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SZ-Serie: Aus dem Nichts:Jubiläumsjahr ohne Festumzug

Ein Bild aus unbeschwerten Tagen: das Jugendblasorchester "Vilberg skolekorps" aus Eidsvoll beim Geretsrieder Sommerfest 2006.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Heuer muss das Defilee in Geretsried ausfallen. Vor 50 Jahren reiste erstmals eine Kapelle aus Norwegen an

Von Benjamin Engel, Geretsried

Eindrücke aus der Kindheit bleiben oft genau in Erinnerung: Helmut Hahn war noch ein Junge im Grundschulalter, als er im Defilee für das Geretsrieder Volksfest im Jahr der Stadterhebung 1970 mitlief. "Ich bin als Taferlbua mitgegangen", sagt der heutige End-Fünfziger. Das heißt, dass der Vorsitzende der örtlichen Egerländer Gemeinde, im Dialekt der früheren Heimat Eghalanda Gmoi z'Geretsried, damals mit dem Schild des Vereins den übrigen Mitgliedern voraus lief. Seitdem hat er alle Festzüge in der Stadt mitgemacht, wie er schildert. Am diesjährigen letzten Juliwochenende hätte alles noch feierlicher werden sollen - mit historischen Schaustücken und Musikgruppen aus befreundeten Kommunen. Es sollte einer der Höhepunkte zum 70-jährigen Gemeinde- und 50-jährigen Stadterhebungsjahr werden.

Doch im Doppeljubiläumsjahr wurden solche städtischen Großveranstaltungen wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Das findet Hahn "sehr schade". Schließlich hatte die Eghalanda Gmoi schon viele Ideen für den historischen Festzug am 24. Juli gesammelt. Sie hätten sich etwa überlegt, ob sie den alten egerländischen Kammer-, sprich Hochzeitswagen wie schon zu den Feierlichkeiten vor zehn Jahren wieder organisieren sollten, schildert Hahn. In dem von Ochsen gezogenen Gefährt transportierten Egerländer Bräute früher ihre Aussteuer vom Bettzeug bis zur Wäsche.

Zum abgesagten historischen Festzug hätte auch das Schulorchester Vilberg Skolekorps aus der norwegischen Stadt Eidsvoll nach Geretsried reisen sollen. Die Freundschaft zu den Skandinaviern begann, als ein Egerländer aus Geretsried in den 1960er Jahren dorthin heiratete. Ihn bat die Band um einen Tipp für eine Ausflugsreise nach Deutschland. So kam das Vilberg Skolekorps 1970 erstmals nach Geretsried. Zur Tradition wurde es seitdem, dass die Eidsvoller alle fünf Jahre nach Oberbayern fahren. Eine Kapelle aus Geretsried pflegte Gegenbesuche. "Wir hätten uns wieder gefreut, wenn wir uns sehen", sagt Hahn. Im Moment sei aber noch wichtiger, dass kein Mitglied der Kapelle von einer Infektion mit dem Coronavirus betroffen sei. "Im Umfeld ist alles normal." Nur der Flug habe storniert werden müssen.

Als dramatisch möchte Hahn die Absagen der Veranstaltungen an diesem Juliwochenende nicht bezeichnen. Für die Eghalanda Gmoi sei das heuer ja nicht der erste Ausfall einer Veranstaltung. Sonnwend- und Maifeier hätten auch nicht stattfinden können. "Was uns mehr trifft, ist, dass nichts zusammengeht, dass man sich nicht treffen kann." Sing- und Tanzproben fielen etwa derzeit komplett aus.

So wie den historischen Festzug musste die Stadt zahlreiche für das Doppeljubiläumsjahr geplante Feiern absagen. Wie Rathaussprecher Thomas Loibl erklärt, soll daher eben 2021 nachgefeiert werden. Fraglich sei aber, in welcher Form das überhaupt möglich sein werde. Das hänge davon ab, wie sich die Corona-Pandemie entwickle. Das trifft etwa auch den ursprünglich für die Zeit vom 31. Juli bis 9. August dieses Jahres geplanten Waldsommer, wie das Geretsrieder Sommerfest seit 2017 heißt. Es soll, wenn möglich, in anderer Form und zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden.

Auf seiner Homepage hat Festwirt Christian Fahrenschon das Geretsrieder Volksfest schon für den 7. bis 23. August terminiert. Das bedeute aber keineswegs, dass der Waldsommer in diesem Zeitraum definitiv stattfinden werde, sagt Rathaussprecher Loibl. Derzeit sei die Stadt noch in Gesprächen mit dem zuständigem Gesundheitsamt und dem Tölzer Landratsamt. Die Behörden müssten erst prüfen, ob das Alternativkonzept des Festwirts unter den gültigen Hygiene- und Abstandsregeln auch umsetzbar sei. Auf jeden Fall dürfe der Waldsommer kein Beschleuniger für die Ausbreitung der Corona-Pandemie wie in Ischgl werden, sagt Loibl.

© SZ vom 25.07.2020

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