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SZ-Serie: "Dorfdynastien":Tierliebe im Erbgut

Serie Dorfdynastien Familie Heuck Bairawies

Marie-Luise Heuck war eine ungewöhnliche Frau für ihre Zeit. In Bairawies machte sie sich mit Shetland-Ponys einen Namen.

Marie-Luise Heuck kam nach dem Krieg nach Bairawies, wo sie als Züchterin von Shetland-Ponys berühmt wurde. Ihr Sohn hielt Bergschafe, ihre Enkelin lebt nun wieder mit Pferden auf dem Hof.

Von Anja Brandstäter

Eine geschiedene Frau mit zwei Kindern kauft einen alten Bauernhof in Bairawies. Im Jahr 1947 war das alles andere als üblich. Und dann kommt sie auch noch von auswärts, aus der Gegend um Mannheim. Also "a Preiß". Hebamme hatte sie gelernt, nicht, weil es ihr Traumberuf war, sondern weil die Eltern darauf bestanden haben, dass sie etwas Nützliches lernt. Ihr Herz jedoch schlägt für die Landwirtschaft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzt Marie-Luise Heuck ihren Traum deshalb um. Sie sucht nach einem Bauernhof mit angrenzenden Weideflächen nahe der Alpen. Die Alpenluft tue ihrem an Asthma leidenden Sohn gut, rieten ihr die Ärzte. In Bairawies wird sie fündig. Das Dorf bestand damals aus ein paar Höfen und der Tafernwirtschaft, die ein lebendiger Treffpunkt war. Die Straßen im Dorf waren nicht geteert und hatten Schlaglöcher. Die elegante, groß gewachsene Frau kaufte das heruntergekommene Anwesen aus dem 18. Jahrhundert an der Dorfstraße. Bereits ein Jahr später war die Renovierung so weit vorangeschritten, dass sie und ihre beiden Kinder Peter und Sigrid dort einziehen konnten.

Schon in ihrer Mannheimer Zeit hatte Marie-Luise Heuck Araber-Pferde gehalten. Doch nun wollte sie eine kleinere Pferderasse züchten, nämlich Shetland-Ponys. Auch das war nicht gerade üblich. Viecher, die keinen direkten Nutzen bringen, braucht doch kein Mensch, war die damals vorherrschende Denkweise auf dem Land. Und weil diese Viecher so klein waren, konnte man nicht einmal darauf reiten, es sei denn man war noch ein Kind. Darum ging es Heuck aber auch gar nicht. Ihr Ziel war es vielmehr, in Bairawies die schönsten und edelsten Shetland-Ponys Deutschlands zu züchten.

Bei der Zucht dieser Tiere gab damals Großbritannien den Ton an. Deshalb importierte Heuck eine ihrer Stammstuten aus dem Königreich. Der angehenden Züchterin schwebte ein besonderer Typ vor: edle Köpfe, graziler Körperbau, guter Gang, lange Mähne und möglichst gepunktet, sogenannte Tiger. Den Namen "von Bairawies" ließ sie in die Stammbäume ihrer Pferde eintragen. "So hieß zum Beispiel eine Stute Gloria von Bairawies", erinnert sich die Züchterin Angelika von Courten.

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Regelmäßig nahm Heuck mit ihren Ponys an Zuchtschauen teil, von denen sie nicht selten mit einem Pokal nach Hause kam. Und das, obwohl die von Männern dominierte Konkurrenz groß war.

Um Platz für die Zucht zu gewinnen, ließ Marie-Luise Heuck bereits 1955 den ehemaligen Kuhstall erweitern, Garagen und eine Tennenauffahrt anbauen. In den 1960er Jahren erfolgten dann auch erhebliche Umbauten am Haus: Der Dachstuhl wurde erhöht, so dass Stall- und Hausdach auf gleicher Höhe lagen, was bis heute das Erscheinungsbild des Gebäudes prägt.

