Talentiade 2019:Zurück in der Spur

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Nach einem erfolgreichen Jahr 2017 wurde Nachwuchssprinter Alessandro Rastelli, der bis vor Kurzem bei DJK Waldram trainiert hat, von Verletzungen zurückgeworfen. Nun kämpft sich der 17-Jährige wieder heran und möchte beim Heinz-Meyer-Sportfest in Wolfratshausen an den Start gehen. Sein Ziel sind die Olympischen Spiele 2024 in Paris

Von Konstantin Kaip, Wolfratshausen/München

Alessandro Rastelli will wieder der Schnellste werden. So wie an seinem besten Tag in seiner jungen Karriere: Am 30. Juli 2017 ist er bei der Süddeutschen U 16-Meisterschaft für Leichtathletik in Ingolstadt die 300 Meter in 34,33 Sekunden gelaufen und hat den deutschen Rekord, der zuvor sieben Jahre lang gegolten hatte, um fast eine Sekunde unterboten. Wenige Tage später wurde er dann in Bremen auf dieser Distanz auch Deutscher Meister in seiner Altersklasse, mit einer Zeit von erneut unter 35 Sekunden. Er hätte auch im 100-Meter-Sprint gewinnen können, sagt Rastelli. Schließlich hatte er die Distanz erst im Mai in 10,87 Sekunden zurückgelegt, seiner persönlichen Bestzeit. Aber in Bremen ist er wegen eines Fehlstarts im Vorlauf ausgeschieden.

2017 jedenfalls war ein großes Jahr für Rastelli, sein bisher bestes. Dass er vor seinen Sprint-Erfolgen im Februar auch noch Bayerischer U 16-Meister im Hochsprung (1,80 Meter) geworden war, erwähnt er nur beiläufig. Am Ende des Saison wurde er vom Deutschen Leichtathletik-Verband DLV in den Kader der deutschen Nationalmannschaft berufen und in Wolfratshausen zum Nachwuchssportler des Jahres gewählt. Eine steile Karriere, schließlich hatte er erst ein Jahr zuvor, also 2016, überhaupt ernsthaft mit der Leichtathletik angefangen. Sein Sportlehrer am Pullacher Pater-Rupert-Mayer-Gymnasium, Willi Martin, hatte ihn zur DJK Waldram nach Wolfratshausen geholt, wo er die Leichtathleten trainiert. "Ich habe bei der Lauftechnik gesehen: Der ist was ganz Besonderes", sagt Martin über den damals 14-Jährigen. Er sollte recht behalten.

Alessandro Rastelli

Groß geworden: Alessandro Rastelli bei einem aktuellen Training im Münchner Olympiapark.

(Foto: Privat/oh)

Es dauerte aber nicht lange, bis das Wunderkind aus Solln lernen musste, dass die Karriere eines Leichathleten keine Gerade ist wie die Sprintstrecke auf der Tartanbahn, und dass es nicht nur sehr gute, sondern auch richtig schlechte Jahre gibt. Schon im Januar 2018 hatte er kleine Muskelverletzungen, im Februar legten ihn die Windpocken für einen Monat flach. "Danach hatte ich nicht das alte Gefühl, das ich vorher hatte", sagt der 17-Jährige. Dann kam wieder die Süddeutsche Meisterschaft. Rastelli war am 24. Juni in Erding dabei, obwohl er wenig trainiert hatte. Im Vorlauf für die 200 Meter startete er gut. "Aber nach 50 Metern habe ich im linken Bein ein komisches Gefühl gehabt", sagt er. Es war ein Bizepssehnenabriss am Oberschenkel. Rastelli musste den Lauf abbrechen und den Wettkampf beenden, fünf Tage später wurde er operiert - und musste ein halbes Jahr pausieren. Die Olympischen Jugend-Sommerspiele in Buenos Aires, an denen er unbedingt hatte teilnehmen wollen, waren dahin. Stattdessen hatte er viel Zeit zum Nachdenken.

