bedeckt München 31°

Tassilo:Blick für das Wesentliche

Rettung aus dem Müll: Seit Jahren unterstützt Max Kronawitter (re.) mit seinen Filmen Projekte von Pater Heinz Kulüke auf den Philippinen.

(Foto: Privat/Oh)

Kandidat für den Tassilo-Preis: Der Eurasburger Filmemacher Max Kronawitter sieht seine Aufgabe darin, Menschen und Ideen vorzustellen, die das Leben lebenswerter machen. Sein nächstes "Herzensprojekt": eine Fahrt auf der "Sea-Eye 4".

Von Stephanie Schwaderer

Natürlich kenne er die Angst, sagt Max Kronawitter. Sie sei eine treue Reisegefährtin. Zuletzt etwa, als er mit der Kamera eine Frau in die Schweiz begleitete, die dort ihrem Leben mit einer Spritze ein Ende setzen ließ. "Gespenstisch" sei das gewesen. Angst hatte er auch auf den Philippinen, als er in brennenden Müllbergen Kinder bei ihrer elenden Arbeit filmte. Und als er Wenke durch ihren letzten Sommer begleitete, ein lebenslustiges Mädchen mit einem Tumor im Kopf. Warum tut man sich so etwas an? Kronawitters Antwort auf diese Frage lautet: "Manche Filme müssen einfach gemacht werden. Auch wenn sie keiner bezahlt."

Etwa 200 Dokumentarfilme hat der studierte Theologe bislang mit seiner 1989 gegründeten Produktionsfirma Ikarus realisiert. Das Spektrum ist groß: vom liebevollen Porträt der Eurasburger Schwimmlehrerin "Frau Ludwig" bis hin zur Dokumentation des Dachauer Todesmarsches, die vor Kurzem Online-Premiere feierte und nicht nur in ganz Deutschland Beachtung fand, sondern auch in Israel und den USA. Eine Botschaft, eine Bedeutung haben alle Projekte, die Kronawitter anpackt. Sein Auftrag an sich selbst als Dokumentarfilmer lautet: "Zum Nachdenken anregen, gute Ideen bekannt machen, bedeutende Erinnerungen wachhalten und so einen Betrag zu einer besseren Welt leisten."

Bei dieser Mission lotet der 58-Jährige, der seit 20 Jahren mit seiner Frau und drei Kindern in Eurasburg lebt, immer wieder seine Grenzen aus. Bei fast jedem Projekt gebe es Dinge, vor denen er zurückschrecke, räumt er ein und verschränkt die Arme vor der Brust, "aber dann zwinge ich mich, sie trotzdem zu machen". Gerade hat er eine Absage von der Sea-Eye 4 bekommen. Sechs bis acht Wochen wollte er auf dem Seenotrettungsschiff im Mittelmeer verbringen - ein "Herzensprojekt", das er nun auf den nächsten Sommer verschoben hat. Mindestens einmal im Jahr leistet Kronawitter sich den Luxus, einen "wichtigen Film" auf eigene Faust zu realisieren, ohne Absicherung. "Ein solcher Film lässt sich nicht planen", erklärt er. Man könne weder ein Drehbuch schreiben, noch eine Kostenkalkulation aufstellen. Ein Sprung ins kalte Wasser.

"Für mich ist es das Verlassen der Komfortzone", sagt er, lächelt verschmitzt und öffnet die Arme in einer ausschweifenden Bewegung. "Es ist ja so schön daheim!" Das stimmt. Das helle Studio unterm Dach mit den vielen Büchern und den bequemen schwarzen Sofas öffnet den Blick weit hinaus ins Land - auf Wiesen, Wälder und ein Stückchen Berge. Warum diese Idylle gegen zwei Quadratmeter schaukelnde Ohnmacht auf einem Flüchtlingsschiff eintauschen? "Immer, wenn ich der Angst etwas entgegengesetzt habe, hat mich das bereichert", sagt er. "Weil ich etwas erlebt habe, was mir sonst verborgen geblieben wäre." Erst in Extremsituationen zeige sich der Mensch von seiner wahren Seite, werde sein Wesenskern sichtbar. Bei der Fahrt auf der Sea-Eye 4 gehe es ihm nicht etwa darum, der Selbsterfahrung ein neues Kapitel hinzuzufügen. "Seenotrettung bewegt mich seit Jahren", sagt er. "Dass wir so wenig Notiz davon nehmen, das ärgert mich." Mit einem Film, so hofft er, könne er zumindest in seinem medialen Umfeld "den einen oder anderen bewegen, sich mit dem Thema zu beschäftigen".

