Interkulturelle Begegnung:Fröhliches Fest, trauriger Grund

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Wickelpuppen aus ihrer Heimat boten Liliana Khrystoforoda (l.) und Veronika Lawunink beim bayerisch-ukrainischen Abend in Bad Tölz an. (Foto: Manfred Neubauer)

Etwa 100 Besucher kommen zu einem bayerisch-ukrainischen Abend mit Musik, Showeinlagen und Tänzen in den Tölzer Rosengarten.

Von Arnold Zimprich, Bad Tölz

 

Gelbe, blaue und weiße Luftballons bewegen sich sachte im Wind und rahmen die Bühne in den ukrainischen und bayerischen Landesfarben ein, die im Rosengarten in Bad Tölz aufgebaut ist. Auch die Sonne gibt sich endlich ein Stelldichein – die Bedingungen für eine Feier unter freiem Himmel könnten nicht besser sein. „Auch wenn viele Ukrainer bereits vor mehr als zwei Jahren nach Tölz gekommen sind, ist der Grund nach wie vor ein trauriger“, eröffnet Bürgermeister Ingo Mehner am Freitagabend das interkulturelle Fest. Damit streicht der Rathauschef heraus, dass die ukrainischen Familien in Bad Tölz nicht nur angekommen sind, sondern inzwischen dazugehören, aber man sich auch bewusst machen muss, dass der russische Angriffskrieg noch nicht vorbei ist. „Manchmal ist die Verständigung schwierig, wenn man sich nicht unterhalten kann“, fährt Mehner fort. „Doch heute sprechen wir eine Sprache, die jeder versteht, die der Musik. Ein Teil dessen, was Tölz zu bieten hat, hören wir heute.“ 

Die Tölzer Jugendförderung rund um den kommunalen Sozialplaner Franz Späth hat das „Begegnungs-Dankfest“ organisiert: ein buntes Potpourri an Musikstilen, Showeinlagen und Tänzen. Bayerische und ukrainische Spezialitäten werden verkauft, Kinder können unter fachkundiger Anleitung „Motanki“ basteln, das sind Glück bringende Wickelpuppen. 

Von Schlehdorf mit dem Bus zum Fest im Rosengarten

Die 19 Jahre alte Veronika bietet bereits professionell gewickelte Motanki an und sammelt damit Geld für ein Krankenhaus in der Nähe ihrer rund 14 000 Einwohner großen Heimatstadt Ostroh in der Westukraine. Sie ist vor eineinhalb Jahren nach Deutschland gekommen, wohnt in Schlehdorf und will studieren. „In Ostroh befindet sich eine der ältesten Universitäten Europas“, sagt sie stolz. Allein, dass es von Schlehdorf aus etwas länger dauert, in die nächste größere Ortschaft zu kommen, macht ihr zu schaffen – so wie Irene, ebenfalls Teenagerin, die Amy Winehouse’ “Back to Black” intoniert. Ihr Auftritt wird vorgezogen, weil sie zum Bus muss. 

Etwa 100 Besucher kamen zu dem "Begegnungs-Dankfest" mit Musik, Gesang und Tanz. (Foto: Manfred Neubauer)

Bayerische Klänge dürfen natürlich auch nicht fehlen. Und die werden, zumindest in den ersten zwei Stunden des Fests, vom Nachwuchs des Trachtenvereins Edelweiß Bad Tölz mit Tanz- und Schuhplattlereinlagen garniert. Mit dabei ist die siebenjährige Sophie Riesch aus Hinterrothenrain, die wie die anderen Mädchen mit einer aufwendigen Hochsteckfrisur auf die Bühne tritt und sich von ihrem etwas älteren Tanzpartner gekonnt führen lässt. Übung macht eben die Meisterin.

Schließlich betritt Ivana Khomiak die Bühne, stimmt mit klarer, zarter Stimme „Le Violette“ an, ein Stück des italienischen Barock-Komponisten Alessandro Scarlatti, und danach Goethes Mailied. Die 14-Jährige hat dieses Jahr bereits den Regionalentscheid von „Jugend musiziert“ gewonnen, wie sie berichtet. Ihre Eltern sind darum bemüht, bei ihr und ihren fünf Geschwistern die umfassende musikalische Ausbildung fortzusetzen, für die vor der Flucht der Familie der Grundstein gelegt wurde. 

Respekt verdienen an diesem Abend jedoch nicht nur die jungen Darbietenden, die im fliegenden Wechsel die Bühne übernehmen, sondern auch die Organisatoren. Sie haben die etwa hundert Teilnehmenden – Besucher und Helfer – für ein paar Stunden vergessen lassen, was ursprüngliche Grund für die Feier ist. Ein trauriger, wie Bürgermeister Mehner eingangs verdeutlicht hatte.

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