SZ-Serie: Wer wohnt denn da?:Der Mann im "Weiberhaus"

SZ-Serie: Wer wohnt denn da?: „Ich liebe Understatement“: Rolf Dechamps und seine Frau Andrea schätzen an ihrem Ambacher Haus, dass es für eine Villa sehr schmal und alles andere als protzig daherkommt. Im riesigen Garten toben oft die Enkelkinder.

„Ich liebe Understatement“: Rolf Dechamps und seine Frau Andrea schätzen an ihrem Ambacher Haus, dass es für eine Villa sehr schmal und alles andere als protzig daherkommt. Im riesigen Garten toben oft die Enkelkinder.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Am Ufer des Starnberger Sees gibt es viele Villen. Doch Rolf Dechamps bewohnt eine ganz besondere - und das nicht nur aus architektonischer Sicht. Denn vor ihm haben es dort fast nur Frauen längere Zeit ausgehalten

Von Benjamin Engel

Männer haben es im sogenannten Landhaus Weißhaupt an der Ambacher Seeuferstraße früher nie lange ausgehalten. Woran das genau lag, darüber kann nur spekuliert werden. Manche behaupten, dass es mit der einsamen Lage am Ostufer des Starnberger Sees zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammenhängen könnte. Dort versprach nur das nahe Gasthaus "Zum Fischmeister" der Familie Bierbichler ein wenig Unterhaltung. Es prägten jedenfalls vor allem starke Frauenpersönlichkeiten die meiste Zeit das schon in seiner Architektur unkonventionelle Haus. Ungewöhnlich wenig Raum nimmt das hohe und schmale Gebäude auf dem um die 3000 Quadratmeter großen Grundstück ein.

Als Rolf Dechamps die kleine Villa vor 40 Jahren gekauft hat, wusste er nichts davon, dass das Gebäude weithin nur das "Weiberhaus" genannt wurde. Wäre er von dort genauso schnell wieder verschwunden wie die meisten seiner männlichen Vorgänger, hätte das wohl kaum jemanden verwundert - ihn selbst anfangs inklusive. "Ich habe erst gedacht, um Gottes Willen, ich bin doch besoffen", erzählt der heute 77-Jährige. Der erste Gedanke: "Ich halte es hier nicht aus." Dem damals jungen Familienvater Ende 30 war in Ambach entschieden zu wenig los. Schließlich war der Unternehmer die Großstadt München gewohnt, wo er in den Stadtteilen Schwabing und Solln gelebt hat, ehe seine erste Frau die Immobilienanzeige für das Landhaus am See in der Süddeutschen Zeitung entdeckte.

Angeblich soll das Haus damals zwei Jahre lang inseriert gewesen sein, ohne dass es jemand kaufte. Womöglich wirkte das 1902 über Eck gebaute Gebäude zu zurückhaltend und klein für viele mit genügend frei verfügbarem Geld. So erklärt sich das zumindest Dechamps. Er selbst verliebte sich aber nach und nach in das Haus. Es gefällt ihm, dass es verwunschen und ganz und gar nicht angeberisch erscheint. "Ich liebe Understatement", sagt er.

Reizvoller Gegensatz

Trotz des mittlerweile weinbewachsenen Anbaus aus dem Jahr 1984 wirkt das Gebäude immer noch alles andere als protzig. Die Villa mit ihrem altem Mauerwerk und Ziegeldach und dem neuen Holzkubus mit dem Kupferdach bilden einen reizvollen Gegensatz. Im dunkel holzgetäfelten Salon mit dem alten Kachelofen und den Art-déco-Möbeln in der Sitznische könnte man sich leicht 100 und mehr Jahre zurückversetzt fühlen. Im Erdgeschoss des Anbaus - dem Wohnzimmer - dominiert helles Holz. Breite Fensterfronten erlauben in drei Himmelsrichtungen den ungehinderten Blick in den Garten.

Das unmittelbare Erlebenkönnen der Natur macht für Deschamps' jetzige Ehefrau Andrea einen Teil des Charmes im Haus aus. "Für mich ist es ein Ort der Ruhe und der Erholung, des Lebens mit der Natur", sagt sie. Daher fehlt ihr etwa die bis vor Kurzem im Südwesten vor dem Gebäude stehende 150 Jahre alte Buche sehr. Der Baum musste gefällt werden, weil er zu stark von Pilz befallen war. "Der Baum war das beschützende Element des Hauses", sagt Andrea Dechamps. Das tonnenschwere, prächtige Exemplar soll womöglich auch der Grund gewesen sein, dass das Haus so ungewöhnlich schmal und eckig darum herum gebaut worden ist, berichtet sie. Für Andrea Dechamps hat die kleine Villa jedenfalls eine besondere Energie. Das zeige unter anderem auch der Umstand, dass sich durch die Geschichte des Hauses hinweg so viele Frauen dorthin gezogen fühlten.

Erbaut hat das Landhaus Anna Weißhaupt. Dafür hatte die Kaufmannswitwe 1902 den Grund vom benachbarten Grünwald-Bauernhof erworben. Die Frau beauftragte den damals für seine Landrefugien rund um den Starnberger See sehr gefragten Tutzinger Baumeister Xaver Knittl mit dem Hausbau. So ist es im erst vor wenigen Jahren erschienen Buch von Stefanie Knittl über die Historie ihrer Familie zu lesen. Die Tochter der ersten Inhaberin, Maria Weißhaupt (1863 bis 1953), zog 1909 ein. Sie soll eine romantische Frauenfreundschaft mit Maria Cäcilia Gräfin von Tattenbach (1867 bis 1947) gepflegt haben. Zumindest will eine nebenan wohnende Bäuerin beobachtet haben, dass sich beide verheiratete Frauen sehr vertraute Küsse zuwarfen, wenn die auf Schloss Eurasburg ansässige Gräfin mit der Kutsche in Ambach vorbeikam.

Nach Maria Weißhaupt wohnten nach dem Zweiten Weltkrieg noch zwei weitere Frauen aus der Weißhaupt-Familie in dem Haus. Deren Männer hielt es dort nicht wirklich, diese zog es oft nach München. Und ganz von der Stadt wollte auch Rolf Dechamps lange nicht lassen. In München habe er bis vor zehn Jahren noch eine Wohnung und ein Büro zusätzlich gemietet, erzählt er. Doch so sehr er das Urbane möge, sei er inzwischen doch jedes Mal froh, wenn er wieder nach Ambach komme. Er schwärmt vom klaren Himmel dort und von der frischen Luft. Außerdem genieße er die Zeit mit der Familie und den zahlreichen Enkelkindern, die sich vor allem auf dem kleinen Seegrundstück sehr wohl fühlten. Mit der Familie zusammen zu sein und gemeinsam etwas zu unternehmen, sei ihm sehr wichtig, sagt Dechamps.

Das gepflegte Landleben scheint Dechamps auch in seinem Kleidungsstil zu kultivieren. Die rotbraune Cordhose hat er zum dunkelblauen Hemd und dem grün-gemusterten Jackett dezent abgestimmt. Dieser modische Auftritt könnte auch gut zu einem britischen Landadeligen passen. Dass in und um die Villa schon Szenen für Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen gedreht wurden, wie er verrät, scheint wie perfekt dazu zu passen - auch wenn Dechamps den adeligen Lebensstil sonst wohl eher als für ihn unpassend beschreiben würde.

"Völlig überfordert"

Äußerst anekdotenhaft kann er von seiner Lebensgeschichte erzählen. Demnach hatte er das erste juristische Staatsexamen abgeschlossen und war 26 Jahre alt, als sein Vater den ersten Schlaganfall erlitt. Von da an musste er auf einmal zwei Maschinenbau-Unternehmen in München und Erding leiten. "Ich fühlte mich eigentlich völlig überfordert", sagt Dechamps. Von Maschinenbau habe er im Grunde nichts verstanden. Und trotz fehlenden Fachwissens, sagt er nonchalant, habe er später noch eine Computerfirma in Lübeck und eine Musikfirma in New York gegründet, dazu kam eine Heizungs-, Sanitär- und Lüftungsfirma, die er gekauft hat. Im ostdeutschen Naumburg an der Saale übernahm er nach der Wiedervereinigung zudem eine Maschinenfabrik von der Treuhandanstalt, die später bis zu 75 Mitarbeiter hatte.

"Ich mag alles unkonventionell", sagt Dechamps von sich selbst. "Ich bin immer unternehmungslustig." Insofern hat er womöglich viel mit seinen Vorfahren gemein. In Aachen waren die Dechamps als Textilfabrikantenfamilie bekannt. Der Vetter von Rolf Dechamps Vater, Bruno Dechamps, war Journalist und Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen.

In Schubladen einordnen lassen, mag sich Rolf Dechamps aber nur ungern. Sich selbst sieht er als Mann mit durchaus links-liberaler Einstellung. Und das Haus in Ambach habe er sich 1981 eigentlich gar nicht leisten können, sich aber gedacht, es im Notfall wieder zu verkaufen. Heute ist er froh, dass er die Finanzierung hinbekommen hat. Das liegt nicht nur an feinen, architektonischen Details wie etwa der holzgeschnitzten Figur des Herrgotts mit der Weltkugel an der Südfassade oder den schmalen Glasbändern, die den frei stehenden Anbau mit dem Haupthaus verbinden. Er weiß vor allem das ruhigere Landleben mit seiner Frau in Ambach zu schätzen, wie er sagt. "Ohne Garten könnte ich nicht leben." Und ganz so einsam wie früher ist es in der Gegend ja auch nicht mehr. Dechamps kehrt zum Beispiel gerne beim Fischmeister ein. "Da trifft man eigentlich immer jemanden, den man kennt."

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