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Trotz Corona:Einfach mal wieder Musik machen

Die Musikschule Geretsried übertrug ihr Konzert erstmals live ins Internet - zugunsten der Kleinkunstbühne "Hinterhalt". Für viele Jungmusiker war der Auftritt vor Kamera was ganz Neues

Von Susanna Hauck, Geretsried

Kurz vor Beginn drängeln sich 60 Zuschauer vor dem Einlass. Und der Zähler registriert laufend mehr - in den nächsten 36 Stunden werden es fast 650 Besucherklicks. Es war eine ganz besonderes Veranstaltung, die am Freitag über die Bühne ging. Die Musikschule Geretsried übertrug ihr Konzert erstmals live ins Internet - und das auch gleich noch als Benefizabend für den Kulturverein Isar-Loisach (KIL) von der Kleinkunstbühne "Hinterhalt", der seit Monaten kaum noch Einnahmen hat und sich mit Spenden für seine Online-Konzerte über Wasser hält.

LIVE-Stream aus dem Hinterhalt

Das Konzert wurde via Live-Stream übertragen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Eine Win-win-Situation: Schon lange hat die Musikschule wegen Corona kein Konzert mehr geben dürfen, dabei treten die Schüler sonst locker bei 300 öffentlichen und internen Veranstaltungen im Jahr auf. Und die Jungmusiker wollen spielen, was nützt das ganze Üben, wenn nur der Lehrer die Fortschritte mitkriegt. Das Publikum gezwungenermaßen auf Distanz, aber am heimischen Bildschirm eben doch hautnah dabei. So durfte auch die Oma im fernen Italien oder der Opa in Hamburg ihre Enkel musizieren hören. Die gewohnte Schulaula konnte Musikschulleiterin Sabrina Schwenger mangels vorhandener Technik nicht nutzen. Was lag näher, als das Konzert im Hinterhalt zu veranstalten, wo ein versiertes Studio- und Aufnahmeteam seit März vergangenen Jahres bereits mehr als 50 Livestream-Veranstaltungen gestemmt hat.

"Gleich sind wir live", warnt Kameramann Thorsten Thane. Das aufgeregte Durcheinander im Saal löst sich auf, einige wollen noch mal Richtung Klo abdrehen, aber das geht nicht mehr, auch Schwätzen ist jetzt verboten. Brav nehmen die Nachwuchsmusiker im Halbkreis vor der festlich illuminierten Bühne Platz. Moderator Heinrich Zapf kündigt die Auftritte an und sorgt mit kleinen Gschichterln aus dem Musiklehrer-Alltag für lockere Stimmung. Wer dann immer noch Lampenfieber hatte, dem spendete Maskottchen Nepomuk Kraft, der unsichtbar für die Kamera auf dem Boden saß. Aber den kleinen grünen Stoffdrachen brauchten die 16 Schüler im Alter von zehn bis 19 Jahren gar nicht, um ihre Auftritte bravourös zu meistern. Geboten war ein sehr abwechslungsreiches Programm von Klassik bis Pop aus den verschiedenen Instrumental- und Gesangsklassen. Gleich am Anfang schaffte es Laetizia Alessandrini mit dem italienischen Lied "Promettimi", den Funken überspringen zu lassen. Bezaubernd auch das Mädchenvokaltrio mit Johanna Mager, Lisa Buchner und Hanna Süßmann und dem Song "Little do you know". Marei Stieda und Caspar Pfannschmidt bewiesen ihr Können am Cello, Sofia Kodeda meisterte ein langes Geigensolo und Caroline Heckel die Klavierballade "Mariage d'amour". Nochmals Piano war mit Ronja Schottroff vertreten und die Querflöte mit Linda Grasmüller. Viel Talent bewiesen auch Helene Schoßig an der Querflöte und die erst zehnjährige Maria Edelburg an der Geige, die beide bereits beim Musikwettbewerb "Jugend musiziert" angetreten sind. Der 19-jährige Florian Chudalla ist hörbar musikalisch so weit, dass er demnächst eine anspruchsvolle Trompetenprüfung bestreiten kann. So was wie ein Notenblatt brauchte Jakob Weiser nicht mehr zum Beistand, der mit dem Klavierstück "Legends never die" die Schlussnummer rockte.

"Es war so geil und es hat alles geklappt", freut sich Schwenger. Hinter ihr liegt ein organisatorischer Marathon, schließlich mussten am Nachmittag alle Mitwirkenden auf Corona getestet werden. Und was vor der Kamera so routiniert aussah, beruhte auf wenigen Minuten Probendurchlauf. Staffelweise mussten die jungen Künstler anreisen, gerade mal eine Viertelstunde hatte jeder Zeit, zusammen mit seinem Musiklehrer am Begleitinstrument zu üben. Davor hatte es pandemiebedingt nur heimische Trockenübungen mit einer Begleitmusik aus der Konserve gegeben. "Eine Wahnsinnsleistung", meint Musikpädagogin Sabine Beyer angesichts der ungewohnten Situation. "Für die Kinder ist der Auftritt ganz anderes als sonst, so ganz allein da oben auf der Bühne und keiner Mama im Saal, vor vier laufenden Kameras und dann noch mit dem Gedanken, dass das Ganze jetzt in die große weite Welt ausgestrahlt wird." Über die Solidarität der Musikschule ist auch Assunta Tammelleo froh. "Der Benefizabend ist eine wahnsinnig nette Geste", so die Hinterhalt-Wirtin.

© SZ vom 22.02.2021
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