bedeckt München 30°

"Tugendreich" in Beuerberg:Wo Mut und Demut gedeihen

„Seven Virtues“ heißt die Lichtinstallation von Mischa Kuball.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Besucher des Klosters Beuerberg können die Ausstellung derzeit in aller Stille genießen. Dafür bekommen sie im Klostergarten von Sibylle Reinicke ordentlich etwas um die Ohren

In die "Tugenden unserer Zeit" ist ein Windstoß aus dem Kreuzgang gefahren. Während die Laster-Kammer zur Linken prall gefüllt ist mit roten Schildern, auf die Besucher "Egoismus", "Rassismus" oder "Immer online sein müssen" geschrieben haben, nimmt sich das Pendant zur Rechten sehr bescheiden aus. Auf dem Boden liegen blaue Blätter wie welkes Laub. Die wenigen Tugenden, die dem Wind getrotzt haben, spiegeln die Corona-Krise wider. "Hygiene" steht auf einem, "Rücksicht" auf einem anderen. Ein Wort, das gut in diese Reihe passen würde, wäre "Stille". Stille braucht es, um die philosophischen Tiefen der aktuellen Schau "Tugendreich - Neue Zeiten. Alte Werte?" des Diözesanmuseums Freising auszuloten. Und Stille herrscht im Kloster Beuerberg am zweiten Ausstellungswochenende der Saison. Stille. In einem fast schon berauschenden Maße.

Gerade einmal 50 Frauen, Männer und Kinder verlieren sich am Samstagnachmittag auf der 1400 Quadratmeter umfassenden Ausstellungsfläche im Kloster, zwischen Kunst-Pavillon, Gemüsegarten und Klosterladen. Vor dem Refektorium hat sich keine Schlange gebildet. Nur ein Drittel der Tische im Speisesaal und Garten ist besetzt. Für die Ausstellungsmacher mag das kein Anlass zur Euphorie sein. Für die Gäste, die sich trotz Regenwolken und Maskenpflicht auf den Weg gemacht haben, ist es ein seltener Genuss. Sie können das Kloster, das in den vergangenen vier Ausstellungsjahren oftmals von Besuchern überrannt wurde, noch einmal auf eine ganz ursprüngliche und zugleich frisch inspirierende Weise erleben.

"Seven Virtues"

Ein Geschenk ist es, ganz allein in das Universum einzutauchen, das der Konzeptkünstler Mischa Kuball in den einstigen Schwesternchor gezaubert hat. "Seven Virtues" heißt die raumfüllende Lichtinstallation, die er 1999 für das Diözesanmuseum Freising geschaffen und für die aktuelle Ausstellung umgearbeitet hat. Die Namen der sieben Tugenden werden auf große Spiegelkugeln projiziert, die wie silberne Planeten im abgedunkelten Raum schweben und Boden und Wände mit einem wogenden nicht dechiffrierbaren Buchstabenmeer überziehen. Nur an den Rändern der sieben schwarzen Schattenkreise, die von den Kugeln geworfen werfen, lassen sich mit Mühe Worte entziffern: Glaube, Liebe, Hoffnung, Maß, Stärke, Weisheit und Gerechtigkeit. Geerdet wird das Sternenspektakel durch das hölzerne Chorgestühl, das sich in einer Doppelreihe durch den Raum zieht. Welche Frauen saßen hier? Um welche Tugenden haben sie gerungen?

Stille braucht es auch, um den neu eröffneten Totengang auf sich wirken zu lassen, die religiösen Inschriften an den frisch gekalkten Wänden und die wohl dosierten Informationen über die Salesianerinnen, die hier einst bewusst in nächster Nähe mit ihren toten Schwestern lebten. Die vom Band eingespielten Gesänge, die bei Menschenandrang womöglich dimmend wirken könnten, sind an einem Tag wie diesem fast schon zu viel. Sie übertönen das Flüstern. Memento mori.

