Veranstaltungsreihe:Corona in Noten

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Veranstaltungsreihe: Philipp Amelung, Leiter des Ickinger Konzertzyklus.

Philipp Amelung, Leiter des Ickinger Konzertzyklus.

(Foto: oh)

Der 21. Ickinger Konzertzyklus dreht sich um die Pandemie

Von Paul Schäufele, Icking

Falls man dem Bericht der Genesis Glauben schenken will, muss gesagt werden: Die Geschichte vom Turmbau zu Babel ist eine Straferzählung, aber alles ist daran auch nicht schlecht. Die Menschheit ist um einen Turm ärmer, hat aber zig Sprachen gewonnen und damit den Grundstein für interkulturellen Austausch. Der inzwischen 21. Ickinger Konzertzyklus widmet sich dem Thema aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. Gemeinsam ist ihnen die Wichtigkeit der menschlichen Stimme unter den widrigen Bedingungen der Pandemie.

Die im Sommer zum ersten Mal ausgestellte Klanginstallation "Babel" macht das explizit. Hier stehen 42 Holzstelen in einem Raum, auf ihnen ruhen Blumentöpfe, und aus diesen kommen Klänge, die der Komponist Aaron Dan notiert hat. Der Auftrag dazu kam von Philipp Amelung, Tübinger Universitätsmusikdirektor und musikalischer Leiter des Ickinger Konzertzyklus. Die Botschaft des im Kunstmuseum Reutlingen zuerst aufgeführten Stücks für 32 Gesangsstimmen, acht Violinen und zwei Sprecher ist so vielschichtig wie deutlich. Die Klangstelen sind so steril wie nur möglich. Sie sind so wenig infektiös wie zwei Menschen, die an Bildschirmen sitzen. Gleichzeitig wird dem Ganzen durch Titel und den gesungenen und gesprochenen Text (ein schon 2019 entstandenes Gedicht der belgischen Slam-Poetin Gioia Kayaga) eine Deutung beigegeben.

Die Misere, die zum Zusammenbruch gewohnter sozialer und künstlerischer Strukturen führte, ist nicht eine Strafe, die von Außen kam. Sie ist eine Eigenproduktion, Folge des menschlichen Hochmuts, der Türme zum Himmel wachsen lässt und Schneisen in die Umwelt schlägt. "Der Mythos wiederholt sich", heißt es in Kayagas Gedicht. "Vom Asphalt erstickt habe ich die Erdkruste schreien hören." Dans Komposition verteilt den Text und strukturiert ihn mit teils dissonanten, teils überraschend friedlichen Harmonien. Die Tonspuren stammen von Amelungs Tübinger Musikerinnen und Musikern und können von Freitag, 12. November, an in der Aula des Ickinger Gymnasiums erfahren werden.

Ein eigens für den Ickinger Zyklus entstandenes Werk ist die Kantate "Shadow and Hope". Die Pandemie ist eine globale Sache. Doch immer wieder droht das aus dem Blick zu geraten. Die Idee, dem künstlerisch etwas entgegenzusetzen, hat Amelung von Helmuth Rilling, dem langjährigem Leiter der Gächinger Kantorei und einer von Amelungs Lehrern. Rilling hatte 1995 ein "Requiem of Reconciliation" in Auftrag gegeben. Die Teile der Messe wurden von Komponisten aus am Zweiten Weltkrieg beteiligten Ländern vertont. "Ein eindrückliches Konzert", erinnert sich Amelung an die Uraufführung. So kam die Idee, eine Kantate von sechs Personen aus sechs Weltteilen gestalten zu lassen. Am Sonntag, 14. November, 17 Uhr, wird es soweit sein. Dann kommen das Theodor-Schüz-Ensemble und das Quartet Berlin-Tokyo unter der Leitung von Amelung zusammen, um in der Kirche Sankt Benedikt Ebenhausen das Gemeinschaftswerk zu präsentieren.

Die fünf Komponisten und die eine Komponistin waren in der Gestaltung ihrer Beiträge völlig frei, allein ein roter Faden war gegeben: Ein sechstöniges musikalisches Motiv, das aus der Übersetzung des Wortes "Corona" in Noten entstanden ist - ob spürbar oder nicht, noch ist das Virus da, noch macht es sich in verschiedensten Formen bemerkbar. Von den Beiträgern zur Ickinger Kantate spricht Amelung mit größter Kollegenfreundschaft, "tolle Typen" seien es, die er teils schon vor dem Projekt kannte, teils dafür erst kennengelernt hat. Jedenfalls sechs Persönlichkeiten, die sich in den sechs Sätzen widerspiegeln: Die von elektronischer Musik geprägte Hongkongerin Lokyin Tang; der US-amerikanische Chor-Experte Randall Svane; der deutsche Polystilist Markus Höring, der mit seiner "Passacaglia Pandemica" auf eine alte Form zurückgreift; Harry Crowl aus Brasilien, der das Streichquartett in den Vordergrund rückt; Antoine Sima aus Gabun, der die Klänge seiner Heimat integriert; der Australier Brenton Broadstock mit einem großen Schlusschor.

Keiner kann das C-Wort mehr hören. Doch die Ohren verschließen wird man nicht vor einem so künstlerisch ambitionierten Programm, das der Konzertzyklus anbietet. Vielfältig und kreative Energie sprühend, kann es der Grundstein zu einer neuen Auseinandersetzung mit den Bedingungen der Welt von heute sein.

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