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Szyszkas Klassiker:Subversiver Lobgesang

Georg Philipp Telemann hat als Komponist eine große Vielzahl an Werken produziert. Dazu gehören auch Vertonungen des Magnificat, des Lobgesangs der Maria. Eines dieser Stücke wird am zweiten Weihnachtsfeiertag zum traditionellen Kantatengottesdienst im Gottesdienst der evangelischen Johanneskirche Bad Tölz gespielt

Von Reinhard Szyszka

Viele träumen davon, Georg Philipp Telemann (1681-1767) hat's geschafft: einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Dort figuriert er als der produktivste Komponist aller Zeiten. Und wirklich: beim Studium des Telemannschen Werkkatalogs möchte man fast nicht glauben, dass ein einziger Mensch all dies geschaffen haben soll. Da gibt es zwölf Jahrgänge Kirchenkantaten, 44 Passionen, 35 Oratorien, 40 Opern, und die Orchestersuiten und Kammermusikwerke gehen in die Tausende.

Bei aller Bewunderung für Telemanns ungeheuren Fleiß darf man freilich nicht vergessen, dass seine Zeitgenossen das Komponieren nicht so sehr als einen Akt genialer Inspiration verstanden denn vielmehr als ein Handwerk, welches jeder, der über eine entsprechende Grundbegabung verfügte, erlernen konnte. Man erwartete von Musik, dass sie ansprechend klang und solide gemacht war - alles Eigenschaften, die Telemanns Musik in höchstem Grade aufweisen konnte.

Natürlich finden sich unter den zahllosen geistlichen Werken Telemanns auch Vertonungen des Magnificat, des Lobgesangs der Maria, und zwar in lateinischer ebenso wie in deutscher Sprache. Eine davon, ein deutsches Magnificat, gibt es am zweiten Weihnachtsfeiertag im Gottesdienst der evangelischen Johanneskirche Bad Tölz zu hören. Am 26. Dezember veranstaltet diese Kirche traditionell einen Kantatengottesdienst, und Kantorin Elisabeth Göbel lässt sich jedes Jahr etwas Neues einfallen. Diesmal also Telemann.

Der Lobgesang der Maria, das Magnificat, ist eine der ganz wenigen Passagen der Bibel, wo eine Frau eigenständig zu Wort kommt, nicht nur als Stichwortgeberin für einen Mann. Maria besucht kurz nach der Verkündigung ihre Cousine Elisabeth, die ebenfalls ein Kind erwartet, den künftigen Täufer Johannes. Bei der Begrüßung der beiden Schwangeren erkennt der ungeborene Johannes den ebenfalls ungeborenen Jesus im Leib der anderen Frau und hüpft im Mutterleib. Maria stimmt daraufhin ihr großes Lied an: "Magnificat anima mea", zu Deutsch "Meine Seele erhebt den Herrn". Eine faszinierende Geschichte, zweifellos, und auch ein faszinierendes Lied, das so subversive Stellen enthält wie "Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer". Kein Wunder, dass sich immer wieder Komponisten mit diesem Text beschäftigt haben, und dass auch der fleißige Telemann nicht daran vorbei kam.

Kantatengottesdienst mit der Johanneskantorei, Instrumentalensemble und Stephanie Krug (Sopran), Leitung Elisabeth Göbel, Predigt Dekan Stefan Reimers (Fürstenfeldbruck), Montag, 26. Dezember, 9.30 Uhr, evangelische Johanneskirche Bad Tölz, Schützenstraße, Eintritt frei

© SZ vom 22.12.2016
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