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Transgender im Oberland:Im falschen Körper

Geschlechtsumwandlung

Für Balian Buschbaum (links) war die Operation "wie heimkommen". Auch Amanda Reiter spricht seither von einer fünfmal besseren Lebensqualität.

(Foto: Manfred Neubauer)

Amanda Reiter und Balian Buschbaum reden in Lenggries über ihre Geschlechtsanpassungen. Es kommen 150 Zuhörer

Von Martina Schulz, Lenggries

Wenn der Disney-Film "Findet Nemo" realistisch gewesen wäre, hätte sich Nemos Vater, ein Clownfisch, nach dem Tod seiner Partnerin in ein Weibchen verwandelt. So geschieht es nämlich bei Clownfischen eigentlich. Das Beispiel nutzte Balian Buschbaum bei der Präsentation seiner Autobiografie "Blaue Augen bleiben blau" vor 150 Zuhörern im Alpenfestsaal, um zu verdeutlichen, dass es in der Natur keine absolute Norm für Sexualität gibt.

Zur Veranstaltung am Samstag hatte der Verein SchuTz geladen, der sich für Schwule und Lesben im Oberland einsetzt. "Vor 22 Jahren ist der Verein entstanden, und wir haben den Isarwinkel immer als sehr akzeptierend erlebt," sagte der zweite Vorsitzende Peter Priller in seiner Begrüßung. Nach dem Vorfall beim Faschingszug, bei dem Amanda Reiters Geschlechtsanpassung verspottet wurde, habe man das Gefühl gehabt, man müsse reagieren, auch wenn der Verein das Thema Transgender bisher nicht auf der Tagesordnung hatte. Balian Buschbaum, der vor seiner Geschlechtsangleichung im Stabhochsprung der Frauen Weltklasse war, zeigte in seiner Lesung mit anschließender Präsentation "was es bedeutet anders geboren zu sein".

Der 35-Jährige betonte immer wieder, dass der Druck und der damit verbundene Stress enorm hoch sei - "weil wir oft nicht das Leben leben können, das wir leben sollten". Er habe schon immer gewusst, dass er eigentlich ein Junge sei; es kam für ihn etwa überhaupt nicht in Frage, als Kind Bikini zu tragen. Mit sieben Jahren erschien ihm der Gang auf die Mädchentoilette unnatürlich. "Ich steckte im falschen Körper." Für Amanda Reiter bestand dieser Stress vor allem darin, ein sehr einsames Leben zu führen, da sie die Interessen ihrer männlichen Altersgenossen nicht teilte. Aber: "Im Unterschied zu Balian war mir überhaupt nicht klar, dass ich eigentlich ein Mädchen bin." Den Druck kompensierte sie mit Leistungssport - eine Tatsache, die sie mit Buschbaum teilt, der das Training als Möglichkeit sah, den weiblichen Körper, der sich in der Pubertät nicht mehr verbergen ließ, zu kaschieren.

"Wir suchen uns das nicht aus, es beginnt im Hirn", sagte Buschbaum. Letztendlich seien Normvarianten so alt wie die Menschheit selbst, egal ob es sich um Hetero-, Homo -, Bi- oder Asexualiät handle. Der Begriff Transsexualität sei eigentlich missverständlich, denn es gehe nicht um die sexuelle Orientierung. Deshalb sei Transidentität passender. "Für das Verständnis ist es wichtig zu wissen, dass jeder menschliche Embryo zunächst weiblich ist." Damit letztendlich ein Junge entstehe, seien drei Testosteronschübe zwischen der achten und der 18. Schwangerschaftswoche notwendig. Der erste Schub programmiere das Gehirn männlich, der zweite und dritte Schub legten die sekundären Geschlechtsmerkmale fest. In Buschbaums Fall blieben der zweite und dritte Schub aus, so dass das Gehirn zwar männlich wurde, die sekundären Geschlechtsmerkmale aber weiblich ausgeprägt wurden. Wenn nun der erste Schub ausbleibt, die anderen jedoch nicht, ist der Körper demnach zwar äußerlich männlich, das Gehirn aber weiblich - wie bei Amanda Reiter.

Für sie war der Beginn der Hormontherapie wie der Übergang von "Schwarz-Weiß in Farbe, eine 500 Prozent verbesserte Lebensqualität". Und Buschbaum empfand bereits die erste Hormonspritze wie "heimkommen". Die größte Hürde waren für Buschbaum die eineinhalb Jahre zwischen dem ersten Termin beim Psychologen und der letzten Operation. "Ich hätte mein Gehirn am liebsten auf Eis gelegt." Aber: "Der Weg zur Freiheit ist der Mut. Ich war 27 Jahre der Sklave meines eigenen Körpers. Jetzt lebe ich selbstbestimmt und innerlich frei." Auf die Hoffnung, dass durch Aufklärung Berührungsangst genommen wird, verwies auch Peter Priller: "Wir hoffen, dass die Menschen im Isarwinkel nicht nur tolerieren, sondern auch akzeptieren."

© SZ vom 14.03.2016

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