Umgang mit der Geschichte Stelen statt Büste

Umstrittener Urlaubsgast: Der Bronze-Kopf des einstigen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zierte die Dietramszeller Klostermauer, bis ihn der Münchner Aktionskünstler Wolfram Kastner vor fast fünf Jahren aus Protest entfernte. Seitdem lagert die Skulptur im Keller der Familie Schilcher.

(Foto: Manfred Neubauer)

In Dietramszell soll ein Geschichtspfad entstehen, der über die Historie der Gemeinde informiert. Eine Station wird dem umstrittenen Reichspräsidenten Hindenburg gewidmet, dessen Bronzekopf aber im Keller bleibt.

Von Petra Schneider

Fast fünf Jahre ist es her, seit der Münchner Aktionskünstler Wolfram Kastner die Hindenburg-Bronze von der Klostermauer abgeschraubt hat. Er wollte einen Reflexionsprozess über den umstrittenen Generalfeldmarschall und Reichspräsidenten in Gang zu setzen, der in Dietramszell zehn Jahre lang seine Jagdurlaube verbracht hatte. Der Ärger über die Kastner-Aktion war groß in der Gemeinde, ebenso die Ratlosigkeit, wie man nun verfahren solle. Man wolle sich nicht drängen lassen und eine gründliche Lösung finden, hieß es allenthalben aus dem Rathaus. Im Februar 2015 wurde ein Arbeitskreis aus örtlichen Historikern und Gemeinderäten eingesetzt, der eine Lösung erarbeiten sollte. Gehört hat man lange nichts mehr.

Das hat sich nun geändert: Am Donnerstag wurde im Gemeinderat die Idee eines Geschichtspfads vorgestellt, der im Rahmen der Dorferneuerung entstehen soll. Geplant ist er entlang eines neuen Fußwegs durch die Angerwiese. Auf etwa 13 Stelen sollen Informationen über Hindenburg und verschiedene Themen der Dietramszeller Geschichte aufbereitet werden, Sitzgelegenheiten sollen zum Innehalten einladen. Wie AK-Mitglied Constance Koob (Grüne) auf Nachfrage erklärt, sei nicht geplant, den Bronze-Kopf an der "Hindenburgstation" wieder anzubringen. Lediglich ein Foto von der Klostermauer solle den früheren Zustand dokumentieren. Dass die Hindenburg-Bronze nach wie vor im Keller der Familie Schilcher lagere, sei ein Umstand, "mit dem ich gut leben kann".

Koob wünscht sich, dass der Geschichtspfad zum Verweilen und zu einer "Reise in die Vergangenheit einlädt", sagte sie im Gemeinderat. Der Arbeitskreis habe in den vergangenen Jahren hart gearbeitet, "Vieles wurde angedacht und wieder verworfen." Mit dem nun vorgestellten Konzept konnten sich die Gemeinderäte offensichtlich anfreunden, auch wenn am Donnerstag noch kein Beschluss gefasst wurde.

Für den Geschichtspfad hat sich der ehrenamtliche Arbeitskreis einiges vorgenommen. Vorgestellt wurde das Konzept von Michael Holzmann, Historiker aus Dietramszell, der aus seiner Sicht der Kastner-Aktion keinen Hehl machte: "Nach den Unruhen, die um die Affäre Hindenburg und den sogenannten Herrn Aktionskünstler entstanden sind, wurde der Arbeitskreis gegründet." Der Geschichtspfad sieht an einer "Hindenburgstation" eine dreiseitige Infotafel vor, auf der die Person Hindenburg, sein Verhältnis zu Dietramszell sowie die Nachkriegszeit beleuchtet wird. "Intensiv, aber nicht zu ausführlich" solle der Text auf den Stelen werden, sagte Holzmann. Wer Genaueres wissen wolle, können mittels eines QR-Codes per Smartphone einen etwa zwölfseitigen Text aufrufen, der auf einer eigenen Homepage abgelegt und auf der Gemeindeseite verlinkt wird.

Auch die übrigen Stationen des Geschichtspfades sollen auf diese Weise über Dietramszell informieren. Holzmannn schlug 13 Themen vor: etwa Vor- und Frühgeschichte, Klostergründung, Klosterleben, 30-Jähriger Krieg, Säkularisation, Erster Weltkrieg, Hindenburg, NS-Zeit in Dietramszell, Gebietsreform und Gegenwart. Den Text zu Hindenburg habe er bereits fertig, sagte Holzmann, momentan schreibe er über die Klostergründung. Planer Rainer Heinz fand 13 Stelen zu viele, "das wären zehn Meter Text". Er lobte aber den Geschichtspfad als "tolle Sache." In der Gemeinde ist man froh über den Vorschlag des Arbeitskreises. "Ich finde das eine sehr gute Lösung", lobte Bürgermeisterin Leni Gröbmaier (BLD). Noch sei viel Arbeit nötig. Der Dietramszeller Kulturverein soll eingebunden werden, und für den Herbst kündigte Gröbmaier ein Symposium unter Mitwirkung von Holzmann an, "das für alle Bürger interessant sein wird." Dass der Ärger über Kastner nicht abgeklungen ist, wurde auch aus ihren Worten deutlich: Nach dem "fatalen Eingriff" eines sich "Künstler nennenden Menschen", habe man die Sache ein bisschen ruhen lassen. "Wir brauchen uns von niemand von außen sagen lassen, was und wie die Gemeinde etwas zu machen hat", schimpfte sie. Die Dorfmitte befinde sich auf "geschichtsträchtigem Boden", sagte Gröbmaier. Dem wolle man Rechnung tragen. Ob der Geschichtspfad im Rahmen der Dorferneuerung Fördermittel bekomme, müsse abgeklärt werden. Die Gestaltung des Bereichs Rathaus und Angerwiese wird voraussichtlich erst 2021 in Angriff genommen.