Eigentlich könnte die Kreisgruppe des Bundes Naturschutz (BN) heuer auch schon ihr 85-jähriges Bestehen feiern. Das Kramen in den Archiven hat jedenfalls Erstaunliches zu Tage gefördert: In den "Blättern für Naturschutz", so hieß die Verbandszeitschrift früher, sind für das Jahr 1935 schon 74 Mitglieder für den Landkreis Bad Tölz und 76 Mitglieder für den Landkreis Wolfratshausen angegeben. Nur wenige Jahre später war im damals noch zweigeteilten Landkreis die Mitgliederzahl jeweils auf dreistellige Höhe angewachsen - im Süden genauso wie im Norden. Von den Aktiven von damals fehlen allerdings die Namen. "So wollen wir uns auf verlässlichere Quellen über die Gründung der Kreisgruppe verlassen", sagt Friedl Krönauer, der Vorsitzende des Bundes Naturschutz im Landkreis.
Der Umweltschutzverband feiert deshalb heuer nicht sein 85-Jähriges, sondern sein 50-Jähriges. Am 29. April 1970, also an diesem Mittwoch vor exakt 50 Jahren, fand im Gasthof "Alte Post" in Wolfratshausen die Gründungsversammlung der Kreisgruppe Wolfratshausen statt. Die Gründungsmitglieder seien gewiss alle "Überzeugungstäter" gewesen, sagt Krönauer, auch wenn man heute ihre Namen nicht mehr kenne. Gründungsvorsitzender war ein gewisser Manfred Sachse. Später bestimmten dann ein paar "Urgesteine des Naturschutzes", wie Krönauer sie nennt, die Geschicke des Kreisverbands - Heribert Zintl, Walter Mauk oder Wolfgang Beigel. Nicht vergessen dürfe man zudem die ersten Frauen an der Spitze eines Naturschutzverbands: Sophie Meier und Carola Belloni hätten den Bund Naturschutz zu dem gemacht, was er noch heute ist, ein streitbarer Anwalt für die Belange der Natur, so Krönauer.

Heute ist der Umweltschutz bei den meisten Parteien fest im Programm verankert. Vor 50 Jahren ist das freilich noch ganz anders gewesen. Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und das Ende der Nazi-Herrschaft lagen gerade mal 25 Jahre zurück. Damals wirkte es nahezu exotisch, wenn man sich dem Schutz von Flora und Fauna widmen wollte. So habe es schon einer gewissen Überzeugungskraft und Courage bedurft, sagt Krönauer, als auf Initiative von Helmut Steininger und Hans Krieg, der eine Landesgeschäftsführer des Bundes Naturschutz, der andere Präsident des Deutschen Naturschutzrings, eine Handvoll Naturbewegter in Wolfratshausen den BN-Kreisverband Wolfratshausen gründeten.
In Bayern gab es den Bund Naturschutz zu dieser Zeit schon seit 57 Jahren. Damals machte er noch eine staatszentrierte Naturschutzarbeit. Unter den Nazis führte das zu einer unseligen Zusammenarbeit mit Staatsorganen und einer Instrumentalisierung des Naturschutzgedankens im Sinne des Rassenwahns. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg verfolgte der BN noch eine staatstragende Linie. Gegenüber staatlich genehmigten Großprojekten verhielt sich der Verband vornehmlich konziliant. Erst der Aufstieg von Helmut Steininger zum Geschäftsführer besiegelte den Umbruch.
Auf das Jahr 1970 datiert zwar auch die Gründung des Bayerischen Umweltministeriums. Aber auch danach habe die Politik im Freistaat noch einen Hang zu prestigeträchtigen Großprojekten gehabt, sagt der BN-Kreisvorsitzende Friedl Krönauer. Der Rhein-Main-Donaukanal, die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf - all das habe dem Bund Naturschutz massiv Zulauf verschafft. Und diese Gelegenheit habe man genutzt, um auch viele lokale Themen anzugehen, so Krönauer.
Als die wichtigsten Meilensteine in den vergangenen 50 Jahren listet der Bund Naturschutz unter anderem die 1972 verhinderte Bebauung von Gut Buchberg bei Geretsried, den 1987 aufgedeckten Bauschuttskandal in Quarzbichl, den seit 1989 von der Kreisgruppe organisierten Amphibienschutz, die Renaturierung des Höfener Filzes Anfang der Nullerjahre und das erfolgreiche Verhindern eines Pumpspeicherwerks am Jochberg 2014.
Heute sei der Bund Naturschutz "die Speerspitze der Bewegung gegen Beschleunigungsgesetze und gegen den systematischen Abbau von Bürgerrechten in Planungsverfahren", sagt Friedl Krönauer. Zwar habe sich beim Gewässer- und beim Immissionsschutz in den vergangenen Jahren viel verbessert, sagt er. Es gebe aber immer noch viele Baustellen: der dramatische Rückgang der Artenvielfalt bei Flora und Fauna, die Erwärmung des globalen Klimas und die daraus resultierenden Folgen für das Ökosystem. Dass der Bund Naturschutz bald schon nichts mehr zu tun haben könnte, das könne man jedenfalls wohl ausschließen, sagt Krönauer. "Unsere Arbeit wird sich nicht in absehbarer Zeit erübrigen."