SZ-Serie: Heimatwerkstatt:Schlicht schön

Lesezeit: 3 min

In seiner Schreinerei in Sachsenkam designt Alv Kintscher luxuriöse Möbel, Tische und Yachtausstattungen aus Altholz. Seine Unikate bringen bayerische Gemütlichkeit in die Moderne - und in die Welt.

Von Veronika Ellecosta

Rissig und spröde lehnt ein graubrauner Baumstumpf mit knorrigem Wurzelwerk vor dem Eingang zu Alv Kintschers Schreinerei. Hinter den Türen tönt handwerkliche Emsigkeit: Da wird Holz umgeschichtet, gehobelt und lackiert und leise dudelt Musik dazu. Kintscher streicht liebevoll über den Baumstumpf. Er hat ihn in der Mangfall entdeckt, erzählt er, in Kies eingegraben, herrlich. Eichen im Moor, Treibholz, vom Blitz getroffene Bäume - der Designer setzt solche Fundstücke in seiner Sachsenkamer Werkstatt ästhetisch in Szene: Zusammen mit Stahl, Filz, Leder werden daraus moderne, geradlinige Möbel, Küchen oder Yachtausstattungen.

Die wilden Strukturen von Altholz sind dabei Alv Kintschers Kleinodien. Der 56-Jährige sucht es oder stolpert förmlich drüber, wenn er unterwegs ist. Hat er sich erst in eines dieser Gebilde von Natur, Zeit und Witterung verguckt, wird das Objekt von Mitarbeitern abgeholt - mit Schneeraupen vom Brauneck etwa, oder, wie der Baumstumpf aus der Mangfall, mit schwerem Gerät geborgen. Seit nun mittlerweile 24 Jahren will Alv Kintscher das, was man unter bayerischer Gemütlichkeit versteht, zeitgemäß aufarbeiten. Und die meisten Menschen empfinden nun mal Holz als urgemütlich, nur nicht mehr in Form von alten, schweren Bauernmöbeln und aufwendigen Schnitzereien, sagt er. Deshalb kleidet Kintscher Holz oder unbehandelten Schwarzstahl in Filz, arbeitet knorrige Strukturen aus Schwemmholz heraus und gestaltet aus Baumscheiben Couchtische und aus Stämmen Kamine und Leuchten. Jedes Stück ein Unikat und mit der unverwechselbaren Handschrift des Designers. Nur einen Bruchteil seiner Arbeiten stellt er im neuen Ausstellungshaus in Rottach-Egern am Tegernsee aus.

Alv Kintscher

Schreinermeister, Geschäftsinhaber, Inneneinrichtungs-Designer, Creative Director und Chef eines gut 50-köpfigen Unternehmens: Alv Kintscher.

Viele seiner Fundobjekte inspirieren Kintscher erst nach der Bergung zu ihrer neuen Form. Manchmal gibt aber auch das Gestaltungsteam die Verwendung vor und er hält Ausschau nach dem dazu passenden Objekt. Für das Holz aus der Mangfall hat der Designer bereits eine Verwendung gefunden: Es wird Atmosphäre in einem Penthouse in München schaffen. Villen, Ferienappartements und Chalets, aber auch Yachten gehören zu Kintschers Arbeitsplätzen, Maria Furtwängler und Willy Bogner zählt er zu seinen Kunden. Am liebsten ist er Creative Director, in der eigenen Firma ist Kintscher aber auch Schreinermeister, Geschäftsinhaber, Inneneinrichtungs-Designer und Chef des gut 50-köpfigen Unternehmens, obwohl er sich selbst lieber als einer unter Gleichen sieht. Sein Unternehmen lebe vom gleichberechtigten Austausch zwischen den Mitarbeitern, sagt er, wie sein Design vom Austausch zwischen bayerischer Tradition und Moderne lebe. Und vom Dialog mit dem Kunden. Um sie etwa bei einer Haussanierung optimal zu betreuen, hat Kintscher ein neues Konzept entwickelt: Für die Erstgestaltung halten er und sein Team einen Workshop beim Kunden ab, reagieren im Gespräch direkt auf die Ideen und Wünsche und zeichnen gleich dazu den Grundriss. Wenn aus dem Dialog eine Synthese entsteht, dann ist das "ein Gänsehaut-Moment" für Kintscher und sein Team.

Kunde bei Alv Kintscher ist oft, wer einen Wohn- oder Zweitwohnsitz in Oberbayern sein Eigen nennt: Eigentümer von Grundstücken am Tegernsee und im Voralpenland, die die Naturverbundenheit und den Komfort von Kintschers Objekten schätzen und nicht mit großen, wuchtigen Bauten protzen wollen. Seine Kunden haben oft eine gewisse Sehnsucht nach Natur und Einfachheit. Kintscher nennt es "Erdigkeit". So beschreibt er die Sehnsucht, das private Wohnerlebnis weit weg von Vollautomatik und digitalem Multitasking zu gestalten. Diese Strömung entwickle sich diametral zu Menschen, die gerne mit Fernbedienung durchs Eigenheim liefen, findet Kintscher. Er beobachte, dass die derzeitige Corona-Pandemie dieses Bedürfnis nach Ruhe und Einfachheit sogar weiterwachsen lassen habe.

Kintscher selbst hat diese Sehnsucht früh erkannt. Er schwenkt einen Espresso Macchiato in einem Glas mit uneben geschliffener Kante, trägt Dunkelblau und eine schwarz umrahmte Brille im schwarzgrauen, lockigen Haar. Draußen hinter der Glasfront im Büro der Schreinerei treffen am Horizont blauer Himmel und Voralpenberge kantig aufeinander. In seinem eigenen Wohnhaus, einem selbst renovierten Bauernhaus aus dem Jahr 1528, hat er einen Außenschlafplatz eingerichtet, erzählt Kintscher, damit er unter dem Sternenhimmel schlafen kann.

Sein neues privates Herzensprojekt ist ein alter, maroder Airstream-Wohnwagen, den er im Osten Deutschlands gekauft hat. Der Wohnwagen soll im Kintscher-Stil umgebaut und eingerichtet werden, sogar eine Klappe für eine Terrasse ist geplant. Sein rollendes Gästezimmer soll das Wohnmobil werden, sagt der Designer. Demnächst will er nämlich aus dem alten Bauernhaus ausziehen und zu seiner Frau an den Ammersee übersiedeln. Das bedeutet für Kintscher, sich zu verkleinern. Eine Sehnsucht, die ihm ohnehin aus dem Herzen spricht: schlicht, aber schön.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB