Teils temporär, teils dauerhaft in Kochel am See:Vom warmen Klang der Natur

Lesezeit: 2 min

Tony Cragg Bildhauer

Man möchte alles anfassen: Die Oberflächen der Skulpturen von Tony Cragg wirken immer anziehend, mal elegant stumpfmetallisch, mal hölzern poliert.

(Foto: Manfred_Neubauer)

Das Franz-Marc-Museum zeigt Skulpturen des englischen Bildhauers Tony Cragg. Ein Schelm, der Wuchtiges aus Holz, Stahl und Glas gleichsam schweben lässt.

Von Barbara Szymanski

Tony Cragg hat in der internationalen Kunstwelt einen bedeutenden Klang. Nicht zuletzt deswegen, weil die Skulpturen des englischen Bildhauers klingen, zu summen scheinen, sich neigen, tanzen oder im Begriff sind, sich davonzumachen, und das trotz Ehrfurcht gebietender Größe. Denn die oft meterhohen Figuren verjüngen sich fast alle nach unten. Das macht sie schwebend, leichtfüßig, vielleicht auch ein wenig schutzbedürftig. Der Betrachter muss sich beherrschen: umarmen, streicheln zumindest die Rundungen abtasten. Darf man das? Unbedingt aber einmal umschreiten, dazu sollte man sich Zeit nehmen bei der Ausstellung "Gabelung" von Tony Cragg im Franz-Marc-Museum über dem Kochelsee. Machen wir dabei noch eine Entdeckung, gibt es eine Überraschung? Es ist eher die konsequente Harmonie, der deutliche Klang der Natur, des Organischen, des Lichtspiels und der Oberflächen, die mitunter an einen sehr eleganten stumpf-metallischen Autolack erinnern.

Nichts bei Sir Anthony Douglas Cragg, so sein offizieller Name, ist kantig, sperrig, unzugänglich. Die Plastiken kommen auf den Betrachter zu. So wie der überdimensionale Pinienzapfen in einem der Kabinett-Räume des Museums. Und dann wirklich eine Überraschung: die Schuppen sind Gesichter. Männergesichter. Oben noch fast greisenhaft und mit verkniffenen Augen, verjüngen sich die Antlitze nach unten ein wenig. Oder sind es gar Totenmasken? Denn die Augen bleiben geschlossen, das Lächeln sehr zurückhaltend, wenn auch ein wenig schelmenhaft. Möglicherweise der Ausdruck von Freude an dieser Idee und deren Umsetzung des Bildhauers. Er kann sich sicher vorstellen, wie die Betrachter das entdecken und dann ebenfalls lächeln oder aber befremdet sind.

Tony Cragg Bildhauer

"We" lautet der Titel dieser Skulptur.

(Foto: Manfred_Neubauer)

Ein wenig verschämt lächeln aufmerksame Betrachter wohl bei einer anderen riesigen Figur. Von weitem wieder eine Auseinandersetzung mit der Natur im Allgemeinen, von nahem: eine Vulva am Fuß des Werks aus geschliffenem honigfarbenem Schichtholz, und zwar fast medizinisch genau und sehr detailliert. Und immer wieder Schamlippen, meterhoch. Oder wollen wir das nur in dieser Skulptur sehen? Anyway, wird dazu vielleicht der Sir sagen, der den Ruf genießt, amüsant, humorvoll und zugänglich zu sein.

Vom Balkon des Cafés dann lässt sich der Neuerwerb des Museums anschauen: "Gabelung" heißt das Werk, wie die Direktorin Cathrin Klingsöhr-Leroy beim Pressetermin erzählt. Die Freude an dieser Anschaffung im Skulpturenpark des Museums ist ihr deutlich anzumerken. Da steht sie nun, die meterhohe gewundene, selbst im Regengrau verheißungsvoll goldfarbene Figur von Tony Cragg, die vor den hohen Bäumen platziert ist, als wäre sie ein Teil von ihnen.

Windungen und Schichtungen

Es ist noch mehr zu entdecken bei den Werken des kürzlich 70 Jahre alt gewordenen Bildhauers, der in Wuppertal lebt und arbeitet, wenn er nicht, wie so oft, in aller Welt zu tun hat. Nicht nur die Windungen und Schichtungen, die Leichtfüßigkeit trotz wuchtiger Kubatur seiner Arbeiten sind effektvoll, sondern auch die verwendeten Materialien: Edelstahl, unifarbenes Muranoglas, Bronze, Kunststoff, Holz oder Marmor. Und eben die verführerischen Oberflächen.

Es windet und schichtet sich auch auf den Zeichnungen, oft mit Bleistift, die der Künstler in großer Zahl schafft. Auch davon sind einige zu sehen im Franz-Marc-Museum. Tony Cragg greift mitunter zu Aquarellfarben, um menschliche Körper durch den Raum fliegen zu lassen. "Chromosomen" nennt er diese Bilder, und wir wissen nun Bescheid. Doch es sind erstaunlicherweise nur wenige Entwürfe für Figuren darunter, wie die Gesichter auf dem Pinienzapfen, sondern eher Reflexionen oder vielleicht auch nur ein Mittel, sich warmzulaufen für die weit ausladenden Gesten der Dynamik beim Arbeiten an den Skulpturen und ihrem warmen Naturklang.

Ausstellung mit Skulpturen und Zeichnungen von Tony Cragg im Franz-Marc-Museum, Kochel am See, 2. Juni bis 6. Oktober 2019. Katalog 24,80 Euro. www.franz-marc-museum.de

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB