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Umweltschonende Waldbewirtschaftung:Mehr als ein Steckenpferd

Eine umweltschonende Form der Waldbewirtschaftung, und geschicktes Miteinander obendrein: Kaltbluthengst "Simmerl" und sein Besitzer Alois Geisenberger zeigen im Penzberger Wald, wie Holzrücken geht.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Zum ihrem 40-jährigen Jubiläum wollen "D'Rosserer" in Penzberg einen Schau-Wettbewerb ausrichten, bei dem Tier und Mensch gemeinsam geschickt und umweltschonend Stämme transportieren. Sie wollen diese Form der Waldbewirtschaftung wieder populärer machen

Simmerl legt sich ins Zeug. Ein Ruck, dann spannt sich die Kette, und er setzt sich in Bewegung, überraschend leichtfüßig trotz seiner 750 Kilo, die er auf die Waage bringt. Im Schlepptau hat er einen schweren Baumstamm. Alois Deisenberger muss Tempo vorlegen, um mit dem massigen Kaltblüter Schritt zu halten. In der einen Hand hält er die Leine, in der anderen den Sapie, ein Mittelding aus Hammer und Haken und unentbehrliches Werkzeug der Waldarbeiter. Das Pferd bahnt sich geschickt seinen Weg durch die Bäume mit dem dichten Unterholz. Wenn sich der Stamm verhakt, bleibt es stehen, so dass kein Zug mehr auf dem Geschirr ist und Deisenberger rangieren kann. Mit dem lautstarken Ruf "Wiest", was in der Sprache der Fuhrleute "links" bedeutet, gibt der Fuhrmann dem Ross die neue Richtung vor.

Holzrücken nennt man das, was Deisenberger und sein 13-jähriger Simmerl hier vorführen, der Abtransport von Baumstämmen. Die Geschicklichkeit, ein Pferd mit Last möglichst schnell um Hindernisse zu lenken, ist auch beim Holzrücke-Wettbewerb am 28. September auf Gut Hub gefragt. Zwar ist das noch ein Weilchen hin, aber schließlich sollen sich genug Teilnehmer anmelden. Deswegen steht Deisenberger heute zusammen mit Bürgermeisterin Elke Zehetner, Bauhof-Mitarbeitern und Vereinsfreunden beim Pressetermin im Wald. Die Penzberger Rosserer haben heuer etwas zu feiern, und zwar ihr 40-jähriges Vereinsjubiläum. Mit dem Hindernis-Parcours wollen sie aber auch einen Beitrag zum 100-Jahr-Programm der Stadt leisten. Ein buntes Bild mit Zugtieren aller Art schwebt den Pferdefreunden vor, die den in der Gegend ziemlich einmaligen Wettbewerb vor 15 Jahren schon einmal durchgeführt haben. "Schee wär's, wenn der zehnjährige Bua mit seim Pony und der 80-jährige Opa mit seim Kaltblut kemma dädn", hofft Deisenberger.

Dem Vereinsvorsitzenden geht es aber sichtlich um mehr als um Reklame für eine Gaudi-Veranstaltung. Der Wettbewerb soll zeigen, wie eine schonende Waldbewirtschaftung möglich ist. Mit einer Pferdestärke anstatt 200 PS: "Wenn der Harvester hier durchfahrn dad, was moanen's wie der Woid hinterher ausschaut", sagt er. Solche schweren Holzerntemaschinen, wie sie in der modernen Forstwirtschaft verwendet werden, schlagen nämlich breite Schneisen durch die Baumlandschaft, wühlen den Boden wie eine Mondlandschaft auf, zerstören ihn mit ihrem tonnenschweren Gewicht. Die Holzrückepferde aber hinterlassen keine Schäden im Wald. Für sie müssen auch keine Gassen breit wie Autobahnen durch die Baumlandschaft gezogen werden, denn die Tiere können sich auf engstem Gelände bewegen.

Noch bis in die 1960er Jahre war das die übliche Methode der Holzernte. Der wohl letzte hauptberufliche Holzrücker in Penzberg hieß Ludwig Demmel. "Der Vater hod den Glashüttenhof bewirtschaftet", erzählt sein Sohn Peter. Bis 1966, als das Bergwerk geschlossen wurde, brachte er mit den Pferden das Grubenholz zur Zeche. So erfahren waren die, dass sie "samt Last über Gräben springen konnten". Vereinsfreund Deisenberger weiß noch genau, wie die beiden Rösser vom Demmel hießen: Prinz und Moritz. "Für mi war des die größte Freid, wenn i als Bua die Rösser hob heimführn dürfen", kramt Deisenberger in seiner Erinnerung. Obwohl die Begleitung gar nicht notwendig gewesen wäre, denn die zwei hätten doch ganz alleine den Weg heim zum Stall gefunden, zieht ihn Demmel auf.

Jedenfalls sei er seitdem "infiziert", schwärmt Deisenberger. Wie für die meisten Rosserer-Mitglieder, die 1979 den Verein gründeten, um den Georgi-Ritt ins Leben zu rufen, ist es sein Steckenpferd, in der Freizeit zum Holzrücken zu gehen. Er hofft darauf, dass sich in Zukunft wieder mehr private Waldbesitzer auf diese umweltschonende Methode der Holzernte besinnen und verweist darauf, dass in Norddeutschland noch bis zu 80 Prozent mit dem Pferd gearbeitet wird. Weil er beim Bauhof beschäftigt ist, hat er der Verwaltung mit Erfolg vorgeschlagen, den Stadtwald wieder auf die traditionelle Weise zu bewirtschaften. Mit dem Sapie treibt er die Kette in den gefällten Baum. Er schnalzt mit der Zunge, das Ross läuft an, findet elegant die beste Strecke zum Straßenrand, wo schon Stämme aufgehäuft auf den Transporter zum Sägewerk warten. "Und steh'", ruft Deisenberger. Ein Kommando, das eigentlich überflüssig ist, denn als routiniertes Holzrückepferd weiß Simmerl ganz genau, wo er Halt machen muss.