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Tölzer Knabenchor:Überwältigende Klangfülle

Der Tölzer Knabenchor sang zum ersten Advent in der völlig überfüllten Geretsrieder Petruskirche.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Der Chor singt in der Geretsrieder Petruskirche eines seiner Adventskonzerte und trifft dort auf seinen Gründervater Gerhard Schmidt-Gaden.

Eine Viertelstunde vor Konzertbeginn steht eine Menschentraube am Eingang der Geretsrieder Petruskirche. Etliche müssen enttäuscht wieder gehen, ohne den Tölzer Knabenchor gehört zu haben: Die Kirche ist rappelvoll. Nur einer darf noch hinein: Der Gründer und langjährige Leiter des Chors, Gerhard Schmidt-Gaden. Kaum ist er auf seinem frei gehaltenen Platz angelangt, da stürmen ein paar Knirpse auf ihn zu: "Hallo, Herr Schmidt-Gaden!" Sichtliche, beiderseitige Freude. Als er darauf in der Begrüßung namentlich genannt wird, brandet Beifall auf. Dann gehört seinen Nachfolgern das Feld: Christian Fliegner, der den Chor dirigiert, und Clemens Haudum, der an Akkordeon und Klavier begleitet sowie moderiert.

Die Jungs, passend zum bayerischen Adventssingen im alpenländischen Outfit, haben zackig und unter prasselndem Beifall das Podium erklommen und nach einer stimmungsvollen Harfeneinleitung (Theresa Förg) mit ihrem unverwechselbaren vollen, kernigen Klang das Publikum schon mit der ersten Nummer erobert. Eine stimmungsvolle Eröffnung, formvollendete Verbeugung der jungen Sänger inklusive. Überwältigt sei man von diesem Ansturm, meint Haudum und führt ins Programm ein, da es leider keine Programmzettel gibt. Nach den eröffnenden adventlichen Liedern komme man zur Weihnachtsgeschichte: Verkündigung, Herbergssuche, Wanderung der Hirten, an der Krippe. "Komm, o komm doch, du Erretter" lassen die Knaben darauf zum inbrünstigen Gebet werden; "Ach, jauchze" begeistert mit einem packenden, kraftvollen Zugriff, mit einer überwältigenden Klangfülle.

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Im Vergleich mit den anderen großen Knabenchören in Bayern und Sachsen - den Regensburger Domspatzen, dem Windsbacher Knabenchor, dem Leipziger Thomanerchor und dem Dresdner Kreuzchor - kann man die Tölzer am Klang gut heraushören. Die unter Schmidt-Gaden begonnene intensive Einzelstimmbildung und der seit jeher forcierte solistische Einsatz in Kirche und Opernhaus haben hier eine ganz eigene Stimmpower wachsen lassen, die dennoch geerdet ist. Der spezifische Tölzer Klang eben, den Fliegner und Haudum offensichtlich bewahren können. Und dem sich kein Publikum, auch das in der Geretsrieder Petruskirche nicht, entziehen kann.

Andächtige Freude im Marienlied, mit vorwitzigen Jubeltönen im Akkordeon, können die jungen Sänger ebenso gut rüberbringen wie überbordende Klangpracht im "Gloria". Und natürlich können sie mit etlichen Soli punkten, zum Beispiel im bekannten "Wer klopfet an?", das gleich zu einer angedeuteten Spielszene erweitert wird. Man spürt die Erfahrung der Jungs mit dem solistischen Einsatz, auch im Theater. Das einzige Manko: An der Textverständlichkeit könnte noch ein wenig mehr gearbeitet werden.

Clemens Haudum erzählt dem verblüfften Publikum, dass der Chor bis zum Jahresende noch 35 Auftritte zu absolvieren habe. Advent und Weihnachten sind die Hoch-Zeit der Knabenchöre; das ist bei den Kollegen in Regensburg, Leipzig oder Dresden genauso. Die Palette reicht vom Konzert im Altersheim und in der Kirche bis zu diversen Fernsehproduktionen, bei der Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten oder mehreren Unesco-Galas.

Aus diesen Programmen stammen nun die letzten Nummern des Konzerts, die von den alpenländischen Klängen weg zu allgemein bekannten Weihnachtsliedern führen. Haudum wechselt dazu vom Akkordeon ans Klavier. Auch diese Stücke sind souverän gestaltet, aber die besondere Farbe, die Wärme, die die heimatlichen Lieder ausstrahlten, geht ihnen ab, zumal die Arrangements sehr auf den Schlussapplaus hin zugeschrieben sind. Besinnlich wird es folglich nicht mehr, auch nicht beim abschließenden "O du fröhliche" in einem pompösen Arrangement. Eine Anmerkung zum Schluss: Im protestantischen Sachsen heißen die vergleichbaren, traditionell ebenso überfüllten Konzerte der Thomaner und Kruzianer "Weihnachtsliederabend". Und ganz im Lutherschen Sinne darf das Publikum dort, zumindest bei der Schlussnummer, mit einstimmen. Das hätte sich auch hier bei "O du fröhliche" angeboten. Vielleicht im nächsten Jahr?