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SZ-Serie Unikate:Nicht von Pappe

Rosina Strobl und Tochter Barbara Schwaighofer betreiben eine Buchbinderei in Königsdorf. 50 Stiche sind notwendig, um ein Fotoalbum kunstgerecht zusammenzuheften.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

In der Königsdorfer "Handbuchbinderei" fertigen Rosina Strobl und ihre Tochter Barbara Schwaighofer hochwertige Alben, Mappen und Schachteln für Schätze aller Art - selbst für haarige Angelegenheiten wie einen Gamsbart.

Von Stephanie Schwaderer

Die Gummimatte war der Härtetest. Nicht nur für diverse Klebstoffe, vor allem für die Nerven der beiden Buchbinderinnen Rosina Strobl und Barbara Schwaighofer. In ihrer kleinen Werkstatt in Königsdorf haben Mutter und Tochter schon einige ausgefallene Kundenwünsche erfüllt - ein Kuhfell in den Einband eines Gästebuchs eingearbeitet oder einen Ordner mit einem Holzdeckel versehen. Aber ein Album in eine Turnmatte zu binden, das sei schon eine Herausforderung gewesen, sagt Barbara Schwaighofer. "Die hat sich immer wieder aufgerichtet." Mit Hartnäckigkeit und diversen Kniffen haben die beiden Frauen die Matte schließlich aber niedergezwungen. Wäre ja auch gelacht gewesen.

Barbara Schwaighofer ist mit dem Buchbinderhandwerk groß geworden. Schon als kleines Mädchen habe sie in der "Schachtelwerkstatt" ihrer Mutter Papierchen sortiert und mit bunten Schnipseln gespielt, erzählt die 34-Jährige. Mittlerweile hat sie selbst vier Kinder und die Meisterschule in München absolviert. Die "Schachtelwerkstatt" heißt nun "Handbuchbinderei" und ist ein Meisterbetrieb. Aber Schachteln entstehen dort noch immer - in allen Formen und Größen und für Schätze jeder Art. Es gibt Schmuckkästchen und Krawatten-Kästen, Kisten für Kommunionskerzen, Klang-Schächtelchen und große Boxen für edles Trachtengewand wie den Schalk.

Auch ein Gamsbart will staubfrei gehütet sein. Der Deckel befindet sich in diesem Fall auf der Unterseite einer imposanten Schachtel, in die oben ein Loch gebohrt ist. Durch dieses lässt sich das haarige Prachtstück kopfüber in der Kiste aufhängen und kann sich dabei frei entfalten. Einfach, aber genial. Zudem binden die Frauen auf Wunsch alles, was sich zwischen Leder und Karton fassen lässt - von der Notenmappe bis zur Speisekarte. "Am schönsten sind die Aufträge, bei denen man freie Hand bekommt", sagt Schwaighofer.

Barbara Schwaighofer und ihre Mutter Rosina Strobl sind ein eingespieltes Team.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Ihre Werkstatt befindet sich im ersten Stock eines alten Bauernhauses direkt an der großen Kreuzung in der Dorfmitte. Zwei schwere Schneidemaschinen stehen darin, zudem eine alte Präge- und eine Anleimmaschine, von den beiden Königsdorferinnen "Oaschmiermaschin" genannt. Ansonsten ist ihr Werkzeugbestand sehr überschaubar. Sie brauchen Pappschere und Hammer, Nadel und Zwirn. Zudem haben sie vier uralte Bügeleisen in Betrieb. Die dienen ihnen als Gewichte, um geleimte Bücher zu pressen.

Ganz oben auf ihrer Auftragsliste stehen Alben und Gästebücher für Hochzeiten oder andere Festtage. "Besondere Werke brauchen eine besondere Bearbeitung", sagt Schwaighofer. "Auch wenn man in eine Masterarbeit viele Stunden Arbeit gesteckt hat, mag man, dass sie schön gebunden ist und nicht im Copyshop zusammengeklammert." Ob ein Buch Qualität habe, merke man schon beim Aufschlagen, ergänzt Strobl. "Wenn es geklammert ist, lässt es sich nicht richtig öffnen." Das Album, das gerade auf ihrer Werkbank entsteht, lädt schon jetzt dazu ein, es in die Hand zu nehmen. Der Karton ist angenehm fest, die Seiten öffnen sich geschmeidig. Wichtig sei, dass man das Papier in der richtigen Laufrichtung verarbeite, erklärt Schwaighofer. "Sonst hat man schon verloren." Zur Veranschaulichung nimmt Strobl ein Papierstückchen in die Hand. In die eine Richtung lässt es sich willig biegen und falten, um 90 Grad gedreht, sträubt es sich. Ein Großteil der digital produzierten Broschüren und Kataloge sei heutzutage in der falschen Laufrichtung bedruckt, sagt sie. Deshalb wellten sich die Seiten. "Es muss ja alles schnell und billig gehen."

Nicht so in der "Handbuchbinderei". In ein Fotoalbum stecken die Frauen an die drei Stunden Arbeit. Zuerst schneiden und falzen sie die Papierbögen; der Falz ist wichtig als Ausgleich für die Bilder, die einmal eingeklebt werden, damit das Album sich nicht wölbt. Die Bögen werden mit Nadel und Zwirn zusammengeheftet, 150 Stiche sind dazu nötig. Anschließend wird der Rücken verleimt und dann gerundet. Das geschieht mit ein paar gezielten Hammerschlägen. Nun fehlt noch der Einband, bei dem der Kunde aus Dutzenden schmucken Papieren wählen kann - Blümchen- oder Streifenmuster, Ornamente oder Marmoroptik. Manche entscheiden sich auch für eine Unterlegearbeit mit Kaltvergoldung, andere bringen Landkarten oder Stadtpläne aus dem Urlaub mit, die dann als Titelbild dienen. Die einfache Ausführung eines Fotoalbums kostet 52 Euro. "Wir verdienen etwa so viel wie Schneider und Friseure", sagt Strobl.

In der "Handbuchbinderei" entstehen auch Sonderanfertigungen wie für diesen Trachtenhaarschmuck.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Angst, dass ihnen die Arbeit ausgehen könnte, brauchen die beiden nicht zu haben - zumindest so lange es Hüte gibt. "Wer einen schönen Hut hat, der braucht auch eine schöne Schachtel", sagt Schwaighofer. Sie selbst hat drei Exemplare in ihrem Kleiderschrank, einen Trachtenhut, einen Damenhut und einen großen Strohhut - allesamt handgemacht und kunstgerecht verstaut. Damit sei sie vergleichsweise bescheiden ausgestattet, sagt sie. "Wir hatten hier schon einen Mann, der hat sieben ovale Schachteln für seine sieben Hüte in Auftrag gegeben, und für jede hat er ein anderes Papier ausgesucht. Das war ein schöner Auftrag."

© SZ vom 18.02.2021
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