Tölzer Prügel:Die ganze Stadt ein Spielplatz

Eine Debatte im Rat löst Kopfkino aus...

Glosse Von Klaus Schieder

Es gab mal Zeiten, da bestanden Spielplätze aus einem Sandkasten, der auch als Hundeklo diente, einer Schaukel und einer Wippe mit Metallstangen, an denen man sich trefflich den Kopf stoßen konnte. Lief das Kind dann heulend zu den Sitzbänken, wo die Mütter in ihren Nachmittagstratsch vertieft waren, riet eine der fremden Tanten, man solle besser aufpassen, während eine andere genervt anmerkte: "Jetzt stell dich mal nicht so an!" Die eigene Mama zog derweil ein Taschentuch heraus, benässte es mit der Zunge und wusch, igitt, das Blut ab. Ein Klaps noch auf den Popo, nu geh mal wieder schön spielen. Das ist 50 Jahre später gottlob anders.

Da sind nicht wenige Mamas und Papas so fürsorglich, dass sie ihr Kind mit Beule im SUV mit Hochgeschwindigkeit und unter Umgehung aller Verkehrsregeln ins Krankenhaus bringen. Die Stadt bekäme einen Prozess (Hundehaufen im Sandkasten), die Tanten auf der Sitzbank jeweils eine Anzeige (Beleidigung, vulgo Insubordination). Vor allem aber sind die Spielplätze heutzutage viel schöner. Das lässt sich unter anderem im Tölzer Taubenloch besichtigen, wo die Stadt mit der Neugestaltung des kleinen Parks an der Isar mehr Spielgeräte angeschafft hat. Ganz aus Holz und anderen Naturmaterialien, versteht sich. Und dazu alle naselang vom TÜV geprüft, absolut narren-, pardon, kindersicher.

Dies wird in der Kurstadt nicht die Ausnahme bleiben. Mit dem Masterplan "Bespielbare Stadt" sind größere und kleinere Spielflächen an allen Ecken und Enden geplant. Die werden unter anderem damit finanziert, dass Bauherrn bei Neubauprojekten künftig eine Ablöse zahlen müssen, wenn sie mangels Raum dazu keinen Spielplatz anlegen können. Das eröffnet wunderbare Möglichkeiten, wie sich aus der Frage von CSU-Stadtrat Matthias Winter im Bauausschuss ergab, ob solche Areale denn nur draußen, sondern vielleicht auch drinnen möglich seien.

Im Erdgeschoss eines neuen Mehrfamilienhauses könnte so zum Beispiel linker Hand eine kleine Halle fürs Schaukeln, Wippen und Sandförmchenschmeißen entstehen, während rechter Hand ein Raum mit einem großen Planschbad vorstellbar wäre. Das brächte gleich Leben in die neue Bude. Vorstellbar wäre für die älteren Mädchen und Buben vielleicht auch ein Skatepark und ein Fußballfeld auf dem Dach. Und wenn mal ein Ball von oben einem grantigen Passanten auf den Kopf tropft? Na, dann soll er sich nicht mal so anstellen. Aber all das ist leider bloß eine Vision. Spielplätze sind per städtischer Satzung im Freien anzulegen. Das stellte Bauamtsleiter Christian Fürstberger klar. Der olle Spielverderber.

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