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SZ-Serie Dorfdynastien:Unter Strom

Serie: Dorf Dynastien

Aufstellen zum Familienfoto: die zehn Kinder von Hans Mock.

Der Ickinger Ortsteil Dorfen ist bekannt dafür, dass es hier Mocks in enormer Anzahl gibt. Als Großfamilie mit reichem Kindersegen haben sie das Dorfleben ebenso geprägt wie mit ihrem handwerklichen Geschick: Als Elektropioniere brachten die Vorfahren Strom bis ins letzte Gehöft

Von Susanne Hauck

Auch wenn sich die Nachkommen mittlerweile ein wenig verstreut haben, der Name Mock kommt im Ickinger Ortsteil Dorfen immer noch rekordverdächtig oft vor. "Wenn man das Dorfener Telefonbuch aufgeschlagen hat, da gab's eigentlich nur Mocks", schmunzelt Konrad Mock. Auch sein Vetter Sepp Mock ist schon hundertmal auf die Häufigkeit angesprochen worden. "Es kimmt glei die Frage, und welcher Mock san Sie hernach?" Dass die Familie in der Gegend so bekannt ist, dazu tragen auch das handwerkliche Geschick und die Tüchtigkeit ihrer Vertreter bei. Auffällig viele Mocks haben sich selbständig gemacht und betreiben ihre Berufe als Elektriker, Elektromaschinenbauer, Schreiner, Zimmerer, Maurer, Bauunternehmer, Schneiderin, Architekt oder Ingenieur sehr erfolgreich. Müde Wanderer können in das Mocksche Wochenendcafé "Sterngugga" einkehren, und der kleine Edeka, den es früher mal in Dorfen gab, gehörte auch den Mocks.

Es waren die beiden Brüder Adi (Adolf) und Hans Mock, die mit ihren Großfamilien für den reichen Kindersegen im Dorf sorgten. Konrad Mock hat neun weitere Geschwister, Sepp vier. Als bayerisches Bürgergeschlecht besitzen die Mocks sogar ein eigenes Wappen mit Löwen und allem Drum und Dran.

Serie: Dorf Dynastien

Der erste Familiensitz der Mocks war die Dorfener Hufschmiede.

Der Mockweiher

Die Dorfener Zweiglinie stammt ursprünglich aus Schäftlarn. Ein Zeugnis dafür ist der wohl nach der Familie benannte "Mockweiher" in Kloster Schäftlarn. Im Jahr 1898 kaufte Konrads und Sepps Urgroßvater Vinzenz Mock die Dorfener Hufschmiede in der heutigen Meilenberger Straße 32. Großvater Vinzenz junior war dann der erste, der den Wandel im Handwerk mitmachte und den bahnbrechenden neuen Beruf als Elektriker lernte. Zwar war es bis zur Lehrstelle im neu gegründeten Elektrizitätswerk in der Weidacher Kastenmühle nicht weit. Aber um den Strom auf die Dörfer zu bringen, brauchte es in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts echten Pioniergeist. Die Leute auf dem Land standen der Elektrifizierung anfangs sehr misstrauisch gegenüber, war ihnen die neue unsichtbare Energie aus der Steckdose doch noch ziemlich unheimlich.

Vinzenz' Söhne Adi (Jahrgang 1921) und Hans (Jahrgang 1923) stiegen nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft ebenfalls in die zukunftssichere Elektrobranche ein. Adi machte mit der klassischen Elektroinstallation weiter, die in den Wiederaufbaujahren auf dem Land so richtig losging und legte Stromanschlüsse bis ins letzte Gehöft. Er übernahm auch den Orgelumbau in der Pfarrkirche Wolfratshausen oder die Stromversorgung des Kinos im ehemaligen Bernrieder Hof (heute Musikschule). Mit dem Horex-Motorradl, dem Rucksack hinten drauf und die Kabel und Röhrl noch irgendwie dazwischen geklemmt, brauste er dafür los, wie sich sein Sohn Sepp erinnert, der das Elektrogeschäft vom Vater übernommen hat. Nach wie vor besteht es im 1650 erbauten Mesner-Haus gegenüber der Kirche, das Adi 1961 erwarb, als der Bauer an den Ortsrand aussiedelte.

