Tölzer Kulturverein:Fake-News über den Kini

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(Foto: Harry Wolfsbauer)

Mit dem Stück "Der zweite Ludwig" bringt die Lust -Theatergruppe einen großartigen Klamauk mit viel Lokalkolorit auf die Bühne der Alten Madlschule. Das Publikum spendet langen und begeisterten Applaus.

Von Petra Schneider, Bad Tölz

Mit zwei Jahren Verzögerung darf der Wittelsbach nun endlich rauschen: Am Freitag gab es in der Alten Madlschule in Bad Tölz die pandemiebedingt verschobene Premiere des neuen Stücks der Lust-Theatergruppe aus der Feder von Alex Liegl und Gabi Rothmüller. Titel: "Der zweite Ludwig. Wo der Wittelsbach rauscht". Und tatsächlich ergießt sich ein tosender Strom abgefahrener Ideen über die Zuschauer in der nicht ganz ausverkauften Madlschule, die am Ende lange und begeistert klatschen. Sie amüsieren sich königlich bei diesem herrlichen Klamauk mit viel Lokalkolorit, Musik und Tanzeinlagen.

Aber wie immer bei Liegl und Rothmüller blitzt unter der komischen Oberfläche Tiefsinniges auf; es gibt Verweise, aktuelle Rekurse, Kritisches und eine ausgeklügelte Struktur, bei der am Ende Rahmen- und Binnenhandlung verschwimmen. Das Bühnenbild zeigt eine üppige Landschaft samt Grotte, die mit einem Handgriff zum Boot umfunktioniert wird. Einige Schauspieler schlüpfen in mehrere Rollen, alle sind mit Leidenschaft dabei. Spielort ist "Das Festspielhaus Bad Tölz", wie auf dem Flyer zu lesen ist. Denn was Füssen mit seinem "Ludwig 2" kann, muss doch auch in Tölz möglich sein. Aber so einfach ist das nicht, wie der Regisseur (Alexander Liegl) beim Casting feststellt. Denn der Kini-Darsteller (Martin Grundhuber), der im Hermelinumhang zwar optisch passt, ist als Seiteneinsteiger ein Stümper seines Fachs. Die Autorin (Irene Melzer) sitzt lieber im Café Schuler und verdrückt Bienenstich, als sich einen zündenden Text zu überlegen. Der englische Komponist schickt Auszüge seines Requiems für einen Royal, statt Musik zum Musical. Es fehlt auch am Personal, das reihenweise nach Füssen abwandert, weil es da mehr Gage und eine Fahrtkostenpauschale gibt. Die Produzentin (Christine Hermann) sieht sich schließlich genötigt, Billig-Bläser und Discount-Streicher aus Bulgarien anzuwerben. Immerhin sponsert der Isartaler Sautanzclub die Lederhosen, aber die Geldgeber werden unruhig und wollen mitreden: Ein Herr (Ludwig Retzer) vom VftDK, dem "Verein für total deutsche Kultur", der darüber wacht, dass das Stück "durchflossen von einem gesunden bayerischen, deutschen Geist" bleibt. Und ein japanischer Geschäftsmann samt Gattin, die darauf bestehen, dass die Sisi vorkommt. "No Sisi, no good. No good, no money".

Von der ausschweifenden Pose und großen Visionen lebt das Theaterstück über den Kini, mit dem die Lust-Theatergruppe das Publikum bei der Premiere in der Alten Madlschule begeistert hat. (Foto: Harry Wolfsbauer)

Und so kommt es, dass Frau Sakamotchi (Nicole Fahrner) die Sisi geben darf. Fahrner macht das großartig: Die Augen zugekniffen, kichernd, steht sie da in ihrer Sisi-Traumrobe und kräht "Ludawige, Ludawige". Zum großen Ärgernis einer Schauspielerkollegin (Dörthe Merz), die sauer ist, dass sich der Regisseur hartnäckig weigert, den Kini mit ihr als Frau zu besetzen. Die Produktionsassistentin (Ulrike Liegl-Kempter) muss als Mädchen für alles herhalten: als Adjutant einspringen, weil der Darsteller zu den Füssenern übergelaufen ist, oder sich um die Kapuzen für die Guglmänner kümmern, die ohne Augenschlitze geliefert wurden. Ein Herr von der Rechtsabteilung der Füssener Produktionsfirma (Sebastian Bergau) macht Druck wegen Plagiatsvorwürfen und dem "fragwürdigen Hygienekonzept" im Tölzer Festspielhaus. "Füssen is too big to fail, Tölz too small to survive". Die Rettung naht in Person des Herrn Franz (Ludwig Retzer), dessen Vorfahre angeblich "Ruderer des Schwans in Linderhof" war und der in seinem Tagebuch Ungeheuerliches preisgibt, das mit dem Kini und Richard Wagner (Alex Liegl) zu tun. "Die Geschichte muss umgeschrieben werden", wiederholt der Herr Franz gebetsmühlenartig.

Wahrheit und Fake-News - das ist eines der ernst gemeinten Themen im Stück. "Es gibt die schöne Wahrheit, die Alternativen bietet für eine schönere Welt", sagt der Regisseur. Eine Szene im Stück bekommt angesichts der dramatisch veränderten Weltlage einen bitteren Beigeschmack: Die osteuropäischen Musiker, die mit einer 400-er Magnum ihre Gage einfordern, müssen verschwinden, weil die Tölzer Schützen mit einem Angriff drohen. Auch die Kommerzialisierung von Kultur und die Käuflichkeit ihrer Macher wird thematisiert. "My boss pay and I play" kichert die mandeläugige Sisi. Ein Höhepunkt ist das Duett von Alex Liegl und Dörthe Merz, das einem anderen legendären Traumpaar huldigt: Johnny Cash und June Carter. Lässiger geht es kaum, wenn Liegl mit seiner tiefen Stimme und Merz als temperamentvolles Cowgirl den Welthit "Jackson" zum Besten geben, flankiert vom Ensemble mit einem Lasso-Ballett. Gut, der historische Zusammenhang erschließt sich nicht sofort, auch nicht, warum der Herr Franz eigentlich eine Tüte auf dem Kopf hat.

Mit derart kleinkarierten Fingerzeigen wird man dem Stück freilich nicht gerecht - es lebt von der ausschweifenden Pose, der an Romantik kaum zu überbietenden Mond-und Sterne-Szenen und den großen Visionen. "Ich werde einen See stauen von Lenggries bis Fleck, den Sylvensee, nein, lieber Sylvensteinsee", träumt der verliebte Kini. Wahrheit hin oder her - Hauptsache, die Kohle stimmt. Und das tut es - denn Disney hat Interesse angemeldet, Netflix plant eine Serie über die Produktion. Und mit drei Sisis ist die Welt halt auch dreimal so schön.

Termine unter www.kulturverein-lust.de

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