Tölzer Prügel:Es lebe der Wildwuchs!

Über die Rasur von Männerbärten ist schon viel sinniert worden. Eine Radikalrasur der anderen Art hat sich die Gemeinde Eurasburg geleistet. Eine ökologisch wertvolle Hecke musste dran glauben.

Von Claudia Koestler

Was ist an dieser Stelle jüngst nicht schon alles über die gute alte Rasur zu lesen gewesen. Da gab es Philosophien über die Wellenbewegungen von Trends: Mal trägt der Mann von Welt Gesichtsbehaarung, weil er's eben kann, mal, um damit einem Fashion- oder Zeitgeistideal nachzueifern - oder der Faulheit im Badezimmer zu frönen. Und dann, scheinbar urplötzlich, ist die Glattrasur wieder das Nonplusultra in Sachen Eleganz und gepflegtem Auftreten. Jüngst sehen sich Hipster jedoch aus einem anderen Grund aufgerufen, sich der Barthaare zu entledigen. Damit nämlich die FFP2-Masken auch ja luft- und virendicht abschließen können auf der Haut und kein wildgewachsener Strubbel zum Einfallstor wird. Alles wohldokumentiert und -glossiert.

Natürlich kann man das mit der Rasur auch sprichwörtlich sehen, und auch dazu ist an dieser Stelle schon viel kommentiert worden, wenn Stadt- und Gemeinderäte etwa mit der finanziellen Ausstattung kämpfen und deshalb Projekte - genau! - rasieren müssen. Immer noch besser als das Haushaltsbuch zu frisieren.

Aber nun gibt es einen Fall, da hat eine Kommune im Landkreis das Wörtchen allzu wörtlich genommen und mit schwerem Gerät eine ökologisch wertvolle Hecke rasiert. In Eurasburg haben Mitarbeiter des kommunalen Bauhofs das mehr als hundert Meter lange Strauchwerk an einem Feldweg zwischen Haidach und Happerg gestutzt, und dabei glatt ihren Nutzen für die Natur über die Klinge springen lassen. Schnipp, schnapp - weg war sie. Übrig blieben ein paar Stumpen, an denen jetzt allerdings landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge ganz elegant vorbeikommen.

Egal ob rechtskonform oder nicht: Da hat offenbar jemand den Knall nicht gehört - was verwundert, denn die Hecke selbst kann die Akustik ja nicht mehr gedämpft haben. Die Aktion jedenfalls war haarscharf vorbei an all den Beteuerungen, als Kommune ganz im ökologisch-nachhaltigen Sinne agieren zu wollen. Mal sehen, ob da so bald Gras drüber wächst.

Die so schönen wie sinnvollen Eigenschaften von ein bisschen mehr Wildwuchs sollte endlich in allen Köpfen als neues Ideal und Maß der Dinge ankommen - außer vielleicht, er sprießt in Männergesichtern. Wer dort nicht mehr durchkommt, weiß ja jetzt, wo schweres Gerät zur glatten Radikalrasur zu haben ist - bevor der Griff zum Dachshaarpinsel zum nächsten Naturfrevel wird.

© SZ vom 22.02.2021
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