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Verlängerung der S7:"Wir ersticken im Verkehr"

Prognosen zufolge sollen auf der B11 im Jahr 2035 täglich schon um die 50.000 Fahrzeuge unterwegs sein. Aktuell sind es um die 30.000.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Wann und wie genau S-Bahn und B 11 ausgebaut werden können, ist derzeit offenbar immer noch ungeklärt. Geretsrieds Bürgermeister Michael Müller greift beim Besuch von Staatssekretär Stephan Mayer aus dem Bundesinnenministerium deshalb zu drastische Worten

Von Felicitas Amler

Die Stadt Geretsried wird offenbar noch sehr lange auf eine bessere Verkehrsanbindung warten müssen. Diesen Eindruck mussten Teilnehmende eines Besuchs aus Berlin am Dienstag im Rathaus gewinnen. Bis Geretsried mit drei eigenen Bahnhöfen an die S-Bahn angeschlossen und die Bundesstraße 11 vierspurig ausgebaut ist, wird es demnach noch viele Jahre dauern. Denn bisher haben sich die beiden unterschiedlichen Träger, Deutsche Bahn und Staatliches Bauamt, noch nicht einmal besprochen. Dies erläuterte Bürgermeister Michael Müller (CSU) seinem Gast Stefan Mayer (CSU), Staatssekretär im auch fürs Bauen zuständigen Bundesinnenministerium. "Wir ersticken im Verkehr", sagte Müller.

Bauen statt Mieten deckeln

Bauen und Wohnen waren das Thema eines Gesprächs, zu dem sich Staatssekretär Stephan Mayer und der hiesige Wahlkreisabgeordnete Alexander Radwan nach der Besichtigung Geretsrieds mit einer kleinen Runde zusammenfanden. Im Biergarten der Ratsstuben sagte Mayer, in Südbayern sei bezahlbares Wohnen "die große soziale Frage". Bundesinnenminister Horst Seehofer habe zu Beginn der Legislaturperiode 1,5 Millionen Wohnungen angekündigt. Bis Ende dieses Jahres würden es 1,2 Millionen. Mayer rechnete noch 700 000 Wohnungen hinzu, für die Baurecht bestehe. Nach dieser Kalkulation, so erklärte CSU-Stadtrat Ewald Kailberth, könnte Geretsried auf 36 000 Einwohner anwachsen - "allein durch Nachverdichtungen".

Mayer sagte, die Wohnungs- und Baupolitik der Union unterscheide sich "nach links" so: "Wir wollen die Probleme nicht durch Mietpreisbremse und Mietendeckel bekämpfen." Die Devise sei vielmehr: "Bauen, bauen, bauen!" Der Bund müsse die Kommunen in die Lage versetzen, einfacher und schneller Baurecht zu erreichen. Radwan sprach davon, dass Grund- und Erbschaftssteuer so geregelt werden müssten, dass Besitzer ihr eigenes Grundstück erhalten können.

Mit Blick auf die Geretsrieder Innenstadtentwicklung schnitt Mayer die staatliche Städtebauförderung an. Diese habe "eine unheimlich hohe Hebelwirkung". Ein Euro aus der Städtebauförderung löse das Sieben- bis Achtfache an privaten Investitionen aus. Auch insofern nannte er den Ausbau des Geretsrieder Zentrums "ein gutes Beispiel".

Neben einigen Parteifreunden der beiden Gäste nahm lediglich eine Bürgerin an dem Gespräch teil. Lena Gneist machte sich stark dafür, "mehr in die Höhe als in die Fläche" zu bauen und Fassaden und Dächer zu begrünen. CSU-Stadträtin Sabine Gus-Mayer erwiderte, dass dies immer auf Widerstand in der Bevölkerung stoße. fam

Der vierspurige Ausbau der B 11 und die Verlängerung der S 7 bis Geretsried sind seit Jahren diskutierte und immer im Verbund gesehene Projekte. Und sie sind die entscheidende Perspektive für die weitere Stadtentwicklung in Richtung Osten zum Schwaigwaller Bach hin. Dort, auf der Böhmwiese, soll ein neues Viertel entstehen. Und erst dann, so wurde die Innenstadtverdichtung rund um den Karl-Lederer-Platz mit einer Tiefgarageneinfahrt direkt vor dem Rathaus begründet, werde um das Rathaus herum eine urbane Situation mit einem großen neuen Platz und Kultureinrichtungen möglich sein.