Regelmäßig nahm Heuck mit ihren Ponys an Zuchtschauen teil, zum Beispiel bei der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft, von denen sie nicht selten mit einem Pokal nach Hause kam. Und das, obwohl die von Männern dominierte Konkurrenz groß war. Doch Heuck wusste ihre Tiere in Szene zu setzen. Nicht nur, dass sie hervorragend erzogen waren und aufs Wort hörten. Ihre langen, weißen Mähnen waren zudem stets mit einem winzigen Schuss Blaufärbemittel getönt, das Heuck selbst für ihre Haare verwendete. So standen die perfekt herausgeputzten Pferde vor einer Jury, die praktisch gar nicht anders konnte, als sie mit dem ersten Preis auszuzeichnen. Heuck ging es jedoch nicht um Makellosigkeit. Ein Spruch über der Tür zu ihrem Wohnzimmer lässt darauf schließen, dass sie genau wusste, dass auch das schönste Ross kleine Fehler haben darf: "Wer Pferd und Frau sucht ohne Mängel, hat nie im Stall ein gutes Pferd, im Haus nie einen Engel."

Auch für ihre beiden Kinder Peter und Sigrid war Bairawies ein Paradies. Beide pendelten zum Studium nach München und waren froh, abends wieder zu Hause zu sein. Viele Freunde besuchten die Heucks, und schon bald war die Idee geboren, regelmäßig professionell eine sogenannte Quadrille zu veranstalten. Dabei werden die Pferde vor einen Sulky, einen zweiachsigen Wagen, gespannt und vom Fahrer über einen einstudierten Parcours gelenkt. Die Sulkys für die kleinen Ponys ließ Marie-Luise Heuck eigens in Leichtbauweise in Daglfing bei Sulkysport Maier anfertigen, denn solche Wagen gab es bislang nur für die wesentlich größeren Traber. Außerdem ließ Heuck bunte Trikots nähen und kaufte Sturzhelme für die Fahrer. Acht Jugendliche waren schnell gefunden, die unermüdlich eine Choreografie zu flotter Charleston-Musik einübten. Es folgten Auftritte auf der Nutztierschau des Bayerischen Zentral-Landwirtschaftsfests in München, bei der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) in Frankfurt oder auf der Consumenta in Nürnberg.

Heuck scheute keine Mühe: Ein Großtransporter wurde gechartert, acht Ponys, acht Wagen und acht Kinder mussten schließlich transportiert werden. Die Züchterin wusste aber auch, dass sie damit eine starke Außenwirkung erzielte und die Werbetrommel für ihre Vierbeiner rührte, denn die Auftritte wurden per Lautsprecher angesagt. Bei Insidern war ihre Quadrille berühmt und bestand, bei wechselnder Besetzung und Trainern, jahrzehntelang. Trainerin Katharina Flaschenträger erinnert sich: "Es war jedes Mal ein großes Abenteuer und eine Teamarbeit, denn jeder musste auf den anderen aufpassen und sehr präzise sein Pony lenken. Das Wichtigste war jedoch, dass Pferd und Fahrer zusammen passen." Damit sich die Tiere an Musik und an laute Geräusche gewöhnten, lief bei der Stallarbeit in Bairawies meist das Radio.

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Heute lebt Marie-Luise Heucks Enkelin Farida mit Mann und Töchtern auf dem Hof.

Neben Ponys hatte Marie-Luise Heuck auch einen Faible für Königspudel, Esel, Schafe, Ziegen und Papageien. Von all diesen Tieren hielt sie ein Paar auf ihrem Hof. Und für frische Eier sorgte eine Schar Hühner. Auch eine Katze war bei ihr zu Hause. Auf Kinder übten die Tiere eine magische Wirkung aus. So lernten die beiden Enkeltöchter Marietta und Farida bei ihrer Großmutter alles über Tierhaltung und Zucht. Um zum Hof zu gelangen, liefen die beiden nur zehn Minuten die Dorfstraße hinunter. Denn Peter Heuck, der zwei Doktortitel in Veterinärs- und Humanmedizin erworben hatte, lebte mit seiner Familie ebenfalls in Bairawies und arbeitete in seiner Praxis in Geretsried.