Unvergessen ist auch der Lebensmittelladen, den Adis Frau Erika 1967 zur Versorgung der Dorfbevölkerung im ausgebauten Stall aufmachte. Schulkinder kauften hier ihre Pausenbreze, Handwerker ihre Wurstsemmel und Hausfrauen die Zutaten fürs Mittagessen. Seitdem er 1983 geschlossen werden musste, gibt es kein Geschäft mehr in Dorfen. "Es kamen die großen Discounter, wo der Zucker billiger war, und die Leute fuhren lieber dorthin", bedauert Sepp Mock.

Adis Bruder Hans spezialisierte sich als Ankerwickler auf Umbau und Reparatur von Elektromotoren. Viele Aufträge kamen aus der jungen Industriestadt Geretsried. Handwerk und Landwirtschaft begannen damit, sich mit Motorkraft die kräftezehrende Handarbeit zu sparen, ein gewaltiger Fortschritt. Konrad Mock erinnert sich an die ersten Jahre, als der Vater mit einem speziell umgebauten Schubkarren zu den Bauernhöfen fuhr, wo der Generator nacheinander für die verschiedenen Geräte verwendet wurde, von der Dreschmaschine bis zur Odelpumpe.

"Fünf Buam und fünf Madl"

Mit Stolz erzählt der gelernte Maurer, dass der Vater 1950 mit den eigenen Händen das Häuschen im Außenbereich von Dorfen, dem heutigen Straßfeld, für seine junge Familie baute. Es war mit einem Grundriss von lediglich sechs auf sechs Metern so klein, dass es nach heutigen Verhältnissen gerade mal die Größe einer Doppelgarage hatte. Im Erdgeschoß gab es nur zwei Räume: Küche und Elternschlafzimmer. Die Kinder schliefen in der Kammer unterm Dach auf sogenannten "Kastenmatratzen" - Polster, unter die der Vater Vierkanthölzl genagelt hatte. Trotz der beengten Verhältnisse gab es kurioserweise zwei Zimmer, die nie benutzt werden durften - für den Fall, dass Gäste kamen. "Fünf Buam und fünf Madl waren wir dahoam", berichtet Konrad, Jahrgang 1952 und damit der Drittälteste der zwischen 1948 und 1966 geborenen Geschwisterschar. Er weiß noch, dass es im ungeheizten Kinderzimmer so kalt war, dass sie im Küchenherd heiß gemachte und mit Zeitungspapier umwickelte Dachziegel unter die Bettdecke geschoben bekamen. Ein Badezimmer war ebenfalls noch unbekannter Luxus. Stattdessen stellte die Mutter samstags ein verzinktes Wandl in die Küche. In das heiße Wasser durften alle nacheinander eintauchen, bevor es ins Bett ging. Dann richtete die Mutter die Hosen der Buben wieder her. Jeder von ihnen hatte nur zwei Stück, eine kurze Lederhose für den Sommer und eine Bundhose für den Winter, die sie Tag für Tag trugen. "Die Mutter hat sie samstags ausgebürstet und mit schwarzer Schuhcreme eingecremt, damit's am Sonntag wieder schee san." Satt wurden sie alle, obwohl das Geld in der zwölfköpfigen Familie knapp war und nur einmal in der Woche Fleisch auf den Tisch kam. Werktags gab es Mehlspeisen wie Rohrnudeln und Hasenöhrl, zum Leidwesen der Kinder aber noch viel öfter das verhasste "Griasmus." "Die Mutter hat nicht verstehen wollen, dass das niemand mochte und hat es immer wieder gekocht", schmunzelt Konrad.

Die jungen Mocks mussten viel mithelfen. Nach der Schule wurden die einen in der Werkstatt des Vaters eingespannt, die anderen im Haushalt zum Putzen und Geschirr waschen. Trotzdem fehlte es nichts und die Eltern waren streng, aber gerecht und liebevoll. Niemand von den zehn Geschwistern sei bevorzugt worden, unterstreicht Konrad Mock. Ähnlich gute Erinnerungen an seine Kindheit hat Sepp Mock. "Wir kannten es ja nicht anders, für uns war das Leben mit vielen Geschwistern ganz normal."

© SZ vom 12.01.2021
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