Leicht und filigran, fragil und fast transparent schweben die unterschiedlichsten Lichtobjekte aus feinstem Japanpapier unter der Atelierdecke. Es sind Papierlampen von Anna Hössle. Ihre Inspirationsquelle sei oft die Natur, erzählt sie. "Ich beobachte zum Beispiel Sauerstoffbläschen im sprudelnden Wasser oder Schaumwolken, die an der Wasseroberfläche entstehen." Daraus ergeben sich Ideen, die sie dann weiterentwickelt. Ihr Werkstoff, Papier, ist ausgesprochen empfindlich. Grob dagegen das Werkzeug: Hämmer, Stanzen in allen Größen, schwere Gewichte und eine riesige Pappschere. Es handelt sich um eine Exemplar von Christian Mansfeld aus Leipzig mit der Seriennummer 30790, sicherlich hundert Jahre alt, ursprünglich für die Buchbinderei hergestellt. Denn diesen Beruf hat Anna Hössle eigentlich gelernt.
Mit Papier fing also alles an. "Erst mal ein Handwerk lernen", hätten die Eltern ihr geraten, erzählt sie. Der Vater war Silberschmied und lehrte an der Kunstakademie München. Die Mutter ist Goldschmiedin. Anna Hössles Traum war es immer schon, selbständig zu arbeiten. Nach einer Lehre in Österreich verwirklichte sie diesen Wunsch zusammen mit einer Freundin. Kunden bestellten bei ihr zunächst Schachteln, Fotoalben und Papierarbeiten. Dann kam ein Kunde und gab einen Lampenschirm in Auftrag. Der Anfang einer faszinierenden Entdeckungsreise, die noch immer andauert.
"Für mich ist es eine meditative Arbeit. Ich konzentriere mich dabei sehr. Alle anderen Gedanken bleiben draußen", sagt sie. Ihr Atelier befindet sich am Wolfratshauser Obermarkt 33, im ehemaligen Schwankl-Eck. Dort gründete 1886 der Buchbinder Albert Schwankl die erste Druckerei der Region und gab das "Wolfratshauser Wochenblatt" heraus. Die meisten Kunden kommen über den Johannisplatz am Loisachufer in die Werkstatt. Unter einem Wellblechdach, das zwischen Johannisplatz 1 und Obermarkt 33 angebracht ist, steht auf einem orangenen Schild "Keramikatelier Tina Pause/ Papierwerkstatt Anna Hössle". Ein paar Metallstufen führen empor zur Eingangstür. Links geht es zu Tina Pause, rechts zu Anna Hössle. Die beiden befreundeten Kunsthandwerkerinnen arbeiten seit 25 Jahren Tür an Tür.
Ein Blickfang sind all die Lampen und Mobiles. Schon der Formenreichtum überrascht. Zum Beispiel beim sogenannten "Flügelhorn", das durch eine ganz besondere Zickzack-Faltung auffällt. Die beliebteste und am häufigsten nachgefragte Lampe ist die Linse aus Japanpapier. Anna Hössle verarbeitet auch Transparent- und Industriepapier. "Alle Papiere haben eine eigene Qualität", sagt sie. Das Licht einiger Lampen aus Japanpapier dringt durch gestanzte Löcher diffus nach außen - ein Effekt, der auch die Künstlerin fasziniert.
Das geräumige, helle Atelier ist fein säuberlich aufgeräumt. An der Wand hängen weiß lackierte Metallringe in verschiedenen Größen, Fächer für Stifte sind angebracht und Magnete für die zahlreichen Scheren. In einem Regal liegen verschieden große Gewichte. Aus einem blau gestrichenen Planschrank holt Anna Hössle feines Japanpapier und breitet es auf dem großen Arbeitstisch vor dem Fenster aus. Darauf legt sie eine Schablone aus Karton. Jetzt folgen viele Arbeitsschritte: zunächst das Stanzen kleiner Löcher mit Stanzeisen und Hammer und das Zurechtschneiden. Wie bei einem Kuchen muss ein Stück herausgeschnitten werden, um die benötigte Wölbung zu erzeugen. Anschließend klebt Hössle die beiden Schnittstellen zusammen und beschwert sie mit Gewichten.
"Die Arbeit ist sehr zufriedenstellend, auch wenn ich auf einem Lampenschirm hundert Pünktchen ausmalen muss. Das wird nie langweilig", lacht sie. Manchmal umrandet sie die Stanzlöcher mit Farbstiften, dann wieder klebt sie bunte Japanpapier-Punkte in verschiedenen Größen aufeinander und erreicht so einen dreidimensionalen Effekt. "Auf den weißen Untergrund klebe ich ein zartes Gelb und darauf ein Moosgrün." Wenn diese drei Schichten beleuchtet werden, sehen sie wieder ganz anders aus.
Der Arbeitsprozess zieht sich über Tage. Kleben, Trocknen, Pressen. Zum Einsatz kommen dabei Pinsel, Messer und Zirkel, alles Gerätschaften aus der Buchbinderei. Ihre Unikate verkauft Hössle in Wolfratshausen und in einem Geschäft in der Pariser Straße in München. Bald vierzig Jahre Erfahrung mit dem Material hat sie gesammelt. Da ist es nicht verwunderlich, dass es an Kundschaft nicht mangelt. "Durch Mundpropaganda kommen immer neue Kunden zu mir", sagt Hössle. Ihre Ware übergibt sie am liebsten persönlich. Die Lampen sind fragil. Schon die kleinste Delle lässt sich nicht mehr reparieren.