Inzwischen war Marie-Luise Heuck in Züchterkreisen hoch angesehen. Günter Schmid aus Eichstätt nennt sie beispielsweise die "Grand Dame der Shetland-Pony-Zucht". Er kaufte ihr einige Ponys ab und erinnert sich an seine Besuche: "Wenn ich nach Bairawies fuhr, leuchteten die weißen Ponys auf den grünen Wiesen. Das Gestüt war so gepflegt, vom Stallboden hätte man essen können." Bis heute pflanzen sich die guten Gene der Shetland-Ponys von Marie-Luise Heuck fort und tragen in den Zuchtbüchern weiterhin den Namen "von Bairawies".

Marie-Luise Heuck starb im Jahr 1989. Bis zum Schluss ging sie morgens zu allererst in den Stall und fütterte die Tiere. Mit ihrem Tod endete zwar die Ponyzucht, aber die Liebe zu den Tieren hat sie an ihre Kinder weitergegeben. Das Herz des Sohnes schlug mehr für Wiederkäuer als für Ponys. So wurde aus dem Gestüt eine Schafzucht. Mindestens eines hatte er aber mit seiner Mutter gemeinsam: Auch Peter Heuck, der in den besten Zeiten mehr als 100 Tiere hielt, legte großen Wert auf hervorragende Zucht des Alpinen Bergschafs und nahm an Zuchtschauen teil. Diese Rasse ist robust und an Hochgebirgslagen angepasst. Die Schafe pflegen bis heute die Wiesen der Familie und sind fester Bestandteil von Bairawies geworden. An manchen Tagen läuft die Herde die Dorfstraße hinunter, von einer Weide im oberen Teil des Dorfs in den Stall.

Vor fünf Jahren wagte Farida Heuck-Yoo einen Neuanfang mit Islandpferden

Marie-Luise Heucks Tochter Sigrid wurde Schriftstellerin und lebte mit Pferden und Hunden seit 1949 in der Grabenmühle bei Einöd. Im kleinen Stil züchtete sie Connemara-Ponys, eine robuste Rasse aus Irland, später Pasos aus Peru. Viele ihrer Bücher handeln vom Leben mit Tieren.

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Vor fünf Jahren stand es schlecht um die Schafzucht. Bis Marie-Luise Heucks Enkelin kam.

Vor fünf Jahren stand es schlecht um die Schafzucht. Dem mittlerweile weit über 80-jährigen Peter Heuck und seiner Frau Ruth wuchs die Arbeit über den Kopf. Neben den vielen Schafen lebten noch drei Esel und eine Schar Hühner auf dem Hof, der zu dieser Zeit vermietet war. Kurzentschlossen hängte die Tochter des Ehepaars, Farida Heuck-Yoo, ihre Karriere als Künstlerin mit Wohnsitz in Berlin an den Nagel, verzichtete auf Lehraufträge und zog nach Bairawies. "Plötzlich merkte ich, dass die Eltern das alles nicht mehr schaffen", erzählt sie. "Die Esel hatten so lange Hufe, dass sie fast nicht mehr laufen konnten. So etwas wäre früher nie vorgekommen." Zusammen mit ihren beiden Töchtern und ihrem Mann, der ebenfalls in der Kunstszene zu Hause ist, wagte sie einen Neuanfang in Bairawies: diesmal mit Islandpferden.

Mittlerweile ist der Geist der Großmutter wieder eingezogen. Drei Fohlen wurden bereits auf dem Hof geboren, neben den Schafen hält Farida Heuck-Yoo drei Esel, eine Schar Hühner, eine Katze und einen Hund. "Die Stadt vermisse ich kein bisschen", sagt sie.

© SZ vom 20.02.2021
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