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Tölzer Prügel:Obolus auf Widerruf

Wie Wolfratshausen Personal ins Rathaus lockt

Wer je bei seinem Chef um eine Gehaltszulage gebeten hat, weiß, wie da Hände oder Knie zittern können; wie die Gedanken wirbeln und kreisen: Auf welche besonderen Leistungen oder Fähigkeiten will ich mich berufen? Schätzt mich der Kerl überhaupt? Was sage ich, wenn er mir nur halb so viel geben will, wie ich haben möchte? Und bin ich es wirklich wert? Aber wenn ich die Zulage bekomme .... - dann könnten wir vielleicht doch ... endlich den Kredit.... - eine eigene Wohnung ... Oh, wenn es nur klappen würde! Solche Drangsal erspart die Stadt Wolfratshausen ihren Angestellten. Sie weiß um die materiellen Sorgen, welche die Empfänger eher magerer Gehälter im Speckgürtel von München umtreiben. Und gewährt jetzt eine Großraumzulage. Je nach Entgeltgruppe sind das 135 Euro oder 270 Euro pro Nase. Ganz nett, oder? In einer Gegend, in der die Quadratmetermiete gern mal bei 13 Euro aufwärts liegt und der Kauf eines Hauses unter 700 000 Euro schon fast als Utopie gilt.

Im Wolfratshauser Rathaus zu arbeiten wird jedenfalls bestimmt attraktiver. Da überlegt sich die junge qualifizierte Sachbearbeiterin aus Günstigdorf vielleicht doch, ob sie sich fürs Bürgerbüro an der schönen, aber teuren Loisach bewirbt, wenn's außer der "abwechslungsreichen Tätigkeit in einer teamorientierten Atmosphäre" auch noch was obendrauf gibt. Sie siedelt sich also hier an, gründet eine kleine Familie, kauft eine Wohnung. Und - erlebt womöglich eines Tages ein bitterböses Erwachen. Wenn nämlich im Rathaus, in dem sie arbeitet, "aufgrund der Haushaltslage die gesetzlich vorgeschriebene Mindestzuführung vom Verwaltungs- an den Vermögenshaushalt nicht mehr erreicht werden kann", dann ist sie weg, die schöne Zulage. Schwuppdiwupp, 270 Euro weniger. Weil sich die Stadt bei ihrem Beschluss für eine Großraumzulage gleich noch einen Widerruf vorbehalten hat.

Da unterscheidet sich die öffentliche Hand nicht von rein marktorientierten Kapitalisten. Sobald's finanziell eng wird, ist das Personal die erste Stelle, bei der gestrichen und gekürzt wird. Und sei es eine Zulage, mit der man Leute eigens hergelockt hat. Sollen die doch dann sehen, wie sie ihre Mindestzuführungen vom eigenen Konto auf das diverser Wohnungs-, Strom-, Gas-, Telefon- oder Versicherungsunternehmen hinbekommen.

Mehr Geld auf Widerruf? Warum nicht auch für jene, die sich so eine Gemeinheit ausdenken. Sitzungsgeld gibt's künftig nur, wenn der Haushalt stimmt. Oder wenn das Rathaus-Café wieder läuft, das Isar-Kaufhaus nicht mehr aussieht wie eine Kriegsruine, die Schule aus- und die Surfwelle aufgebaut ist. Blöde Idee? Ach, was.

© SZ vom 20.01.2020
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