Ungewöhnliche Architektur im Tölzer Kurviertel Wetterwarte für Kur-Patienten

Ein schmuckloser Turm kennzeichnet die einstige Wetterwarte von Bad Tölz.

(Foto: Jean Molitor/oh)

Heimatschutzstil mit Bauhaus-Look? Das Anwesen an der Tölzer Badstraße 15 gibt nur auf den ersten Blick Rätsel auf. Es erinnert an die Anfänge der systematischen Meteorologie in der Stadt.

Von Kaija Voss

Im Tölzer Kurviertel steht auf der rechten Seite, kurz bevor es zur Isar hinab und zur Franziskanerkirche hinauf geht, ein sehr ungewöhnliches Haus. Gerade Architekturfans stellt das Gebäude an der Badstraße 15 vor Rätsel. Auf den ersten Blick ist alles einfach: Es ist ein eingeschossiger Bau mit Satteldach, Sprossenfenstern und hölzernen Fensterläden. Er erinnert an die Bauten der NS-Mustersiedlung in Wolfratshausen-Waldram, die ebenfalls im Heimatschutzstil errichtet wurden. Über der Tür steht die Jahreszahl 1938, stilistisch passt das perfekt.

Unruhe überkommt den Betrachter aber beim weißen runden Turm, der das Haus überragt. Befremdlich wirken nicht nur sein puristisches Weiß und die Schmucklosigkeit, sondern auch seine Fenster. Sind das etwa Fensterbänder der Moderne, eingebettet in ein rustikales Ambiente? Bauhaus gepaart mit Heimatschutz? War der Architekt vielleicht heimlicher Bewunderer der Moderne, der in Tölz während des Nationalsozialismus keine Aufträge mehr bekam und seine kühnen Bauideen heimatlich ummanteln musste?

Nur wenige Meter entfernt steht im Tölzer Badeteil die Wandelhalle, erbaut 1929/30, ganz in Weiß und mit einem modernen Rundbau als Abschluss. Wünschte sich der Bauherr des Hauses hier eine Wandelhalle en miniature, da die Zeiten des modernen Tölz vorbei schienen?

Eine andere, sehr logische Antwort ergeben Nachforschungen im Tölzer Stadtarchiv: Der weiße Turm diente der Wetterbeobachtung im Rahmen des Kurbetriebs, und diese hat eine eigene Geschichte. Sie beginnt, lange bevor es den Turm gab, in dem Moment, als Tölz der Titel "Bad" verliehen wurde - 1899.

Die Wettervorhersage speziell für Kur-Patienten wurde von da an sehr wichtig. Überhaupt gewann die systematische Beschäftigung mit dem Wetter im 19. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung. Bereits am 6. Oktober 1878 hatte König Ludwig II. auf Schloss Berg die Urkunde mit dem Titel "Die Errichtung einer Meteorologischen Centralstation in München mit 34 Beobachtungsstationen an verschiedenen Orten Bayerns betreffend" unterzeichnet.

Vor der Einrichtung einer amtlichen Wetterwarte behalf man sich in Bad Tölz in erster Linie mit ehrenamtlichen Wetterbeobachtern. Am 20. Juli 1927 allerdings wurde im Tölzer Kurier über die Abschaffung der Wetterwarte diskutiert, die trotz Ehrenamts immerhin mit 800 Mark zu Buche schlug. Der Stadtrat wollte das Geld einsparen. Nach einigen Überlegungen kam er jedoch überein, dass die Auflassung der meteorologischen Station nicht im Interesse des Bades sei. Denn eine Wetterwarte böte der Klimatherapie doch die wertvollsten wissenschaftlichen Unterlagen und sei für die Ärzteschaft eines Kurortes und für das medizinisch-wissenschaftliche Rüstzeug eines Kurbetriebes geradezu unentbehrlich.

Die Einrichtung einer amtlichen Wetterwarte folgte im April 1929. Der ehrenamtliche Privatgelehrte Hermann Scholl wurde abgelöst vom amtlichen Oberlehrer Schiedermair. Bereits am Jahresanfang 1929 hatte sich der Tölzer Stadtrat über die notwendige Ausstattung der Wetterstation verständigt. Neben Thermometern und Barometern waren unter anderem ein Hygrograf, ein Thermograf, Regenmesser und Wolkenspiegel, Windfahne und Reserveuhr vonnöten. Kosten insgesamt: 1600 Mark.

Den nächsten wichtigen Schritt zur modernen Klimaaufzeichnung vollzog die Stadt 1936, mit Eröffnung der Kurort-Klima-Kreisstelle, die auch schon an der Badstraße, zunächst aber noch im dortigen alten Zollamt untergebracht wurde. Erst als das neue Zollamt in der Nähe des Bahnhofs fertiggestellt war, wurde das alte Gebäude abgebrochen. Die Klimastelle zog in besagten Neubau mit weißem Wetterturm ein, er wurde extra dafür errichtet. 1937 wurde Bad Tölz von der Reichfremdenverkehrsstelle als Heilklimatischer Kurort anerkannt. Das heutige Prädikat als Kurort stammt von 1969. Bedingung ist, dass der Deutsche Wetterdienst bioklimatologische und lufthygienische Gutachten nach den Qualitätsstandards für Kurorte und Heilbäder erstellt.

Will der Kurgast heute die Wettervorhersage wissen, schaut er auf sein Smartphone mit der Wetter-App. Daten dafür liefert jetzt die Klimastation Bad Tölz, deren Messwerte im Zehn-Minuten-Takt aktualisiert und vom Deutschen Wetterdienst abgerufen werden. Den weißen Turm in der Badstraße zieren heute keine Messgeräte mehr, er beherbergt das Wartezimmer der Urologischen Praxis, die im Haus untergebracht ist.

Die erstaunliche Melange aus Moderne und Heimatlichkeit aber ist erklärt: Der Wetterturm von Bad Tölz war ein Zweckbau, integriert in eine Wohnhausarchitektur, die offenbar für den Kurbetrieb gefälliger wirken sollte. Für die Aufstellung der technischen Geräte und Messeinrichtungen werden die Ausdrucksmittel der modernen Architektur genutzt.

Es bleibt spekulativ und ist doch sehr gut möglich, dass der Architekt des technischen Bauwerks - auf Plänen von 1934 findet sich der Name Franz Albrecht - ein Bewunderer der Moderne war, denn sonst hätte er dem Wetterturm von Tölz wohl Zinnen aufgesetzt.

Die Autorin ist Architekturhistorikerin und lebt in Geretsried. Für die SZ hat sie zuletzt die Serie "Bau-Geschichten" geschrieben