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Tölzer Tradition:Kein Leonhardi am Wochenende

Wegen Corona fällt die überregional bekannte und beliebte Tölzer Leonhardifahrt heuer aus. 2021 fiele der Termin auf einen Samstag, 2022 auf einen Sonntag - was in der Vergangenheit zu Ausschreitungen geführt hat. Der Tölzer Stadtrat hat nun beschlossen, die Wallfahrt stets auf einen Werktag zu legen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Tölzer Pferdewallfahrt findet traditionell am 6. November statt. Sollte der auf einen Samstag oder Sonntag fallen, wird sie jedoch auf Freitag oder Montag verlegt - um Massenansturm und Saufgelage zu vermeiden.

Von Klaus Schieder

Die Tölzer Leonhardifahrt findet traditionell am 6. November statt - es sei denn, dieser Tag fällt auf einen Sonntag. Seit den Siebzigerjahren ist es der Brauch, dass die große Wallfahrt mit Ross und Reitern, Truhen- und Tafelwagen dann auf Samstag vorverlegt wird. 2010 machte die Stadt jedoch unliebsame Erfahrungen: Der 6. November fiel damals auf einen sonnigen Samstag, 25 000 Zuschauer säumten die Straßen in Tölz, am Abend jedoch kam es zu wilden Besäufnissen, die Wallfahrt geriet außer Kontrolle und bundesweit in die Schlagzeilen. Die Frage, wie künftig mit dem Verschiebetermin umgegangen werden soll, geriet im Stadtrat am Dienstagabend zu einer Glaubensfrage.

Nach einem gut einstündigen Hin und Her fällte das Gremium mit 15 zu neun Stimmen den Beschluss, die Leonhardifahrt auf Freitag zu verlegen, falls der 6. November ein Samstag ist. Sollte der Namenstag des Heiligen Leonhard auf Sonntag fallen, findet die Wallfahrt wie bislang am Montag statt. Wegen Corona fällt die Traditionsveranstaltung heuer ganz aus. 2021 wäre der Termin an einem Samstag, 2022 an einem Sonntag.

Die Traditionalisten unter den Leonhardifahrt-Anhängern plädieren für eine Wallfahrt am Samstag. Aus ihren Kreisen höre man immer wieder das Argument, dass die Bevölkerung ansonsten "ein Stück weit ausgeschlossen" sei, sagte der stellvertretende Kurdirektorin Susanne Frey-Allgaier. Auch für Touristen wäre die Anreise am Wochenende leichter.

Nach den Vorkommnissen vor zehn Jahren wurde ein Sicherheitskonzept erstellt, das seither funktioniert hat. Zusätzliche Freischankflächen verbot die Stadt. Dennoch sprechen sich Polizei und Rettungsdienst klar gegen eine Wallfahrt am Samstag aus. Wegen reiner Partybesucher, wegen der hohen Zuschauerzahl. Dies wäre für die Tölzer Ordnungshüter personell nicht zu stemmen. "Und wenn die Polizei nicht mitspielt, haben wir ein Problem, die Leonhardifahrt vom Landratsamt genehmigt zu bekommen", sagte Frey-Allgaier.

Als Traditionalisten outeten sich neben anderen Karsten Bauer, Gabriele Frei (beide CSU), Richard Hoch und Johannes Gundermann (beide Grüne). Sie alle plädierten dafür, die Wallfahrt an einem Samstag über die Bühne gehen zu lassen. Leonhardi sei nun mal am 6. November und nicht an einem anderen Tag, sagte Bauer. Egal ob 10 000 oder 25 000 Zuschauer, der Prozessionsweg sei ohnehin "gerammelt voll mit Leuten". Hoch verwies darauf, dass vor allem Familien mit Kindern die Gelegenheit hätten, zur Wallfahrt zu kommen, wenn sie an einem Wochenende stattfinde. Die Bedenken wegen fehlender Sicherheitskräfte mochte er nicht ohne Weiteres teilen: "Bei jedem Fußballspiel müssen Tausende von Polizisten ran, da wird man für die Leonhardifahrt doch in Gottes Namen noch Verstärkung kriegen." Für Gundermann ist der 6. November eben der 6. November - "wenn wir anfangen zu verlegen, werden wir nicht mehr fertig". Frei apostrophierte die Traditionswallfahrt als "Magnetpunkt", der Gäste anzieht. Viele Unternehmen profitierten davon, sagte sie.

Die Gegenposition vertrat Christof Botzenhart (CSU). Die Stadträte seien für die Sicherheitsfrage verantwortlich, Sentimentalität könne man sich da nicht leisten, sagte er. "Ich halte den Samstag für völlig inakzeptabel." Ähnlich äußerte sich Moritz Saumweber (Grüne). Für ihn zähle, was die Sicherheitskräfte sagen, betonte er. Seine Präferenz: Der Termin soll von Samstag nicht auf Freitag, sondern auf Montag verlegt werden. Dies wäre auch für René Mühlberger (CSU) eine "gute Kompromisslösung". Die Wallfahrt durch die Marktstraße berge Gefahrenpotenzial, sagte er. "Wir können immer ein Gebet zum Himmel schicken, wenn alles gut ausgegangen ist."

Unter den Stadträten gibt es nur einen erfahrenen Leonhardifahrer: Anton Mayer (CSU). "Die Tradition in Bad Tölz ist der 6. November, aber wir haben erlebt, dass am Wochenende der Massenandrang sehr groß ist", sagte Mayer. Eine Verschiebung von Samstag auf Freitag sei zu bewältigen, der Montag - also der 8. November - wäre "zu weit weg" vom Leonharditag. Dem pflichtete Johanna Pfund (Grüne) bei. Freitag oder Montag - sie würde mit dem Ersatzdatum "nicht nochmals weiter weggehen" vom eigentlichen Festtag.

Mayer sprach noch einen anderen Aspekt an: "Was mir Sorge macht, sind die Menschenmengen in der Marktstraße." Deshalb möge der Stadtrat festlegen, dass die Leonhardifahrer dort nur Schritt fahren dürfen. "Und wenn einer meint, er muss Show machen, wird er suspendiert."

© SZ vom 01.10.2020/aip
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