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Tauchen im Walchensee:Ab in die "Wallstreet"

In Urfeld im Norden des Sees steigen die Taucher auf dem Video ins Wasser. Um im dämmrigen Grün sehen zu können, haben sie Lampen dabei. Sie schweben über das Glasschiff, ein gesunkenes Ruderboot, überhäuft mit leeren Flaschen. Gleich daneben beginnt die "Wallstreet": Wie die Front einer verlassenen Westernstadt sind hier Bretter, Zaunteile und kleine Holztreppen aufgestellt. Das Feld der verschollenen Schuhe, die aufgereiht am Seegrund stehen, und der einsame Kreis aus Gartenstuhlgerippen erinnern an eine Geisterstadt. Nebenan ragen verschieden lange Rohre wie Orgelpfeifen aus dem Grund. In der Mitte hängt ein Schild: "Kapelle geöffnet".

Der Taucher, der das alles in jahrelanger Kleinarbeit mit Hilfe eines Baumarkt-Eimers zusammengetragen hat, möchte unerkannt bleiben. Er taucht seit 25 Jahren im Walchensee. "Es ist einer der wenigen Seen, der noch offen für Taucher ist", sagt er. Der Müll im Wasser hat ihn inspiriert. "Solche Installationen gibt es sonst nirgends, das ist einmalig", sagt Taucher und Hobbyfotograf Olaf Haedicke, der gelegentlich Bilder in Fachmagazinen veröffentlicht.

Ein anderer Magnet sind die Steilwände. Die berühmte "Galerie" zwischen Urfeld und dem Ort Walchensee, fällt bis zum Kirchelgrund 190 Meter tief ab. Der Tauchplatz ist nichts für Anfänger, doch gerade die werden oft von der Tiefe angezogen. "Ich könnte mich hier hinstellen und T-Shirts mit der Aufschrift "Ich habe die Galerie überlebt" verkaufen", sagt der Künstler von Urfeld. Dazu kommt, dass immer mehr Taucher ihr Brevet aus Urlaubsparadiesen wie Ägypten oder der Türkei mitbringen und keine Ausrüstung für einen kalten Alpensee haben.

Als technischer Taucher hat Hartmann die richtige Ausrüstung. Wenn er die Steilwände hinab taucht, fühlt er sich "wie ein Vogel im Gebirge". Unten ist es still und dunkel, die Taucher entspannen hier automatisch: "Der Körper eines erfahrenen Tauchers weiß, dass er ganz ruhig werden muss", sagt Hell.

Hell selbst taucht als Sporttaucher mit Atemluft. Damit kommt er nicht tiefer als 30 bis 40 Meter, weil der Stickstoff in der Druckluftflasche sonst "giftig" wird und Halluzinationen auslösen kann. "Leider gibt es immer wieder Taucher, die ihre Grenzen austesten", sagt Hell. "Der einzige Nervenkitzel daran ist, den Kopf aus dem Wasser zu strecken und festzustellen, dass man noch am Leben ist." Ihn ärgert es, wenn sein Sport als gefährlich verteufelt wird, weil sich Taucher überschätzen oder mit der falschen Ausrüstung tauchen. Im Walchensee hat es seit 2006 drei tote Taucher gegeben - alle sind an Herzinfarkt gestorben.

Nicht nur Taucher haben den Walchensee schon unterschätzt. Willi Mayer, der die Wasserwacht am See gegründet und 40 Jahre lang geleitet hat, kann zu jedem Marterl, jeder Gedenktafeln am Ufer eine traurige Geschichte erzählen. Er erzählt von drei Nonnen, die im Tretboot rausfuhren und ertranken. Von gesunkenen Segelbooten. Von Selbstmördern. Von einem jungen Geschwisterpaar, dass vor vielen Jahren beim Tauchen umkam - und mit einem Seil aneinander gebunden gefunden wurde.

Mayer muss sich oft hilflos gefühlt haben, wenn er nur noch Tote bergen konnte. In dem kalten Wasser "verfaulen die Leichen nicht", sagt er. Erst oben fangen sie an zu riechen. Heute ist die Wasserwacht besser ausgerüstet. Auch der Hubschrauber der Unfallklinik Murnau ist in wenigen Minuten da. Die Klinik hat eine Druckkammer, in der Tauchunfälle kuriert werden können. Etwa zwölf Taucher kommen pro Jahr hierher. Alois Grünwald, Mayers Nachfolger, beobachtet, dass mehr Taucher auf seinen See ausweichen, wenn es im Starnberger See einen Unfall gegeben hat. Dort gab es in diesem Jahr bereits drei tote Taucher.

Die Tauchschüler Angie und Stangerl haben ihre Übung bestanden und das Taucherbrevet bekommen. Sie werden zunächst den Strand bei Einsiedel erkunden. Auch an dem Anfänger-Tauchplatz ist viel zu entdecken. Zum Beispiel mehrere Briefkästen, in denen eingeschweißte Bilder von Pin-up-Girls kleben.

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