Süddeutsche Zeitung

Chorgesang:"Eine ganz eigene Energie"

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Barbara Schmidt-Gaden hat erreicht, dass die Tölzer Knaben zum Immateriellen Kulturerbe Bayerns gezählt werden. Und was ist mit den Mädchen?

Interview von Stephanie Schwaderer, Bad Tölz/München

Vier bayerische Knabenchöre - der Tölzer Knabenchor, die Augsburger Domsingknaben, die Regensburger Domspatzen und der Windsbacher Knabenchor - sind seit Kurzem Teil des Immateriellen Kulturerbes Bayern. Das hat der Bayerische Ministerrat am 19. März entschieden. Die Initiative dazu ging von der Opernsängerin Barbara Schmidt-Gaden aus. Sie ist seit 2016 Geschäftsführerin des Tölzer Knabenchors, der 1956 von ihrem Vater gegründet wurde.

SZ: Frau Schmidt-Gaden, was ändert sich für die bayerischen Knabenchöre mit dieser Auszeichnung?

Barbara Schmidt-Gaden: Es ist ein gutes Zeichen, dass sie nun Schwarz auf Weiß zum Immateriellen Kulturerbe gerechnet werden. Die Vorgaben der Unesco sind ja sehr genau, es geht nicht nur darum, die Tradition des Knabenchorgesangs zu wahren, sondern ihn auch weiterzuentwickeln. Die Regensburger Domspatzen sind da Vorreiter, weil sie mittlerweile auch Mädchen aufnehmen.

Werden die Tölzer Knaben nachziehen?

Mir ist es ein großes Anliegen, dass Mädchen mehr gefördert werden. Bei uns wäre das jedoch mit einem immensen personellen wie finanziellen Aufwand verbunden. Im Gegensatz zu den anderen Chören sind wir als GmbH organisiert und fast privat, wir haben kein Internat und keinen Träger hinter uns stehen. Außerdem müsste man sehr differenzieren, was genau das Repertoire wäre. Unseres wurde von den Komponisten ausdrücklich für Knabenchöre geschrieben, es spiegelt eine genaue Klangvorstellung. Das Klangbild eines gemischten Kinderchors und eines Mädchenchores unterscheidet sich sehr, daher haben diese Chöre ein eigenes Repertoire.

Ihr Vater hat für Sie einst eine Ausnahme gemacht und Sie als Sechsjährige in den Tölzer Knabenchor gesteckt. Später haben Sie als Opernsängerin Karriere gemacht. Warum hat er dieses Konzept nicht weiterverfolgt?

Mein Vater wollte die Tradition der Knabenchöre so weit aufleben lassen, dass man auch in kleiner solistischer Besetzung wieder alle Bach-Werke authentisch aufführen konnte. Werke wie den Messias oder die Johannespassion professionell auf die Bühne zu bringen, entspricht einem Hochleistungssport. Bach hatte es zu seiner Zeit leichter gehabt, weil damals die Buben erst mit 16 in den Stimmbruch kamen. Heutzutage tun sie das schon mit zwölf, manchmal sogar schon mit elf. Das heißt, man braucht eine sehr solide, profunde und schnelle Ausbildung. Deshalb bekommen die Buben im Tölzer Knabenchor ab dem Alter von sechs Jahren Einzelgesangsstunden.

Warum ließe sich das nicht auf Mädchen übertragen? Klingen ihre Stimmen vor der Pubertät wirklich anders?

Ja, eindeutig! Leider gibt es dazu keine Studien, weil Mädchen bislang nicht entsprechend ausgebildet wurden. Aber physisch ist der Kehlkopf bei den Jungen schon größer angelegt, weil er ja auch mehr wachsen muss, um am Ende die Männerstimme zu erreichen. Knabenchöre haben deshalb eine besondere Strahl- und Klangkraft. Fast alle Kinderchöre, die wir kennen, bestehen zu 80 Prozent aus Mädchen, von denen viele so entwickelt sind, dass sie eigentlich nicht mehr in einen Kinderchor gehören. Streng genommen, müssten sie schon mit zehn Jahren in einen Jugendchor wechseln. Mädchen entwickeln sich noch früher und schneller.

In Berlin hat eine Mutter versucht, ihre Tochter in den Staats- und Domchor einzuklagen ...

... und ist gescheitert, weil das Gericht die Kunstfreiheit über das Recht auf Gleichbehandlung gestellt hat.

Wie könnten Mädchen bei den Tölzer Knaben gefördert werden?

Sinnvoll wäre nur ein reiner Mädchenchor. Aber das ist eine finanzielle Frage. Der Knabenchor braucht 1,5 Millionen Euro im Jahr, um überleben zu können. Für einen Mädchenchor bräuchte ich weitere 1,5 Millionen Euro. Und dann stellt sich die Frage: Kann sich ein Mädchenchor finanziell genauso über Wasser halten wie ein Knabenchor? Mehr als 50 Prozent unseres Budgets singen wir derzeit durch Honorare ein.

Finden Sie denn noch genügend Nachwuchs bei den Buben? Die Terminkalender der Kinder werden ja immer voller.

Das stimmt, und es wird vor allem immer schwieriger, Eltern zu finden, die ihre Kinder dreimal pro Woche zu den Proben bringen und wieder abholen können. Wir möchten deshalb künftig eine qualifizierte Hausaufgaben-Betreuung anbieten. Die Kinder kommen nach der Schule zu uns, essen hier in der Kantine, und dann machen Fachlehrer für Sprachen und Mathematik mit ihnen die Hausaufgaben, sodass sie am Abend gut vorbereitet für den nächsten Schultag nach Hause gehen können. Das würde dann auch die Eltern entlasten.

Bei den Hausaufgaben wird nicht gesungen?

Nein, erst bei den Proben nach 16 Uhr.

Um wie viele Buben geht es?

Derzeit sind es 150, die jüngsten gehen in die erste, die ältesten in die siebte oder achte Klasse. Es ist ein Projekt. Wir sind gespannt, wie es angenommen wird.

Wie viele Tölzer sind derzeit dabei?

Zwei. Aber wir haben viele Kinder aus dem ganzen Landkreis - aus Geretsried, aus Egling, aber auch aus Penzberg und Weilheim, vom Tegernsee, aus Ingolstadt oder Brannenburg. 2022 sind wir nach Unterföhring ins ZDF-Studio umgezogen, unser Zuzugskreis wird künftig also etwa 30 Kilometer um Unterföhring herum liegen. Quereinsteiger sind natürlich immer willkommen.

Bad Tölz und Unterföhring trennen knapp 70 Kilometer. Werden Sie Ihre Talentscouts trotzdem weiterhin in den Süden schicken?

Natürlich, in Tölz werden wir weiterhin an die Grundschulen gehen. Das sind wir schon dem Namen schuldig.

Sie haben sich auch für die Augsburger Domsingknaben, die Regensburger Domspatzen und den Windsbacher Knabenchor stark gemacht, die nun auch zum Immateriellen Kulturerbe Bayerns zählen. Schmälert das nicht den Erfolg der Tölzer Knaben?

Überhaupt nicht, wir ziehen ja an einem Strang. Die Knabenchöre sind so ein wichtiges jahrhundertealtes Kulturgut, das unbedingt bestehen bleiben muss. Wir alle stehen für musikalische Vielfalt und sind für international renommierte Konzerte bekannt. Eine Musiklehrerin hat mir unlängst erzählt, dass in den Grundschulen noch immer gilt: Buben sollen Fußball spielen, Mädchen Handarbeiten machen. Auch das ist ein Klischee, gegen das wir angehen müssen. Wenn Buben miteinander musizieren, entsteht eine ganz eigene Energie.

Sorgen Sie sich um die Zukunft der Tölzer Knaben?

Eher um die der Musik. Gerade jetzt, wenn es heißt, man soll an den bayerischen Grundschulen mehr Deutsch und Mathematik unterrichten. Es gibt so viele wissenschaftliche Studien, die zeigen, wie sehr das Singen das Lernen befördert, wie es das Gedächtnis trainiert oder hilft, eine Sprache zu erlernen. Da kann man nur froh sein über jeden Chor, den es gibt - Knabenchöre, Mädchenchöre, gemischte Chöre. Beckenbauer hat immer gesagt: Geht's naus und spielt's Fußball! Ich sage: Geht's nei und singt's!

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