Das Planfeststellungsverfahren für die S 7 bis Geretsried läuft. Mit dem Abschluss rechne er nächstes Jahr, erklärte Müller. Die Verlegung der B 11 samt vierspurigem Ausbau sei im "vordringlichen Bedarf" des Bundesverkehrswegeplans - dies allerdings bereits seit fünf Jahren. Die B 11 gehöre mit mehr als 30 000 Fahrzeugen täglich zu den stark befahrenen Bundesstraßen, so Müller. Die Schätzung laute, dass es um die 50 000 Fahrzeuge täglich bis zum Jahr 2035 werden. Der Verkehr habe aber bereits so zugenommen, dass die Planungen nicht mehr aktuell seien und überarbeitet werden müssten. Der Bürgermeister beklagte unter Zustimmung des Staatssekretärs ganz allgemein die Dauer der bürokratischen Abläufe. "Wir ersticken im Verkehr", sagte Müller, "schaut's bitte, dass die Verfahren schneller werden."

Eine Unklarheit kommt erschwerend für Geretsried dazu. B 11- und S-Bahn-Ausbau könnten ja, wie Müller erklärte, wegen der räumlichen Nähe nicht gleichzeitig abgewickelt werden. Denn während der Bauphase der B 11 müssten die starken Verkehrsströme irgendwo umgeleitet werden. "Wie läuft das ab?", fragte Müller. Es bedürfe einer Ausweichroute. "Die beiden Planungsträger müssen in irgendeiner Form harmonieren." Bisher aber hätten sie sich nicht abgesprochen.

Besuch aus Berlin: Staatssekretär Stephan Mayer (Mitte) und der Wahlkreisabgeordnete Alexander Radwan (rechts) lassen sich von Bürgermeister Michael Müller das neue Stadtzentrum zeigen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Mayer sagte, mit dem S-Bahn-Ausbau könne wohl frühestens in zwei bis drei Jahren begonnen werden, wenn die Planfeststellung kommendes Jahr stehe und wenn man Zeit für die zu erwartenden Klagen einrechne. "Wenn's gut geht, könnte sie bis 2030 fertig sein. Und dann erst kann man die B 11 angehen", so der Staatssekretär.

Es gibt aber offenbar noch ein drittes Hindernis: Die B 11 ist nach Müllers Worten nur in einem kurzen Teilbereich im vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans, die übrige Strecke ist gar nicht darin enthalten. Der Bürgermeister wiederholte seinen Hilferuf an den Staatssekretär: "Wir ersticken im Verkehr."

Mayer nannte die ganze Angelegenheit "spannend" und sagte, man müsse einmal "alle Beteiligten zusammenholen". Ob das jetzt geschieht und wer es in die Wege leitet, blieb allerdings offen. Mayer ist CSU-Abgeordneter des Wahlkreises Altötting-Mühldorf am Inn. Er kam in Begleitung seines Parteifreunds Alexander Radwan, Abgeordneter für Bad Tölz-Wolfratshausen und Miesbach. Radwan sagte, in der Wahrnehmung der Geretsrieder Bürgerschaft sei die S-Bahn-Planung "eine unendliche Geschichte".

Müller zeigte den Besuchern das neu gestaltete Stadtzentrum. Bei schönem Wetter fanden sie den Karl-Lederer-Platz in entspannter Atmosphäre vor, mit Kindern, die in den flachen Wasserläufen spielten, und Erwachsenen, die im Schatten der Bäume saßen. Mayer unterstrich die Gemeinsamkeiten von Geretsried und Waldkraiburg in seinem Wahlkreis. Beide sind von deutschen Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Relikten großer NS-Rüstungsbetriebe mit jeweils Hunderten Bunkern aufgebaut worden. Dem Geretsrieder Bürgermeister sprach er ein "großes Kompliment" für die Stadtentwicklung aus.

© SZ vom 22.07.2021
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