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Ungewöhnlicher Kammermusik-Abend:"Das ist existenzielle Musik"

"Eine Verbeugung vor dem barocken Kontrapunkt, aber auch innige Musik": ARD-Preisträger Sebastian Manz tritt im Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium in Icking auf.

(Foto: Marco Borggreve/oh)

In der Reihe "Meistersolisten im Isartal" kommt das Quartett "Quatuor pour la fin du temps" von Messiaen zur Aufführung. Ein Gespräch mit Klarinettist Sebastian Manz über das Stück

Kammermusikabende mit Klaviertrio kommen vor. Doch fügt man noch eine Klarinette hinzu, entsteht ein Ensemble mit Seltenheitswert. Der ARD-Preisträger Sebastian Manz spricht über das ungewöhnliche Programm der Reihe "Meistersolisten im Isartal" und die Bühnenerfahrung in dieser Konstellation.

SZ: Das Konzert in Icking findet in einer außergewöhnlichen Besetzung statt. Wie kam es zu dieser Kombination?

Sebastian Manz: Dreh- und Angelpunkt des Programms ist das Messiaen-Quartett "Quatuor pour la fin du temps". Das Stück ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich, auch in der Besetzung Klarinette plus Klaviertrio. Man fragt sich: Was kann man dazu spielen, um dem Stück auch gerecht zu werden? Wir haben uns für Musik entschieden, die sich deutlich von Olivier Messiaens Werk abspaltet, nämlich Schumann. Aber es gibt Gemeinsamkeiten. Schumann ist für mich ein kammermusikalischer Komponist par excellence, das ist Musik für einen kleinen, intimen Kreis an Zuhörern. Deshalb werden wir auch bei den Schumann-Arrangements, bei denen nicht alle Instrumente spielen, immer gemeinsam als Kammermusikensemble auf der Bühne sein. Neben den Fantasiestücken Opus 12 für Klavier solo werden auch Arrangements der Sechs Studien für Pedalflügel zu hören sein. Man hört diese Stücke so selten, aber für mich ist das reiner Schumann.

Die Schumann-Stücke sind zum Teil Bearbeitungen, doch bei Messiaen kommen explizit Sätze vor, in denen Teile des Ensembles schweigen.

Genau, bei Messiaen wird es wichtig sein, diese Spannung auf der Bühne zu ertragen. Wir bleiben als Quartett sitzen, hören zu und spielen quasi mental mit. Mit Messiaens "Quatuor pour la fin du temps" würde ich nicht auf Tour gehen. Das Werk fordert die Künstler extrem, das ist existenzielle Musik. Umso erstaunlicher finde ich, dass am Anfang der Komposition das "Intermède" stand, ein kleines, positives Stück voller Lebensfreude.

Das Messiaen-Quartett ist ein legendäres Werk. Das liegt wohl auch an der Entstehungsgeschichte.

Das "Intermède" wurde in einem Waschraum uraufgeführt, in dem Kriegsgefangenenlager in Görlitz in Schlesien, in dem Messiaen interniert war. Der Lagerkommandant schenkte Messiaen Bleistifte und Notenpapier. Das hat er zum Anlass genommen, wieder zu komponieren. Er schaute sich um, welche Instrumente vorhanden waren, und das waren eben zunächst einmal Geige, Cello und Klarinette. Er selbst hat später den Klavierpart übernommen. So floss die historische Situation in das Werk mit ein. Das sind Umstände, die wir uns heute kaum mehr vorstellen können.

Beeinflusst die Kenntnis der Komponisten-Biografie die Interpretation?

Man kann diesen Kontext nicht von der Interpretation heute trennen. Natürlich kann man sich fragen, wie viel Politik in der Musik steckt, und was das für den eigenen Blick auf das Werk bedeutet. Darüber kann und muss man diskutieren, aber die Musik bleibt im Zentrum. Mir ist es wichtig, den Kontext zu kennen, die Situation, in der sich der Komponist befand und die sicher auch dazu führte, den acht Sätzen des Quartetts ein religiöses Programm beizugeben. Aber die Fragen sind allgemeiner. Im sechsten Satz gibt es kein Metrum, zu dem man mitschnipsen könnte. Damit hebelt Messiaen die Zeit aus und berührt Fragen, die uns alle angehen. Da reicht es als Musiker nicht, einfach alle Noten zu spielen, man muss da ein Risiko eingehen. Mit klassischer Schönheit hat das nicht mehr viel zu tun, wir versuchen während der Aufführung eine Gratwanderung zwischen Perfektion und Risiko. Jeder kleine Fehler wird da nichtig, weil es um extreme Emotion geht, der man freien Lauf lassen muss, um Apokalypse, das Ende der Zeit. Das funktioniert auf keiner CD, das muss man live hören.

La fin du temps: Sebastian Manz (Klarinette) Sarah Christian (Violine) Julian Steckel (Violoncello) Herbert Schuch (Klavier), Samstag, 12. Oktober, 19.30 Uhr, Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium Icking, Karten unter klangwelt-klassik.de

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