langer Zeit gesagt.
SZ: Dimbath ist ein unerschütterlicher Optimist. In diesem Fall hofft er vergeblich?
Krafft: Ja, bei dem Thema werden wir nicht zusammenkommen. Aber in dem nächsten Buch, das der Historische Verein herausgeben wird und das von alten Handwerkskünsten im Isar- und Loisachtal handelt, werden wir selbst eine virtuelle Rekonstruktion der Burg als Abbildung präsentieren.
SZ: Das wird die Burgfreunde sicher interessieren. Auf welchen Quellen beruht Ihre Abbildung?
Krafft: Das will ich noch nicht verraten. Da müssen sie schon das Buch abwarten.