Für einen Weltverbesserer ist Kronawitter angenehm zurückhaltend und ausgesucht bescheiden. Zwei Wochen Bedenkzeit und einige Gespräche mit Freunden braucht es offenbar, ihn zu überreden, sich als Tassilo-Kandidat porträtieren zu lassen. Im Gegensatz zu vielen anderen Kolleginnen und Kollegen richtet er die Scheinwerfer nie auf sich. "Ich verstehe mich als Mediator", sagt er, "ich bereite die Bühne für andere."

Die Lust an den Geschichten von Menschen hat Kronawitter als Bub in seinem niederbayerischen Heimatdorf Kellberg entdeckt. Die Eltern betrieben einen Edeka-Laden, die Kinder halfen mit. "Das Geschäft war eine Geschichtenbörse", erzählt er, "da wurden alle Schicksalsschläge im Dorf besprochen." Sein erster Berufswunsch: Pfarrer oder Pastoralassistent. "Weil niemand außer dem Hausarzt so nah am Menschen ist." Von einem Studienjahr in Rom kehrte er ernüchtert zurück und mit der Hoffnung, "dass man auch als Medienmacher die Welt verändern kann".

Kann man das? Auf den Philippinen unterstützt Kronawitter mit seinen Honoraren eine Initiative, die sich der Müllkinder annimmt. Er ist mehrfach hingeflogen, hat per Steckbrief nach "seinen" Kindern gesucht. "Einige haben mittlerweile die Schule abgeschlossen", erzählt er. Allerdings müsse man gar nicht so weit reisen, um Menschen zu finden, die das Leben ein Stück lebenswerter machen.

Das Porträt einer Landärztin, die er bei der Arbeit in Niederbayern filmisch begleitet hat, haben sich bereits mehr als zwei Millionen Leute im Fernsehen angeschaut - und fleißig kommentiert. Die Zuschauer seien berührt und begeistert von dieser Ärztin, die sich ihre Arbeit nicht von Leistungskatalogen diktieren lasse, erzählt er. "Eine Frau, die sagt: Ich kann nicht 270 Euro abrechnen, wenn ich den Tod eines Patienten feststelle, den ich 20 Jahre lang begleitet habe."

Immer häufiger sucht Kronawitter seine Themen in der näheren Umgebung. Er versteht dies auch als einen Beitrag zu einem lebendigen Gemeindeleben. "Ich bin nicht bei der Feuerwehr, ich spiele nicht in der Blaskapelle, aber ich kann Filme machen." So hat er etwa seinem langjährigen Nachbarn, dem Bildhauer Hans Kastler, ein filmisches Denkmal gesetzt oder die Einweihung der Beuerberger Kirche mit der Kamera festgehalten.

Für seine Dokumentation über den Dachauer Todesmarsch recherchierte Kronawitter vor seiner Haustür in Eurasburg.

(Foto: Ikarus-Film/OH)

Auch die Todesmarsch-Dokumentation "Als das Grauen vor die Haustür kam" spielt schwerpunktmäßig zwischen Wolfratshausen und Bad Tölz. Dass er diesen Film keinem öffentlich-rechtlichen Sender verkauft hat, liegt offenkundig nicht daran, dass die Thematik zu lokal verortet wäre. "Ich wollte mir die Freiheit erhalten, aus diesem Film ganz unterschiedliche Versionen zu machen", erklärt er. Eine hat er speziell für Schulen geschnitten. Mit der Langfassung will er entlang der Marschroute in die Kinos gehen und zu Gesprächen einladen. "Mir geht es darum, Menschen zusammenzubringen." Dies eben sei der Reiz daran, Filme zu produzieren, "die es nirgendwo anders gibt".

Gerade sichtet er Material, das er vor wenigen Wochen mit dem beliebten Kinder-Reporter Willi Weitzel in Panama gedreht hat. "Es geht um die Rettung von Fröschen." Zugleich laufen die Vorbereitungen für ein außergewöhnliches Musik-Projekt, das seine Wurzeln im Landkreis hat und das Kronawitter dokumentieren wird. Wichtiger als die Quote sei ihm mittlerweile der persönliche Austausch, sagt er. "Eine angeregte Diskussion nach einer Filmvorführung im Pfarrheim ist mir genauso wertvoll wie ein Millionenpublikum im Fernsehen."

Mit dem Kinder-Reporter Willi Weitzel (links) war er vor Kurzem in Panama Frösche retten.

(Foto: Privat/Oh)
© SZ vom 12.05.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB