Sagen und Mythen:Der rätselhafte Tod der jungen Maiblum

Sagenserie - Die Zigeunerin am kalten Wasser

Ein Schild an der Stelle im Wald erinnert an die Geschichte.

(Foto: Manfred Neubauer)

In einem Märchenbuch der Sinti ist von Mord die Rede, andere glauben an einen Unfall - belegt ist nichts. Doch die Stelle im Wald bei Wegscheid ist so unheimlich, dass es selbst den Besitzer gruselt.

Von Irmgard Grasmüller, Lenggries

Am Rande der Jachenauer Straße - bekannt auch als Staatsstraße 2072 - etwa 600 Meter südlich der Legerbrücke, hängt noch heute an einer Tanne das Bild einer "Zigeunerin", wie es auf der Holztafel heißt. Der Baum ist leicht verwachsen, ein Knorpel hat sich gebildet, was so mancher Naturkundler derart deutet, dass sich hier unterirdische Wasseradern kreuzen. Im Volksmund wird der Ort noch immer "Bei der Zigeunerin" genannt. Denn dort soll eine junge, hübsche Frau, eine Sinteza, unter ungeklärten Umständen gestorben sein. Die Sage, deren Ursprung mit etwa 200 Jahren noch nicht sehr lange zurück liegt, hat in einigen literarischen Werken ihren Niederschlag gefunden, neuerdings in einem Märchenbuch der Sinti. Darin heißt es, sie sei von einem Holzarbeiter umgebracht worden.

Direkt neben dem Baum tritt eine Quelle aus dem Boden hervor, die vom Berghang gespeist wird. Der Wald hat vor allem in den Wintermonaten etwas Schauriges an sich. Der Moorboden ist weich. "Hier hält sich die Sonne länger als gewöhnlich", erzählt Sepp Hundegger, dem das Stück Wald gehört, auf dem die Tanne steht. "In Wegscheid ist man es gewöhnt, dass die Sonne im Winter normalerweise gegen vier Uhr hinter dem Brauneck verschwindet." Anders aber ist es in diesem Stück Wald. Aufgrund einer Ost-West-Krümmung der Jachen blinzelt die Sonne erheblich länger durch die Bäume hindurch. Versteckt sie sich dann hinter den Bergen, wird es ganz plötzlich dunkel, stockdunkel. "Wenn dann auch noch der Nebel aufsteigt, fühlt man sich wie in einem Edgar-Wallace-Film. Auch ich schaue dann, dass ich weiterkomme", sagt der 53-jährige Waldbauer.

Auf dem Waldboden wächst Moos. Streunt man hindurch, geht man wie auf Federn. Man muss nicht tief graben, schon begegnet einem schwarzer Humus. Sepp Hundegger kann sich erinnern, dass früher, als er noch klein war, regelmäßig "Zigeuner" in die Gegend kamen. "Sie blieben ein paar Tage und stellten ihr Lager am früheren Fußballfeld auf. Später wohnten sie auch am Lenggrieser Festplatz." An die zehn bis zwölf Familien sollen es gewesen sein. Früher zogen sie überwiegend mit Wohnmobilen herum, später mit Lastwägen und Pickups. Sie sind offenbar von weiter her gekommen - mit Kennzeichen aus dem Landkreis Rottal-Inn. "Sie haben ihre Wassertanks immer an dieser Quelle aufgefüllt", erzählt er. "Vermutlich haben sie sich untereinander weitergegeben, dass es hier gutes Wasser gibt." Die Quelle ist kalt und heißt bei den Wegscheidern - wen wundert's? - "das Zigeunerbacherl".

In der Sage geht sie als Gespenst um

Zwischen den Lenggrieser Ortsteilen Wegscheid und Bäcker, nahe der Jachen, lagerte an einer Quelle, die aus einem Berghang gespeist wird, ein Trupp "Zigeuner", wie es in der Erzählung heißt. Unter ihnen befand sich eine wunderschöne junge Frau, die eines Nachts starb. Die anderen erhoben großes Wehklagen, schaufelten ein Grab und legten den Leichnam hinein. Als Grabbeigabe legten sie neben Gold- und Silberschmuck eine große Kiste Gold bei. Anfangs kehrten sie alle sieben Jahre zurück, später blieben sie aus und niemand kümmerte sich mehr um das Grab. Doch eine Tafel mit dem Bild der "Zigeunerin" erinnert noch heute an das schöne Mädchen. In einer anderen Version der Erzählung heißt es, dass an diesem Ort ein Ehepaar lebte. Als der Mann eines Abends betrunken heimkam, habe er seiner Frau in Trunkenheit einen Prügel über den Kopf gehauen. Die "Zigeunerin" starb an dieser Wunde. Der Mann bereute seine Tat nicht, im Gegenteil. Er kommentierte seine Tat mit den Worten: "Olte, hoscht die Welt lang g´nua g´sech´n".

Der Sage nach soll die tote Frau als Gespenst umgehen. Manch einem soll nahe der Stelle, wie zum Beispiel auch einem "Toni", beim "Zigeunerbrunnen" eine schwarze, unheimliche Gestalt begegnet sein, die wie aus dem Boden herausgewachsen war. gri

Da die Tafel schon mehrere Male erneuert wurde, weiß keiner mehr genau, wann sich die Geschichte ereignet haben soll. Auch Manuela Strunz vom Lenggrieser Gemeindearchiv kann sie zeitlich nicht eindeutig einordnen. Belege für die Wahrheit der Geschichte habe sie nicht. Aufgrund ihrer Erfahrungswerte über Sagen und Legenden geht sie aber davon aus, dass die erste, harmlose Variante der Wahrheit wohl am nächsten kommt. Neu auch für sie ist die Erzählung der gleichen Geschichte aus Sicht der Sinti. In einem kürzlich erschienenen Märchenbuch heißt es, Sinti hätten mehrfach in der Jachenau gastiert, um dort handgemachte Weidenkörbe zu verkaufen. Die verstorbene Sinteza soll Maiblum geheißen haben. Sie soll, während die übrigen Sinti in Lenggries Körbe verkauft haben, von einem einheimischen Holzer umgebracht worden sein. Da es für Sinti keine Rechtsstaatlichkeit gegeben habe, sei keine Gendarmerie geholt worden. Als Grabbeigabe legten sie eine große Kiste Gold bei. Auch in dieser Geschichte heißt es, dass Maiblum an ihrem Todestag im April mehrfach Wanderern und Autofahrern erschienen sei.

Die 2014 gestorbene Tölzer Schriftstellerin Sigrid Heuck ist ebenfalls auf die Geschichte vom "geheimnisvollen Bild im Baum" eingegangen. Sie hat die Erzählungen darüber zum Anlass genommen, einen Jugendroman zu verfassen, der rassistisch behaftete Vorurteile gegenüber Sinti und Roma behandelt. Er spielt vor etwa 200 Jahren. Die Autorin erklärt den Tod der "Zigeunerin", die hier Sara heißt, mit einem Unfall.

Die jetzige Tafel ist nach Hundeggers Einschätzung fast 50 Jahre alt. Er hat noch ein Foto vom Vorgängerbild im Kopf. Demnach hatte auch darauf die Frau eine Tonkopf-Pfeife in der Hand und war reich geschmückt. Doch das Bild soll feiner gemalt gewesen sein. "Der Blick war anders!", erinnert sich Hundegger. "Die Frau hatte einen dreidimensionalen Blick. Sie schaute einem nach, egal von welcher Richtung man sie ansah."

Auffällig findet Archivarin Manuela Strunz die Verbindung von Schatz und Quelle, das sei eine häufige Kombination bei Legenden. Die Stelle des Grabes von Sara oder Maiblum kenne aber niemand mehr. Es gebe auch keine Anzeichen dafür, dass nach dem Grab oder Schatz schon einmal gesucht worden war. Interessant aber ist die Tatsache, dass auch heute wieder ganz in der Nähe dieser Stelle ein moderner Schatz vergraben ist. Geocaching-Fans haben hier nämlich einen Ort markiert, wonach Leute, die an der weltweiten Internet-gesteuerten Schatzsuche teilnehmen, mittels GPS-Daten einen kleinen Schatz aus der heutigen Zeit finden können.

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