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Umweltschutz:Wildnis statt Wirtschaft

Isartalverein Förderprojekt Isarauen

Urwald in spe: Auch die Auwälder an der Isar sollen dem Netzwerk angehören und künftig in weiten Teilen sich selbst überlassen werden.

(Foto: Neubauer)

Im Zuge der bayerischen Naturwald-Offensive werden im Landkreis zahlreiche Forstflächen sich selbst überlassen.

Von Konstantin Kaip

Der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen gehört zu den grünsten in Bayern: Knapp 60 000 Hektar Wald erstrecken sich zwischen Icking und den Karwendel-Vorbergen. Die vermeintliche Wildnis ist jedoch eine über Generationen bewirtschaftete Kulturlandschaft. Schließlich nutzen nicht nur die privaten Waldbesitzer ihr Holz, sondern auch der Freistaat, dem 37 Prozent der Wälder im Landkreis gehören. Nun aber sollen einige Teile davon wieder zu Urwäldern werden - im Rahmen der großen Naturwald-Offensive, die die bayerische Staatsregierung beschlossen hat.

"Grünes Netzwerk Naturwälder" nennt sich das umweltpolitische Programm, auf das sich CSU und Freie Wähler bereits im Koalitionsvertrag festgelegt haben. Rund 58 000 Hektar umfassen die Flächen, die Forstministerin Michaela Kaniber (CSU) nun bayernweit als Naturwälder ausgewiesen hat. Dort darf, außer zur Verkehrssicherung und bei Schädlingsbefall, kein Holz mehr geschlagen werden. "Das ist eine Fläche rund sieben Mal so groß wie der Chiemsee", heißt es in der Erklärung des Ministeriums. Mit Bekanntmachung seien "diese besonders naturnahen Waldflächen rechtsverbindlich als Teil des grünen Netzwerks gesichert und ihre natürliche Entwicklung zu den Urwäldern von Morgen dauerhaft und verbindlich festgelegt".

Welche Flächen im Landkreis sich selbst überlassen werden sollen, kann man auf einer Karte des Ministeriums (www.forst.bayern.de/naturwaelder) sehen: Die größten Areale findet man um den Sylvensteinsee, zwischen der Jachenau und Kochel soll es ebenfalls Naturwälder geben, genauso findet man kleine Inseln östlich von Lenggries. Auch die Auwälder entlang der Isar in Geretsried, Wolfratshausen und Icking werden Teil des Netzwerks. Laut Information des Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten werden im Landkreis insgesamt 5504 Hektar Forstflächen zu Naturwald erklärt: Bergmischwälder, natürliche subalpine Fichtenwälder und Auwälder am Fluss. Der Forstbetrieb Bad Tölz hat laut Leiter Rudolf Plochmann ganze 8965 Hektar Wald in Bad Tölz-Wolfratshausen und Weilheim-Schongau der Nutzung entzogen - ein Fünftel der insgesamt verwalteten Fläche und damit den zweitgrößten Anteil aller Forstbetriebe in Bayern. Es seien vor allem alte Wälder mit "naturnahen Waldgesellschaften", also Baumarten.

"Wir sind begeistert", erklärt der Vorsitzende des bayerischen Landesbunds für Vogelschutz, Norbert Schäffer, zur Initiative. "Das ist ein echtes Weihnachtsgeschenk fürs Bayerns Natur." Auch beim Bund Naturschutz (BN) ist man "positiv überrascht", wie der Vorsitzende der Kreisgruppe, Friedl Krönauer, sagt. "Wir freuen uns." Schließlich fordere der BN schon lange mehr Naturwälder. Nun mache Ministerpräsident Markus Söder sein Versprechen wahr, das er nach dem erfolgreichen Volksbegehren zum Artenschutz gegeben habe: dass zehn Prozent des Staatswaldes aus der Nutzung genommen werden. "Man will auf diese Weise auch den Druck aus der Forderung nach einem dritten Nationalpark in Bayern nehmen", sagt Krönauer. Die Offensive sei aber ein "erfreulicher Schritt". In Gesprächen mit Forstleuten habe er immer wieder Argumente gegen Naturwälder gehört, etwa dass ein bewirtschafteter Wald effektiver für den Klimaschutz sei. "Man hat dabei aus den Augen gelassen, dass wir nicht nur ein Klimaschutzproblem haben, sondern auch ein Artensterben", sagt Krönauer. Im Wald werde zu wenig Totholz als Lebensraum übrig gelassen, auch richte die Holzernte Schäden an. Das Volksbegehren habe aber deutlich gemacht, dass jeder seinen Beitrag zum Artenschutz leisten müsse, nicht nur die Landwirtschaft. "Das kann nicht an der Waldgrenze Halt machen." Es sei zu hoffen, dass bald auch Mittel für private Waldbesitzer frei gemacht werden, damit sich auch diese der Initiative anschließen.

"Eine wilde Waldnatur soll sich im gesamten grünen Netzwerk einstellen und dennoch bleiben die Wälder für die Menschen erlebbar", heißt es in der Mitteilung des Ministeriums. Krönauer glaubt, dass der eingeleitete Prozess, der freilich "eine langwierige Sache" sei, auch eine Chance sein kann, den Freizeitdruck zu mildern, der vielen Wildtieren zu schaffen macht. "Wir müssen uns an ein neues Bild von Wald gewöhnen", sagt er. Mit der richtigen Aufklärungsarbeit könne sich auch in der breiteren Bevölkerung festsetzen, dass der Wald für sich einen Wert habe. "Er ist das Wohnzimmer des Wildes, und das muss man respektieren."

© SZ vom 01.12.2020/aip
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