Der 17-Jährige spricht kaum über die Zeit, die für ihn als aufstrebenden Sprinter eine sehr bittere gewesen sein muss. Er klingt wie ein Profisportler, der den Blick nach vorne richtet. "Mit der Verletzung haben wir entschieden zu wechseln", sagt der Sollner, der mit dem "Wir" auch seine Eltern meint. Vater Vincenzo, früher selbst Leichtathlet, und Mutter Patricia unterstützen ihren einzigen Sohn, wo sie können. Sie waren bei jedem Wettkampf dabei. "Wir haben den Moment genutzt und gesagt: Wir gehen den nächsten Schritt." Rastelli verließ den DJK Waldram und wechselte im Januar 2019 zur LG Stadtwerke München, die einen großen Sponsor im Rücken hat und mehr Möglichkeiten bietet. "Ich wollte professionellere Trainer für Sprint und Trainingskameraden, die auf ähnlichem Niveau laufen wie ich."

Talentiade 2019: Rastelli bei einer Laufübung vor drei Jahren.

Rastelli bei einer Laufübung vor drei Jahren.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Derzeit trainiert der Elftklässler vier bis fünf Mal pro Woche nach der Schule mit seiner Sprintgruppe auf dem Münchner Olympiagelände. "Ich bin auf einem guten Weg", sagt Rastelli. Im April war er zehn Tage lang mit dem Nachwuchskader der Nationalmannschaft beim Trainingslager in Portugal, seine Situation nach der schweren Verletzung hatte er zuvor mit den Bundestrainern besprochen. Ein bis zwei Trainingseinheiten pro Tag absolvierte er dort. "Ich konnte alles problemlos mitmachen", berichtet der 17-Jährige. Sein Körper habe sich wieder ans Training gewöhnt, er habe "eine Steigerung festgestellt".

Alessandro Rastelli ist fest entschlossen, wieder anzugreifen. Ihn dabei zu unterstützen sei für sie schon "fast ein Fulltime-Job geworden", sagt seine Mutter. Weil er nach dem Nachmittagsunterricht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu lange brauchen würde, holt sie ihn in Pullach von der Schule ab und fährt ihn ins Olympiazentrum zum Training. Die Familie achtet auf die Ernährung - viel Eiweiß, kaum Zucker, die richtigen Fette. Braucht Rastelli Medikamente, muss der Wirkstoff mit der Liste der Anti-Doping-Agentur Nada abgeglichen werden, bei der er als Mitglied des Bundeskaders im Testpool ist. "Unser Leben dreht sich eigentlich um die Leichtathletik", sagt Particia Rastelli.

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Mit den Wettkämpfen muss ihr Sohn allerdings noch ein bisschen warten. Sein neuer Trainer bei der LG Stadtwerke, Jonas Wahler, mit dem Rastelli fast täglich in Kontakt ist, habe als frühesten Zeitpunkt den 26. Mai festgelegt - falls es sein Körper zulasse, sagt der 17-Jährige. Dann steigt das Heinz-Meyer-Gedächtnissportfest im Isar-Loisach-Stadion in Wolfratshausen. In der Stadt seiner sportlichen Wurzeln ein Comeback hinzulegen würde Rastelli schon gefallen. Aber nicht um jeden Preis. "Jetzt ist die Hauptsache, verletzungsfrei zu bleiben und wieder Vertrauen in mich zu kriegen", sagt er. "Am wichtigsten ist, dass ich keine Schmerzen habe."

Ende Juli finden in Ulm die Deutschen Meisterschaften statt. Rastelli würde dort gerne die 200 und 400 Meter laufen. Und Gold holen? "Über ungelegte Eier spricht man nicht", sagt er. Das habe er aus den Erfahrungen im vergangenen Jahr gelernt. "Für mich selber möchte ich schon gewinnen", räumt er dann doch ein. "Aber ich bin nicht der, der rausschreit: Jetzt hol' ich das Ding nach München, oder so." Dem Sport will Rastelli in jedem Fall treu bleiben und Sportwissenschaften studieren, gleich nach seinem Abi 2020. Und einen Traum hat er natürlich auch: bei Olympia in Paris 2024 dabei zu sein. Auf welcher Strecke, könne er nicht sagen. Dafür habe er noch zu wenig Wettkampferfahrung, sagt der 17-Jährige. Die 400 Meter aber seien "ganz speziell", erklärt Rastelli. "Man muss schon psychisch bereit sein, die ganze Stadionrunde zu laufen. Es ist die perfekte Mischung aus maximal schnell und maximal locker."

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