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Bergsport im Pandemiewinter:Die Karawane zieht weiter

Abseits der Pisten boomt der Individualsport mit Touren- und Langlaufskiern sowie Schneeschuhen. In den Sportgeschäften steigen die Verkaufszahlen

Von Benjamin Engel

Nur eine Landstraße führt im südlichen Landkreis von Bad Tölz-Wolfratshausen Richtung Hinterriss im österreichischen Nachbarbundesland Tirol. An diesem Nadelöhr konzentriert sich der Ausflugsverkehr besonders in den Sommermonaten. Obwohl im Risstal Skilifte fehlen, sind aber auch die Winter kaum mehr einsam. Das verdeutlichen die entlang der Straße parkenden Autos der Skitourengeher an einem schönem Wintertag beim Grenzberg Schafreuter. Wer bequemer und sicherer vor Lawinengefahr aufsteigen will, muss sich auf der ausgewiesenen Route am Lenggrieser Skigebiet Brauneck manchmal in die Kolonnen einreihen. Das Pandemie-Jahr könnte jetzt den anhaltenden Trend zum Tourengehen verstärken, worauf auch die Verkaufszahlen in Sportgeschäften deuten.

"Wir haben eine spürbar höhere Nachfrage nach Tourenskiern und Tourenausrüstung", sagt Thomas Reiser. Der Geschäftsführer des Wolfratshauser Intersport-Hauses berät Kunden vermehrt seit Mitte Oktober zu Individualsportaktivitäten abseits gewalzter Pisten. Viele erzählten ihm, dass sie sich in einer Gondel, selbst wenn die Skigebiete öffnen dürften, eher unwohl fühlen würden. Mehr und mehr betrachteten das Skitourengehen auch als gutes Fitnesstraining, blieben beim Aufsteigen in Pistennähe. Alpine Abfahrtsski seien dagegen heuer eher weniger gefragt.

Jörg Pietschmann Mit-Geschäftsführer Intersport Reiser Wolfratshausen Tourenski

Tourenski boomen bei Jüngeren. Das spürt auch Jörg Pietschmann von Intersport Reiser.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Das Image einer Sportart für die mittlere und ältere Generation wie noch Anfang der 1980er Jahre hat das Skitourengehen abgelegt. Die Käufer entsprechender Ausrüstung werden jünger. Das spürt Reiser am wachsenden Absatz der vergangenen Jahre bei Skitourenausrüstung, aber auch bei Schneeschuhen. Der Umsatz für Langlaufausrüstung nimmt ebenso zu, schwankt aber stärker nach oben und unten, je nachdem, ob auch Schnee bis ins Alpenvorland fällt.

Bereits während der Sommermonate sind die Ausflügler in die Gebirgsregionen im Landkreis gedrängt. In der Folge kam es zu Staus und Verkehrschaos. Für Intersport Utzinger in Geretsried bedeutete der Drang in die Natur vor allem ein gutes Geschäft. In dieser Zeit habe er sehr viele Mountainbikes ohne und mit elektrischer Unterstützung verkauft, schildert Inhaber Rudi Utzinger. Sobald der Wetterbericht die ersten Schneeflocken gegen Jahresende ankündigt, spürt er das sofort an der Nachfrage nach Wintersportartikeln. Heuer, so sagt er, interessierten sich Kunden vermehrt für Alternativen zum Alpinskisport wie Tourenausrüstung. Darunter seien auch Neueinsteiger.

Von zweistelligen Zuwachsraten pro Jahr in diesem Wintersportsegment spricht Peter von der Wippel. "Skitouren sind ein Megatrend", sagt der Geschäftsführer von Intersport Peter in Bad Tölz. Seit fünf, sechs Jahren verkaufe er dafür kontinuierlich mehr Ausrüstung. Regelrechte Karawanen an Skitourengehern beobachte er am Draxlhang oder bei der Florihütte am Lenggrieser Hausberg Brauneck. Heuer setze sich der Umsatzboom bei der Skitourenausrüstung nicht nur fort, er explodiere regelrecht, sagt von der Wippel. Sportarten wie Langlaufen, Skitouren und Schneeschuhwandern profitierten von der derzeitigen Lage. Denn das garantiere viel Bewegung an der frischen Luft.

Yvonne König Sport Peter Bad Tölzer Tourenski

Sport-Peter-Mitarbeiterin Yvonne König verkauft viele Tourenski.

(Foto: Manfred Neubauer)

Gleichzeitig ließen sich Menschenmassen meiden. Wie anstrengend es sein kann, auf zwei Brettern hangaufwärts zu steigen, sollte trotzdem keiner unterschätzen. Wer sich gerne gemütlicher an der frischen Luft bewegen will, macht dagegen mit Schneeschuhen kaum etwas falsch. Für Winterlandschaftsgenießer seien diese Sportgeräte ideal, sagt von der Wippel. Die Auswahl verschiedener Modelle wachse. Ebenso steige die Nachfrage nach Langlaufausrüstung. Geändert habe sich aber das Verhalten dieser Freizeitsportgruppe. Wären die Leute bis vor ein paar Jahren nur vor der eigenen Haustür zum Langlaufen gegangen, führen sie mittlerweile auch weiter ins Gebirge bis in die österreichische Achensee- oder Leutaschregion.

Einzig limitierender Faktor ist die Schneelage. Im Rekord- und Katastrophenwinter 2018/19 verkaufte von der Wippel besonders viel Langlaufausrüstung. Im schneearmen Vorwinter ging weniger über die Ladentheke. "Das letzte Jahr war wieder mau", sagt der Geschäftsinhaber. Das Segment Skitouren ginge aber eigentlich immer. In einem schneearmen Winter wichen die Sportler eben in größere Höhenlagen im Tiroler Rofan oder Sellrain aus. Die große Masse bewege sich aber im Skigebietsbereich, sagt von der Wippel.

Damit rechnen auch die Bergbahnbetreiber auf dem Brauneck. "Das wird sicher ein Thema werden", sagt GmbH-Sprecherin Antonia Asenstorfer. 80 Prozent der Skitourengeher nutzten die ausgewiesene Aufstiegsroute. Konfliktpotenzial entstehe etwa mit abfahrenden Skisportlern, wenn Tourengeher direkt am Pistenrand aufstiegen. "Wir können nur an die Vernunft appellieren, die Tourengeher nicht aussperren", sagt Asenstorfer.

Das hat auch der bayerische Verwaltungsgerichtshof in einem Urteil vor knapp fünf Jahren festgestellt. Damals hatte das höchste Gericht im Freistaat eine Verfassungsbeschwerde der Zugspitzbahn abgewiesen. Der Seilbahnbetreiber hatte mehrere Pisten für Tourengeher sperren lassen und das mit Sicherheitsaspekten begründet. Das Verwaltungsgericht und der Verwaltungsgerichtshof in München hatten entschieden, dass dies unzulässig ist. Nur in den Abend und Nachtstunden, wenn die Pisten präpariert würden, dürften Abfahrten für Tourengeher gesperrt werden.

Direkt im Isarwinkler Talort Lenggries spürt Rainer Schlosser von Sport Sepp, dass die Umsätze im Skitourenbereich deutlich wachsen. Das sei seit Jahren der Trendsport, sagt er. Im Pandemie-Sommer sei alles gefragt gewesen, was "man alleine machen kann". So habe er viele Wanderschuhe verkauft, aber bedeutend mehr Yogamatten oder Tischtennisplatten. "Da waren plötzlich ganz andere Sachen gefragt", schildert er. Das führt er auch auf die Ausgangsbeschränkungen zurück.

Währendessen hat die Tölzer Alpenvereinssektion ihr Kursprogramm für die Winterzeit von Mitte Januar an gerade erst veröffentlicht. Online-Anmeldungen sind für Einsteigerkurse von Skibergsteigern genauso möglich wie etwa für Seminare in Lawinenkunde. Nur auf längere Hochtourenkurse mit Übernachtungen verzichte die Sektion wegen der Ansteckungsgefahr, sagt Tom Hesslinger von der Geschäftsstelle in Bad Tölz. "Wir haben auf Tagesaktivitäten umgestellt." Zudem sind nur Kurse für maximal sechs bis acht Teilnehmer geplant. Im Notfall müsse man Kurse eben wieder absagen, sagt Hesslinger. "Wir haben erst einmal so geplant, wie wenn nichts wäre."

© SZ vom 15.12.2020
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Skitourengeher Piste Skigebiet Bayern

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