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Training:Tauchen wie James Bond

Percha Ausbildung Bundeswehr Taucher

Taucher Alexander Miksch übt im Starnberger See.

(Foto: Nila Thiel)

Das Ausbildungszentrum am Starnberger See ist das einzige der Bundeswehr im Binnenland. Die Soldaten üben auch in Isar und Loisach

Sie nennen es einfach den "Scooter". Das Ding sieht ein bisschen aus wie ein Torpedo, und es könnte durchaus zum Arsenal von James Bond gehören. Der Scooter kommt im Wasser zum Einsatz, ein Taucher kann sich dranhängen, und dann wird er mit Motorkraft geschwind zu seinem Einsatzort transportiert. "Ja, wir haben hier modernstes technisches Gerät, aber das dient nicht zum Spaß, sondern zur Ausbildung von Tauchern", sagt Stephan Kühlmann, ein drahtiger Mittvierziger in der Flecktarn-Uniform der Bundeswehr. Er ist Chef oder Platzkommandant, wie es bei der Bundeswehr heißt, des Taucherausbildungszentrums (TAZ) in Percha, das zu den Pionieren in Ingolstadt gehört.

"Wir bilden keine Kampfschwimmer aus, das ist der Marine vorbehalten, und wir sprengen im Starnberger See auch nicht", erklärt Kühlmann. Es sind Pioniertaucher, die vor Percha seit 1960 im See unter Wasser gehen, bis zu einer maximalen Tiefe von 50 Metern. Ihr Auftrag ist es, die Pioniere beim Bau von Pontonbrücken über Flüsse oder Seen zu unterstützen, Hindernisse beiseite zu räumen, und "Kampfmittel" unter Wasser aufzuspüren - Minen und Fliegerbomben. Auch im Starnberger See habe man "schon einiges gefunden", sagt Kühlmann vage, und führt "Fässer mit unbestimmtem Inhalt", der zurzeit geprüft wird, an, ebenso ein Gebiss, Töpfe und Handys. Zehn Mann sind die Stammbesatzung des TAZ, regelmäßig kommen die Soldaten der Pioniertaucherzüge aus Minden und Havelberg zur Aus- und Weiterbildung - es sind die einzigen Pioniertaucherzüge der Bundeswehr, in Percha ist das einzige TAZ im Binnenland. Der Starnberger See gilt als Bergsee, weil er auf rund 600 Metern über Normalnull liegt - das muss bei den Tauchgängen berücksichtigt werden. Neun bis 54 Tagen dauern die Lehrgänge. Nach der Grundausbildung im Schwimmbecken gehen die Taucher erstmals im See ins Freiwasser.

Als Basisstation dienen die beiden "Arbeitsflöße", die von den Starnbergern "Hausboote" genannt werden. Auf den Plattformen können bis zu 16 Taucher arbeiten, wobei sie bei den Tauchgängen mit einer Leine mit einem Soldaten auf dem Floß verbunden sind. Zusätzlich gibt es eine Sprechfunkverbindung. Ein Sicherungstaucher sowie eine Dekompressionskammer an Land stehen für Notfälle bereit, etwa wenn ein Taucher einen Notaufstieg macht. "Gott sei Dank hatten wir bisher keine schweren Unfälle", sagt Kühlmann. "Draufgänger können wir hier nicht gebrauchen." Unter Wasser müsse man "ruhig und überlegt handeln, sonst ist die Atemluft zu schnell verbraucht."

Zur Ausbildung gehört auch das "Strömungstauchen" in einem Fluss. "Dazu fahren wir an die Isar oder die Loisach", erklärt Kühlmann. In der Strömung zu arbeiten, nach Munition zu suchen oder gar mit einem Schweißgerät oder einem Trennschleifer zu hantieren - "da musst du ganz schön fit sein." So steht drei Mal die Woche Sport auf dem Dienstplan. Kühlmann ist Langstreckenschwimmer, der 42 Kilometer am Stück geschafft hat, und er geht einmal im Jahr mit den Kollegen vom österreichischen Bundesheer zum Eistauchen im gefrorenen Durachsee. "Da brauchst du schon gute Nerven, wenn du weißt, dass über dir eine 20 Zentimeter dicke Eisdecke ist, und du das Loch, das zum Tauchen ins Eis gesägt worden ist, wiederfinden musst", sagt Kühlmann. Es kommt es vor, dass Soldaten bei den ersten Tauchversuchen merken, dass sie doch nicht so für den Einsatz unter Wasser geeignet sind. Jeder Taucher wird gefragt, ob er sich fit fühlt - und Nein zu sagen, wäre ja eine vermeintliche Schwäche. "In Wirklichkeit ist die reale Selbsteinschätzung eine Stärke und ungemein wichtig", sagt Kühlmann. Ina Herrmann, an diesem Tag die einzige Frau auf dem Arbeitsfloß, nickt. Sie ist Taucherärztin, von der Marine in Hamburg abgestellt für den Lehrgang am Starnberger See.

Getaucht wird manchmal im Neoprenanzug, manchmal aber auch mit einem festen Taucherhelm und einem Trockenanzug. "Mit dem Brustgewicht kommen da schon mal 80 Kilo Ausrüstung zusammen", sagt Kühlmann. Mit Atemluft versorgt werden die Soldaten mittels eines Schlauchs, der mit dem Arbeitsfloß verbunden ist, die Sauerstoffflaschen auf dem Rücken dienen nur für den Notfall. Wer zu lange tiefer als 30 Meter im Wasser bleibt, kann den Tiefenrausch bekommen. "Da wird man rammdösig, wie wenn man langsam betrunken wird", erklärt Kühlmann. "Das Risiko muss man kennen."

Dienstbeginn ist um 7.15 Uhr, Dienstschluss um 16 Uhr. Wenn sich ausländische Generäle über die Ausbildung informieren oder die Dienstaufsicht kommt, kann es später werden. Wenn es ein schöner Tag ist, bekommt Hauptmann Kühlmann von seinen Vorgesetzen hin und wieder zu hören: "Sie haben ja einen einmalig schönen Standort hier, eigentlich müsste man Ihnen den Urlaub streichen." Doch Kühlmann lacht und sagt: "Wir laufen im Sommer nicht nur in der Badehose rum und grillen. Die Ausbildung läuft rund ums Jahr bei fast jedem Wetter."

© SZ vom 08.10.2016

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