Ein bisschen Gesellschaft, ein paar Zeugen, zumindest ein kritisches Gegenüber wünscht man sich hingegen in der Zelle, die zu einem winzigen Gerichtssaal umfunktioniert wurde. "Übe Gerechtigkeit" prangt vor dem Richterstuhl. Sieben reale Straftaten - von Steuerhinterziehung über Diebstahl bis hin zur Körperverletzung - wollen per Klick beurteilt sein. Das interaktive Programm "Im Namen des Users" wurde im Rahmen der ARD-Themenwoche "Ist das gerecht?" 2018 entwickelt. Ins Tugendreich des Klosters Beuerberg fügt es sich widerstandslos ein.

Ein paar Schritte weiter darf sich der Gast im Maßhalten üben. In einem offenen Regal gibt es Blümchenvasen und Heiligenbilder, vier Federbälle und originalverpackte Kassetten, glitzernde Ostereier und Kalender aus dem Jahr 1984. Alles Schätze aus Klosterbeständen. Alles gratis zum Mitnehmen! Die Frage ist: Brauche ich das? Ein junger Mann entscheidet sich für einen Porzellanschwan, der an König Ludwig erinnert. Was hat er mit ihm vor? "Der kommt in mein Schloss", antwortet er und dreht sich um. Schweigen ist Gold.

Eine Herausforderung: All diese Schätze aus dem Kloster dürfte man mitnehmen - aber braucht man sie wirklich?

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Aber auch Witz und Wissen kommen an diesem Tag zu ihrem Recht. Ins pralle, duftende Leben entführt Sibylle Reinicke acht Frauen und zwei Männer, die sich Punkt 14.30 Uhr am Brunnen eingefunden haben. Klosterführungen sind derzeit nicht erlaubt. Das gesamte Begleitprogramm - Workshops, Gespräche, Konzerte - ist bislang stark eingeschränkt. Nur die Backstube und das Klosteratelier sind geöffnet. Und der Garten. Diese Freiheit weiß Reinicke zu nutzen.

"Maria im Ährenkleid"

Wer befürchtet hatte, die Führung unter dem Titel "Maria im Ährenkleid" könne etwas spröde ausfallen, wird von ihr umgehend eines Besseren belehrt. Die Apothekerin verfügt nicht nur über faszinierendes Fachwissen, was Heilkräuter und ihre (vermeintlichen) Kräfte betrifft; von den germanischen Gottheiten über die Hexenverbrennung bis hin zu Schneeweißchen und Rosenrot spinnt sie mühelos und höchst amüsant die Fäden, um immer wieder bei einer der Marienpflanzen anzukommen, die im Klostergarten sprießen - Pfingstrosen und Schwertlilien, Gänseblümchen, Maiglöckchen oder Erdbeeren.

Jede Marienpflanze spiegele Facetten des Idealbilds einer tugendhaften Person, erklärt sie. Das Wort "Tugend" komme von tauglich. "Was taugt für ein gutes Leben?" In der katholischen Kirche sei Maria das Idealbild der Tugend schlechthin - und das Gegenbild zu Eva. "Eva hat vom Baum der Erkenntnis gegessen, weil sie wissen wollte. Die hat es versemmelt."

Zwischen Königskerze und Akelei gibt Reinicke vielerlei Denkanstöße und zupft genüsslich am vertrauten Marienbild. "Stellen Sie sich vor, Sie sind 14, ledig, und dann kommt ein Engel und sagt, du sollst ein Kind bekommen! Ich wäre Amok gelaufen." Maria hingegen habe sich nicht nur als folgsam erwiesen, sondern auch als Frau der Tat. "Muss ein Kind gekriegt werden? Dann kriegen wir eben ein Kind!" Mut und Demut blühen im Garten der Tugend nah beisammen.

"Tugendreich - Neue Zeiten. Alte Werte?", bis 1. November, Mittwoch bis Sonntag und an Feiertagen, 10 bis 18 Uhr, aktuelle Infos unter www.dimu-freising.de/kloster-beuerberg sowie auf Instagram unter @klosterbeuerberg

© SZ vom 08.06.2020

Besucher sind aufgerufen, Tugenden und Laster unserer Zeit zu benennen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite