17 Jahre alt ist Abba Naor, als er am 30. April 1945 mit anderen Häftlingen von SS-Leuten durch die Tölzer Marktstraße getrieben wird. Ein Strom elender, halb verhungerter Menschen, die die Nationalsozialisten aus dem KZ Dachau Richtung Süden treiben, um die Gräueltaten vor den anrückenden Amerikanern zu verschleiern. „Durch Wälder, über schmale Straßen, durch viele Ortschaften, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnere, führt unser Weg auf dem Todesmarsch, wie man es später nennen wird, nach Bad Tölz“, schreibt Naor in seinen Erinnerungen. „Am Ende der Schlange höre ich wieder und wieder das Knallen von Schüssen. Wer nicht mehr weiterkann, wird ermordet und liegen gelassen.“
Naor, der aus der litauischen Stadt Kaunas stammt, überlebt, die Amerikaner befreien den Zug in der Nähe von Waakirchen. 80 Jahre später, am 30. April 2025, steht Naor wieder an diesem Weg. 97 Jahre ist er nun, ein wacher, alter Mann, der in den vergangenen Jahren Tausenden von jungen Menschen seine Geschichte erzählt hat. Auch Schülerinnen und Schülern des Gabriel-von Seidl-Gymnasiums. Sie haben einen bewegenden Erinnerungsmarsch organisiert, an dem etwa 400 Bürgerinnen und Bürger teilgenommen haben, darunter auch Schüler der FOS/BOS und der Berufsschule. Der stille Marsch führt von der Mariensäule durch die Marktstraße bis zum Todesmarsch-Mahnmal bei der Mühlfeldkirche.
Dort steht Abba Naor, der in der Nähe von Tel Aviv und in München lebt, am Ende der Veranstaltung. „Ich bin begeistert, was ich heute sehe“, sagt er. Vor allem die Veranstaltung mit den Schülern am Vormittag habe ihm gefallen. „Unsere Zeit ist vorbei, aber die Jugend hat eine Aufgabe.“ Nach seinen vielen Treffen mit jungen Menschen sei er überzeugt, „dass so etwas nicht wieder passiert“. Das Leben sei schließlich „a feine Sache, ihr dürft nicht drauf verzichten“. Am Mahnmal legen die Schülerinnen und Schüler bemalte Steine mit 38 Namen von Opfern des Todesmarschs ab, die sie recherchiert haben. Sie wollen so den Geschundenen und Ermordeten Namen und Würde zurückgeben.

Einer der Steine trägt den Namen des 21-jährigen Zwi Katz aus Litauen, der den Todesmarsch durch Tölz überlebt hat und bis zu seinem Tod 2024 als Zeitzeuge wirkte. Ebenso wie sein Landsmann Solly Ganor (1928-2020), der mit 17 Jahren durch Tölz getrieben wurde. Namenlos bleiben 27 Tote, die an der Tölzer Friedhofsmauer verscharrt wurden. Mit ihren Lehrerinnen Anita Bittner und Julia Rau haben sich die Schüler intensiv in die Geschichte dieser letzten Kriegstage in Bad Tölz eingearbeitet. Über 130 Schüler der 9. bis 12. Jahrgangsstufe seien an einem Märznachmittag „freiwillig“ in der Aula zusammengekommen, hätten sich gemeinsam den Film von Max Kronawitter über den Todesmarsch angeschaut und Informationen bei Ortshistoriker Christoph Schnitzer eingeholt, erzählt Schülersprecher Kilian Widmann.
Die Teilnehmer des Schweigemarsches lauschen der einfühlsamen Musik eines Schülertrios, hören Zeitzeugenberichte. Eröffnet wird die Veranstaltung am Marienbrunnen mit eindringlichen Reden der drei Schülersprecher: „Wir möchten ein Zeichen setzen, dass sich die Verbrechen nicht wiederholen“, sagt Aviva Hägele. Die Trennung von „Wir und die Anderen“ sei gefährlich, erklärt Kilian Widmann, denn sie markiere den Anfang von „Ausgrenzung und Anfeindung“. Das Selbstverständnis müsse „Menschlichkeit“ lauten. „Lasst uns aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und eine Zukunft mit Hoffnung gestalten“, appelliert der Schüler. Der Krieg sei an jenem 30. April 1945 schon lange verloren gewesen, schildert Moritz Gehr. „Menschen, die kaum noch laufen konnten, schleppten sich durch die Marktstraße.“ Mindestens 17 000 Opfer habe es in Bayern bei den Todesmärschen gegeben.

Einer von ihnen ist Zwi Katz, aus dessen Notizen die Schüler vorlesen. Am Abzweig Königsdorf-Tölz seien sie von den Aufsehern nach Tölz getrieben worden, schreibt Katz. „Wir kommen Richtung Tirol, dachte ich.“ Als sie die Tölzer Kaserne mit der Aufschrift „SS Junkerschule“ passieren, erschauert er. „Dies sind unsere Henker, und das ist unser letzter Weg.“ Es sind erschütternde Zeilen des jungen Mannes, kaum älter als die Schülerinnen und Schüler, die über ihn recherchiert haben. Sein Landsmann Solly Ganor beschreibt jene eiskalte Nacht des 30. April 1945, den Schnee und die Schüsse, die er hört. „Die Wächter scheinen auf schlafende Häftlinge zu schießen.“ Am nächsten Morgen scheint die Sonne, „die die weißen Felder glitzern lässt“. Es herrscht Stille. „Es war, als wäre ich der letzte Mensch auf der Erde“, schreibt er. Der junge Mann will leben, „pass auf, Solly, verlier jetzt nicht den Verstand“, ermahnt er sich.
„Menschen können Dinge in die Welt bringen, die unverzeihlich sind“, sagt der evangelische Pfarrer Urs Espeel. Es bleibe „die Kraft der Vergebung durch Gott“. Die Tragik des Menschen sei, dass er alles sein könne, „Helfer oder Henker“, sagt Stadtpfarrer Peter Demmelmair. Wie man das Böse verhindern könne? Demmelmair gibt drei „Impulse“: die Fähigkeit, sich selbst zu hinterfragen, der Verzicht auf „Sündenbock-Mechanismen“ in Krisenzeiten, das Misstrauen gegen einfache Parolen. Bürgermeister Ingo Mehner betont die Bedeutung einer starken Gesellschaft, die widerstandsfähig gegen Extremismus sei. Dazu gehöre für ihn der Glaube, die Achtung der Menschenwürde, gegenseitige Hilfe, bürgerschaftliches Engagement, Bildung. „Und wir müssen diejenigen, die diese Gesellschaft, diesen Staat und seine Institutionen schwächen wollen, in ihre Schranken weisen“, mahnt Mehner. „Das sind die Lehren, die wir aus dem Gedenken ziehen müssen.“
In einer ersten Version des Textes hieß es, Zwi Katz und Solly Ganor wären beim Todesmarsch gestorben.
