Freitagmorgen, ein trüber Wintertag, keine besonderen Vorkommnisse heute, wie schön, dass nichts Unheilvolles auf der Agenda steht in diesen bewegten Zeiten. Die Losung zum Wochenende: den Ruhestand genießen, eine Tasse Kaffee, mal schauen, was der Tag bringt, Aufregendes steht nicht zu erwarten. Das ändert sich schlagartig. Dass gegen 10 Uhr das Festnetztelefon anschlägt, ist zwar ungewöhnlich, weil sich meine Kontakte überwiegend per Handy abspielen und nicht zu dieser Uhrzeit. Aber egal, was konnte schon sein!
Aus dem Hörer dringt plötzlich panikartiges Schluchzen, der Gesprächspartner am anderen Ende gibt sich als meinen Sohn aus, assistiert von einem Polizeibeamten, beide überbringen eine furchtbare Nachricht: Mein Sohn habe einen schweren Unfall verursacht, er habe einen Menschen überfahren, er brauche Hilfe. Das Verstörende ist: Ich erkenne die authentische Stimme meines Sohns, was eine totale Verunsicherung bei mir auslöst – gleichzeitig aber auch ein spontanes Schamgefühl: Enkeltrickbetrug, das passiert doch anderen, hilflosen Senioren. Aber nicht einem selber, einem, der in jahrzehntelanger Berufspraxis gelernt hat, mit Informationen vorsichtig umzugehen.
Niemals hätte ich gedacht, dass ich mich von einem solchen Betrugsmanöver auch nur ansatzweise würde beeindrucken lassen. Dass mir nachträglich regelrecht die Knie wackeln würden angesichts dieser theatralischen Meisterleistung. Immerhin war die Skepsis stark genug, um den fatalen Anruf mit dem Vermerk abzubrechen, es handle sich doch ganz offenkundig um ein Fake-Manöver. Ganz im Sinne des Ratschlags, den die Polizei für solche Fälle immer wieder erteilt: schnellstens aufzulegen. Anzufügen wäre übrigens noch, dass der oder die obskuren Anrufer anschließend nicht mehr erreichbar waren, weder per Handy noch per Festnetz. Und dass sich mein Sohn alsbald gutgelaunt gemeldet hat.
