Solomon Solgit gehört zu den Menschen, bei denen es heller wird, wenn sie den Raum betreten. So, als würde eine kleine Sonne ihn begleiten, oder ein Scheinwerfer. Seit 2013 lebt der Weltklasse-Akrobat mit seiner Frau in Bad Tölz. Dort hat er nicht nur unzählige kleine und große Shows konzipiert, die zum Staunen und Träumen verführen. Zudem hat er mehr als 5500 Kinder und Jugendliche mit seinem Enthusiasmus angesteckt, hat „sie bewegt“, wie er es nennt. „Jeder Mensch hat ein Talent“, sagt der 38-Jährige, „man muss herausfinden, was es ist.“
Solgit hat viele Talente. Er kann mit sieben Bällen jonglieren oder mit dem Einrad über eine Slackline fahren, er spielt Klavier, Gitarre und Bass, trommelt auf allem, was Klang erzeugt, tanzt, charmiert und begeistert. Mit neun Jahren stand der gebürtige Äthiopier erstmals auf einer Bühne in Adama, Mitarbeiter der WHO hatten sein Talent erkannt. Später besuchte er eine renommierte Zirkusschule in China, wurde von André Heller als Hauptdarsteller für die Show „Afrika, Afrika“ engagiert und zog Jahre mit dem Cirque du Soleil um die Welt.

Seine Berufung sei „Unterhaltung“, sagt er. Das Wort, bei dem im Deutschen gerne ein kleines „nur“ mitschwingt, hat in Äthiopien eine viel tiefere Bedeutung. Dort, wo er herkommt, sei Unterhaltung etwas Wesentliches, erklärt er. „Alle machen Musik, die Kinder bauen Menschen-Pyramiden auf der Straße. Alle sind Unterhalter. Ich bin nichts Besonderes. Ich habe es nur zur Bühne gebracht.“
Was ist für ihn das Gegenteil von Unterhaltung? Er denkt kurz nach. „Dunkelheit, Traurigkeit, allein sein, Depression.“ Unterhaltung sei alles auf der hellen Seite: „Farbe, Aktivität, Bewegung. Unterhaltung ist, wenn die Mama zu Hause einen Witz macht.“


Obwohl er ein gefragter Künstler bei Festivals und Festivitäten ist, nimmt Solgit sich viel Zeit für Kinder und Heranwachsende. Er geht in Schulen, arbeitet mit Jugendzentren zusammen und engagiert sich beim Ferienpass. „Wenn ich schon hier bin, dann bin ich auch verantwortlich dafür, dass die Kinder das alles ausprobieren können: Luftakrobatik, Trommeln, Rola-Bola.“ Keiner müsse Profi werden, sagt er. Aber alle sollten einmal die Erfahrung machen, einen Rhythmus zu schlagen oder sich auch „als etwas kräftigeres Kind“ nach oben auf eine Pyramide zu wagen. „Das geht“, sagt er, „es gibt so viele Möglichkeiten, eine Pyramide zu bauen!“
Wer einen Eindruck davon bekommen möchte, wie Solgit junge Menschen wachsen lässt, kann im Tölzer Jugend-Café bei seinem Projekt „Juca Sound“ vorbeischauen. Er hat es zusammen mit der Tölzer Jugendförderung während der Corona-Pandemie ins Leben gerufen. An diesem Abend sind der 19-jährige Freddy aus Lenggries und drei junge Frauen aus der Ukraine in das kleine Studio gekommen, das noch immer glänzt wie neu. „Das ist unser Raum“, sagt Solgit stolz. 300 Stunden ehrenamtlicher Arbeit steckten in der Renovierung. „Ich habe die Jugendlichen bewegt, dass sie mitmachen und auf die Instrumente aufpassen.“ Bei „Juca Sound“ können junge Leute eigene Musik machen, aufnehmen und veröffentlichen.

Freddy und Ira wollen heute an ihren Songs für den nächsten Auftritt feilen. Anna ist ihre versierte Begleiterin am Keyboard. Sie sind offenkundig ein gut eingespieltes Team. Freddy, ein eher zurückhaltender Typ, gewinnt hinter dem Mikro schlagartig an Selbstbewusstsein und stimmt mit einer sanften, aber kräftigen Stimme „Hey you“ in einem entspannten Reggae-Beat an.
Er habe sich von einem Song im Internet inspirieren lassen, sagt er. „Dazu habe ich dann erst einen eigenen Text geschrieben, und im Studio haben wir den Song zusammen überarbeitet.“ Freddy sei schnell und talentiert, ergänzt Solgit. „Wir haben Freddy-Farben und einen Freddy-Style hineingebracht.“ Jetzt ist es Freddy-Reggae.
Dann ist Ira an der Reihe. Die 21-Jährige will Profi-Musikerin werden – und hat das Zeug dazu. „To see the Light“ heißt ihr neuester Song, der ihr vor zwei Wochen beim Weißeln der Wände im Jugendzentrum in den Sinn gekommen ist. Eine eingängige, ohrwurmverdächtige Singer-Songwriter-Nummer. Nebenbei fordert Solgit Freddy auf, sich eine Gitarre zu greifen und zu begleiten. „Als Sänger soll man auch ein Instrument spielen können. Let’s go for Spaß!“ Freddy hat offenkundig schon für sich geübt. Er greift das G im Barré. „Hey“, lacht Solgit anerkennend. Und es geht weiter.

„Entspannt“ sei die Arbeit mit Solgit, sagt Ira, die seit zwei Jahren in Tölz lebt und nahezu perfekt Deutsch spricht. „Er kann motivieren, bleibt dran, inspiriert. Man kann mit ihm Dinge entwickeln, er ist sehr offen.“ Vor einem halben Jahr ist sie zu „Juca Sound“ gekommen. Nun bringt sie selbst Jugendlichen das Gitarrenspiel bei.
„Ich gebe Impulse“, sagt Solgit bei einem Glas Wasser nebenan, während die jungen Leute im Studio weiter proben. Das gelte auch für den Förderverein Suneko, den er in Tölz mitbegründet hat und dessen Ziel es ist, in Äthiopien eine Schule für Straßenkinder zu gründen. Seine „Ansage“ an Kinder und Jugendliche sei immer die gleiche, erklärt er: „Ich kann nicht, gibt es nicht. Es gibt so viele Möglichkeiten, dass ich lernen kann, wovon ich träume und was ich mir wünsche.“
Wer das nicht glaubt, sollte sich eine seiner Seilnummern anschauen. Es stimmt: Man kann auf einem Seil über dem Boden eine Leiter ins Nichts lehnen und in den Himmel steigen. Zumindest ein paar Stufen. Und wenn man Solomon Solgit heißt.
Kultur verbindet, Kultur bewegt – und Kultur braucht unsere Unterstützung: Zum dreizehnten Mal verleiht die Süddeutsche Zeitung den Tassilo-Kulturpreis. Diese Auszeichnung würdigt Arbeit und Wirken von Künstlerinnen, Künstlern und Kulturschaffenden im Großraum München. Hier stellen wir Ihnen die Preisträger vor, die die Jury, bestehend aus Kulturredakteurinnen und -redakteuren der SZ, in diesem Jahr ausgewählt hat. Verliehen werden drei Hauptpreise sowie fünf Förderpreise. Außerdem stiftet das Spendenhilfswerk der Süddeutschen Zeitung, SZ Gute Werke, einen Kulturpreis, der besonderes soziales Engagement würdigt. Welchen Preis die Gewinnerinnen und Gewinner erhalten, wird bei der Verleihung am 26. November bekanntgegeben.


