Die Corona-Pandemie hat im Tourismus viel verändert, auch in Bad Tölz. Kamen früher vor allem Gäste in vorgerücktem Alter in die ehemalige Kurstadt, um sich zu erholen und Gesundheitsangebote zu nutzen, so reisten dieses Jahr andere Besuchergruppen an: Familien mit Kindern und Hunden, auch junge Leute, die oft mit dem Fahrrad unterwegs waren. Und die wollten nicht bloß wenige Tage bleiben, sondern gleich ein oder zwei Wochen Urlaub buchen. "Unsere Ferienwohnungen und auch unsere größeren Häuser liefen schnell voll", resümierte Kurdirektorin Brita Hohenreiter, die im Kur- und Tourismusausschuss des Stadtrats am Dienstagabend eine vorläufige Bilanz für 2022 zog. Damit vertiefte sich ein Problem, das schon vor Corona bekannt war: Bad Tölz hat zu wenige Betten für Feriengäste. Hinzu kommt, dass einige Hotels seit dem Frühjahr mit ukrainischen Flüchtlingen belegt sind.
Bis September verzeichnete die Stadt insgesamt 44 240 Gästeankünfte - 11 359 mehr als vor einem Jahr, aber immer noch 31,31 Prozent weniger als 2019. Außerdem gab es 240 521 Übernachtungen. Dies ist ein Anstieg um 68 685 gegenüber dem Vorjahr, jedoch elf Prozent weniger als vor drei Jahren. Auch heuer wirkte die Pandemie noch nach, obwohl die Corona-Verbote langsam aufgehoben wurden. Die Saison begann Hohenreiter zufolge erst im Mai, dann allerdings mit Wucht. Zahlreiche Anfragen seien kurzfristig in die Tourist-Information hereingekommen, an manchen Tagen noch kurz vor 18 Uhr, sagte sie. "Das waren schwierige Arbeitsbedingungen für meine Leute." Mitunter hätten sie auch lange herumtelefonieren müssen, um Besucher, die ohne Reservierung in der TI standen, irgendwo unterzubringen.
Viele Gäste wurden von Bad Tölz aus in umliegende Gemeinden, bis nach Geretsried oder sogar über die Landkreis-Grenzen hinaus vermittelt. Wegen der fehlenden Betten habe man unzählige Übernachtungen verloren, bedauerte Hohenreiter. Genau lasse sich dieser Verlust nicht beziffern, zumal manche Touristen ihren Aufenthalt online buchten. Bürgermeister Ingo Mehner (CSU) brachte die Situation auf eine einfache Formel: "Mehr Betten, mehr Gäste, mehr Übernachtungen - weniger Betten, weniger Gäste, weniger Übernachtungen."

Unter den Urlaubern waren diesmal überraschend viele Familien und junge Leute. "Es hat mich gefreut, dass sich das Klientel gewandelt hat", sagte die Kurdirektorin. Schließlich sei Bad Tölz nicht gerade ein klassischer Familienferienort. Geändert hat sich auch die Aufenthaltsdauer, die früher allenfalls wenige Tage betrug. Gegenüber 2019 seien zwar weniger Gäste gekommen, die dafür aber deutlich länger blieben, so Hohenreiter - häufig ein oder zwei Wochen. Dadurch sprang die durchschnittliche Aufenthaltsdauer von 4,2 Tagen vor drei Jahren auf nunmehr 5,44 Tage.
Stark gesunken ist hingegen die Zahl der verfügbaren Betten in Tölz. Sie beträgt derzeit nur rund 1800, vor der Pandemie waren es noch 2041. Ungefähr 270 Betten fielen weg, weil Häuser wie der Tölzer Hof ukrainische Flüchtlinge beherbergen. Etwa 170 davon sollten nächstes Jahr wieder zur Verfügung stehen, hofft Hohenreiter. Die Unterbringung von Kriegsflüchtlingen dürfe nicht zum "Dauerläufer" werden, meinte Anton Mayer (CSU). Das sei Sache des Landratsamtes, das diese Hotels angemietet habe, erwiderte Bürgermeister Mehner. Der Kreisbehörde könne man da aber keinen Vorwurf machen. Aus wirtschaftlicher Sicht hätten die Stadt und viele, die am Tourismus hängen, dies jedoch mit Umsatzverlust bezahlt. Außerdem verwies Mehner darauf, dass wieder zunehmend Flüchtlinge über die Balkanroute kämen, "wir müssen mit einem Bus alle zwei Wochen rechnen". Viele Landkreise stünden dadurch vor einer Zerreißprobe, sagte der Bürgermeister: "Mich verwundert, dass man dazu von der Bundespolitik wenig hört."
Die Ukraine-Flüchtlinge sind für Willi Streicher (SPD) ein Sonderfaktor. Erfreulich sei der Trend, den die neuen Zahlen belegen: "Das Interesse ist da, aber wir können es im Moment nicht befriedigen." Deshalb wollte Streicher wissen, wie es um die Hotelprojekte steht. Neben dem Naturhotel "Bergeblick" mit rund 100 Betten, das Investor Johannes Tien im Mai 2023 auf der Wackersberger Höhe eröffnen und betreiben will, gibt es noch andere Vorhaben - beispielswiese an der Bockschützstraße. Dort will das Unternehmen Merz Objektbau aus Aalen zwei Hotels mit insgesamt 244 Betten errichten. Bei ihnen sollte man "täglich auf der Matte stehen", forderte Streicher. Täglich nicht, antwortete Bürgermeister Mehner: "Aber wir stehen intensiv auf der Matte."

